Künftig mehr laufen
Verkehrsbetriebe erwägen, komplette Buslinien am Stadtrand einzustellen

Marzahn-Hellersdorf – Müssen viele Bewohner am Stadtrand, besonders in den Siedlungsgebieten, schon bald auf einen Großteil des öffentlichen Personennahverkehrs verzichten? Jetzt bekannt gewordene Pläne der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) legen diesen Schluss nahe. BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta, die bekanntermaßen in Biesdorf wohnt, hat eigenen Aussagen zufolge im Urlaub das Angebot und die Nutzung „ihres“ Unternehmens getestet und will herausgefunden haben, dass zu viel „heiße Luft“ transportiert werde. Daher werden sich die Bewohner am Stadtrand nicht etwa nur auf die schon gewohnte Ausdünnung, sondern auf die Streichung kompletter Linien einstellen müssen.

Es mangelt Sigrid Evelyn Nikutta zufolge mächtig an der Auslastung, sie liege im BVG-Schnitt bei gut 17 Prozent des (theoretischen) Platzangebotes, im Busverkehr sogar nur bei 16 Prozent. „Wo die Fahrgastnachfrage groß ist, werden wir mehr Fahrzeuge einsetzen. Wo die Nachfrage zu gering ist, werden wir jetzt darüber nachdenken, wie man das Angebot kundenfreundlicher gestalten kann“, sagt die BVG-Chefin. Hinter vorgehaltener Hand berichten BVG-Mitarbeiter von massiven Kürzungen („wahre Streichorgien“) im Angebot, die Nikutta bei Verhandlungen um eine Revision des Verkehrsvertrages mit dem Senat durchsetzen möchte. Als Hauptgrund wird hierfür der eklatante Finanzmangel bei der BVG herhalten müssen. Das Unternehmen selbst beziffert seine Etat-Unterdeckung mit 44 Millionen Euro. Es werde eine Senkung von etwa 20 Millionen Euro im Beförderungsangebot angestrebt, heißt es. Die Investitionen in die Infrastruktur sollen um 15 Millionen Euro gekürzt werden, intern geht man von Einsparungen von etwa neun Millionen Euro aus. Sigrid Evelyn Nikuttas Ansinnen ist ja so neu nicht. Die Verkehrsbetriebe haben aber in der Vergangenheit insbesondere bei der früheren Verkehrssenatorin Ingeborg Junge- Reyer auf Granit gebissen. Der aktuelle Ressortchef Michael Müller hat noch keine deutliche Aussage gemacht. Man wolle die Zahlen der BVG erst einmal prüfen, verlautet es aus seiner Verwaltung.

 

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Sigrid Evelyn Nikutta (li., hier mit Jugendstadträtin Juliane Witt) bei der Eröffnung des umgebauten Busbahnhofs Marzahn.
Foto: Privat

Erstaunlich an diesen ist, dass die Fahrgastzahl 2011 im Vergleich zum Jahr davor um fast 15 Millionen auf nun nahezu 940 Millionen stieg, nach BVG-Angaben ist jedoch die Auslastung weiterhin gesunken. Von 18,4 Prozent im Jahr 2009 auf nunmehr 17,2 Prozent der Sitz- und Stehplätze.

Allerdings kann man den Missmut der BVG-Chefin in gewisser Weise verstehen. Außer in den Spitzenzeiten (Berufs- und Schülerverkehr) sitzt in den „Kiezlinien“, wie etwa die Busse 398 oder 399 genannt werden, oftmals der Fahrer über weite Strecken ganz allein. Es hat aber seit Jahren immer wieder Vorschläge gegeben, den Busverkehr auf diesen Linien etwa dahin gehend zu verändern, dass er mit Kleinbussen abgewickelt wird. Bei hohem Aufkommen könnte der Takt, der in „Normalzeiten“ auf 30 Minuten ausgedehnt wird, verstärkt werden. Kleinbusse könnten die Siedlungsgebiete auch im Inneren besser bedienen. Doch von solchen Ideen wollte man weder bei der BVG noch in der Senatsverwaltung etwas wissen. Statt dessen ist erst einmal ein veritabler Streit vorprogrammiert, in dessen Folge Alte, Junge, Arme und Kranke künftig um einiges weiter laufen müssen, um einen Bus oder eine Straßenbahn zu finden. Die dann hoffentlich auch fährt.

Ralf Nachtmann