gelbke1.jpg Kommt das Kaiserreich wieder?
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ärgert sich über Datenverkauf, lässt sich aber nicht von dubiosen Anrufern schrecken

Hatte ich in meiner vorigen Kolumne nicht geunkt, dass während der Fußball-EM klammheimlich Gesetze durch den Bundestag gewinkt wurden, die nicht ganz koscher sind? Diesmal war‘s das Meldegesetz. Nun, einerseits ist es so, dass ich bisher kein Recht hatte, als Hauseigentümer beim Meldeamt zu erfragen, wer sich eigentlich bei mir als Untermieter eingetragen hat, denn, ich schrieb schon darüber, es muss kein Mietvertrag vorgezeigt werden, wenn man sich irgendwo als Untermieter anmelden will. Wie viel Missbrauch damit betrieben wird, darüber möchte ich jetzt nicht nachdenken.

Das ist jetzt geändert worden, also, ich kann mir vorstellen, dass ich nun – natürlich gegen eine Auskunftsgebühr – gegen ungebetene Gäste in meinem Haus Einspruch einlegen kann, immerhin. Aber alle regen sich furchtbar auf, dass die Ämter meine Daten weitergeben dürfen, an wen auch immer. Ich reg mich nicht mehr auf. Ich behaupte sogar, dass sie sie verkaufen. Denn auch dieses Gesetz ist ein Beitrag zur Zusatzfinanzierung unserer Ämter – wie das Knöllchenverteilen.

Datenverkauf scheint mir heutzutage sowieso das einträglichste aller Geschäftsmodelle zu sein, daran würde auch die Rücknahme des Gesetzes nichts mehr ändern. Und ob nun auch noch die Ämter mit meinen Daten handeln, ist eigentlich völlig unwichtig bei der absurden Rechtslage in diesem Land.

Neulich war zum Beispiel ein „Rechtsanwalt“ am Telefon, mit unterdrückter Rufnummernanzeige. Ob ich mich außergerichtlich einigen wolle in der Strafsache WIN 24 gegen Gelbke, wenn nicht, ginge die Sache an den Staatsanwalt. Ich wusste überhaupt nicht, wovon der Mann – leicht fremdländischer Akzent, ich habe da ein sehr feines Gehör – sprach. Er wurde auch etwas pampig in dem Sinne: Wenn ich meine Papiere nicht in Ordnung hielte, sei das meine Sache. Da habe ich dann aufgelegt.

Ich hatte vor Jahren mal einen meiner herrlichen Umsonst-Urlaube bei WIN 24 gewonnen und habe für drei Monate mitgespielt, dann war die Angelegenheit erledigt. Aber offensichtlich hat die Firma meine Daten verkauft. Und wer nun bei dem Reizwort „Staatsanwalt“ panisch reagiert (und das haben wir Deutschen so im Blut), der „einigt sich außergerichtlich “ und zahlt wahrscheinlich hohe Summen auf ein dubioses, so genanntes Anwaltsonderkonto. Ich kenn mich aus, hab ja lange in einer Rechtsanwaltskanzlei als Sekretärin gejobbt. Und trotzdem, auch mir könnte mal ein Fehler unterlaufen: irgendwo „ja“ gesagt am Telefon, die Gauner schneiden die Bandaufnahmen zusammen – und schon sitzt man drin in der Falle. Denn unsere Rechtssprechung … na ja, ich sagte es schon. Warten wir’s ab.

 Jetzt aber schwitze ich mit meinen Kollegen erst einmal auf der Sommer-Theaterbühne in Frankfurt (Oder) und bei Proben für das Programm, das im Herbst Premiere hat. Da geht es um „Harte Zeiten – weiche Kekse“ oder darum, dass alles, was nicht normal ist, heutzutage doch normal ist. Zum Beispiel, dass wir unseren jungen Kollegen Markus Strache- Zakhariya nicht engagieren können, weil das Amt ihn nicht fördert. Das wäre nur möglich, wenn er behindert, psychisch gestört oder kriminell wäre. Hartz IV-Vater und Schauspieler reicht als psychische Behinderung nicht aus – ja, so böse muss man das schon sagen. Nun kommt er sozusagen als Azubi zu uns für das Geld, was er zu den Amtsleistungen dazu verdienen darf. Das nenne ich Idealismus! Und fürs Kabarett lohnt sich so eine altruistische Geisteshaltung auch. Was sind wir doch für Propheten! Dass eigentlich die Verfassungsrichter die Republik regieren, war schon oft Thema unserer Sketche. Da sie nun die Wahlgesetzgebung für verfassungswidrig erklärt haben, ist die Sache noch abstruser. Was sind denn die Konsequenzen dieses Richterspruchs? Neuwahlen unmöglich. Sagen wir ruhig: Wahlen bis auf weiteres sowieso. Heißt das nicht (da unsere Wahlgesetze irgendwie auf dem Recht der Weimarer Republik aufbauen), dass alle Wahlen rückwirkend bis zum 19. Januar 1919 ungültig sind und wir wieder ein Kaiserreich haben?

Na, das isses doch, was wir mit unserem Sommerprogramm proklamieren: Angela Merkel – Kanzlerin und Kaiserin in Personalunion. Auf alle Fälle würden ihr die Machtinsignien gut stehen. Oder? In diesem und dem olympischen Sinne: God save the Queen!
Eure Daggie 
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Foto: Oderhähne