Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 84 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der 1996 verstorbenen Sängerin Tamara Danz fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Tamara Danz

 

Vor 15 Jahren starb die Frontfrau der Gruppe SILLY

 

 

So richtig wahrgenommen und in Kritiken ernsthaft besprochen wurde Rock made in GDR in den westlichen Medien bis zum Schluss nicht. Umso mehr wiegt wohl jene Aussage eines Dänischen Musikkritikers aus dem Jahr 1987: „Andere Sängerinnen sind ein gutmütiger Clown im Vergleich zu Tamara Danz, die zerreißt und aufwühlt wie kaum eine andere auf dem europäischen Kontinent in diesen Jahren.“

Vor 15 Jahren, am 22. Juli 1996, erlag die Frontfrau der Berliner Gruppe „Silly“ einem Krebsleiden. Sie war erst 43. Dass ihr Gesicht, ihre Kraft und Intensität, wenn sie auf der Bühne stand, vor allem aber ihre Stimme noch heute, nach all den Jahren, so gegenwärtig sind, stellt die wohl charismatischste Rocksängerin der DDR in eine Reihe mit den ganz Großen ihres Metiers. „Silly“ war ihre Heimat, ihre Familie, seit Gründung der Band im April 1978, beruflich und privat. Mit ihr produzierte die Rockröhre mit der blonden Löwenmähne, die zarter und verletzlicher war, als sie zeigte, drei mit dem Prädikat „Beste nationale Rockplatte“ versehene Scheiben: „Mont Klamott“ (1983), „Liebeswalzer“ (1984), und „Bataillon d`amour“ (1986); 1989 folgte „Februar“, 1993 die „Hurensöhne“- CD und 1996 schließlich, kurz vor ihrem Tod, „Paradies“. Erstmals stammen alle Texte dieser Scheibe von Tamara selbst.

Und will man etwas über den Mensch Tamara Danz erfahren, dann erzählen diese Texte mehr über sie als jeder Lebenslauf. „Wo bist du?“, „Instandbesetzt“, „Flieg“ und „Asyl im Paradies“ zählen zu meinen Lieblingssongs. Tamara sagte, sie habe die Texte schon vor ihrer Krankheit geschrieben, die im Sommer 2005 diagnostiziert wurde. Und doch ist es, als hätte sie eine unbestimmte Ahnung gehabt. „Meine Uhr ist eingeschlafen/ Ich hänge lose in der Zeit/ Ein Sturm hat mich hinausgetrieben/ Auf das Meer der Ewigkeit/ Gib mir Asyl, hier im Paradies/ Hier kann mir keiner was tun/ Gib mir Asyl, hier im Paradies/ Nur den Moment, um mich auszuruhn…“

„Tamara war weicher, sehr viel unsicherer, als sie nach außen hin wirkte“, sagt Silly-Keyboarder Ritchie Barton, mit dem sie viele Jahre zusammen war. „Sie wirkte arrogant, strahlte in Wirklichkeit aber viel Wärme aus“, sagt Silly- Gitarrist Uwe Hassbecker, ihre zweite große Liebe nach Ritchie, mit dem sie die letzten sieben Jahre ihres Lebens in einer Wohnung am Gendarmenmarkt lebte und den sie noch kurz vor ihrem Tod heiratete.

Sie hat es ihren „Männern“ nicht leicht gemacht, war in der Liebe genau so kompromisslos wie im Leben. Sie, die Verletzliche, konnte auch verletzen. In ihrer Zeit mit den „Gitarreros“ hatte sie Uwe näher kennen- und lieben gelernt. Eine schwierige Situation für ihren damaligen Freund. Doch die Freundschaft von Ritchie und Uwe, die Musik und Sound von „Silly“ bestimmten und noch heute bestimmen, hat das letztlich ausgehalten. Sonst gäbe es die Band, die nach Tamaras Tod fast 10 Jahre pausierte, nicht mehr. Uwe: „Tamara hätte nie zugelassen, dass wegen privater Querelen die Band zerstört wird. Ehe hätte einer von uns beiden gehen müssen.“

 Mehr als ein Drittel ihres Lebens war Tamara Danz mit „Silly“ verbunden. Zunächst hatte die Tochter eines Diplomaten (sie verbrachte ihre Kindheit in Rumänien und Bulgarien) nach dem Abitur ein Dolmetscherstudium begonnen. Das brach sie sehr bald ab und bewarb sich an der Berliner Musikhochschule. Dort wurde sie nicht angenommen, wegen „stimmlich und fachlich unzureichender Qualifikation“. Zu dieser Zeit hatte Tamara längst Bühnenerfahrung als Sängerin, sie war im Berliner Oktoberklub, bei den „Cropies“, später u.a. bei „Horst Krüger“. Ihren Berufsausweis erwarb sie dann doch – an der renommierten Musikschule Friedrichshain. 1981 wurde Tamara zum ersten Mal zur „Rocklady Nummer 1 der DDR“ gekürt, drei Mal in Folge erhält sie den Preis. Seit Gründung von „Silly“ 1978 gehörte sie dazu. Bezeichnender Weise hieß die Band damals „Familie Silly“. Es blieb ihre Familie, bis zu ihrem Tod und darüber hinaus.

Ingeborg Dittmann

Abb.: Tamara (noch ohne Haarspray) mit der ersten Band „Familie Silly“, die Gruppe „Silly“ Ende der 80-er Jahre, wie sie die meisten kennen, Tamara im Studio mit schicker 80-er- Jahre-Frisur (v.o.n.u.).

 Fotos: Archiv