Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 105

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Komponisten Gerd Natischinski fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Gerd Natschinski

 

Der Musical-König


Rund 70 Filmmusiken, 13 Musicals, Operetten und Ballette, mehr als 600 Schlager und Chansons und etliche Orchesterwerke schrieb der Erfolgskomponist. Am 23. August wird er 85 Jahre alt.

1928 wird der erfolgreichste Musical- und Filmkomponist der DDR in Chemnitz geboren. Er wuchs in Dresden in einem musikalischen Elternhaus auf. Seine Mutter war Opernsängerin. Schon als Zehnjähriger beginnt er zu komponieren und kleine Theaterstücke zu verfassen. 1945/46 studiert er an der Musikhochschule Dresden Komposition, doch auf Wunsch seines Vaters bricht er das Studium ab. Er soll Geld verdienen. Das sollte ihm im Laufe seines weiteren Lebens recht gut gelingen, zunächst bescheiden als Musiklehrer und Kantor. Klavier- und Kompositionsunterricht nimmt er privat in Chemnitz. 1948 geht er nach Leipzig. Dort übernimmt Natschinski mit gerade mal 20 Jahren die Leitung des Großen Unterhaltungsorchesters des Leipziger Rundfunks. 

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Schon damals bringt er etliche eigene Kompositionen zur Aufführung. Zwischen 1950 und 52 ist er Meisterschüler bei Hanns Eisler („Schreiben Sie Gebrauchsmusik, das ist eine Musik, die gebraucht wird!“), 1952 wird er für zwei Jahre Leiter des Großen Tanz- und Unterhaltungsorchesters des Berliner Rundfunks und zieht mit seiner Frau Ingeburg und Sohn Thomas schon bald nach Berlin. Ab Mitte der 50-er arbeitet Natschinski als freischaffender Komponist und Dirigent. Zu dieser Zeit schrieb er schon so manchen Hit für damals namhafte Interpreten wie Klaus Gross, Brigitte Rabald, Fred Frohberg („Zwei gute Freunde“), Sonja Siewert und Herbert Klein oder Bärbel Wachholz („Damals“) und Musik für viele DEFA-Filme.

Mit Beginn der 60-er Jahre komponiert er zunehmend für das Musiktheater, schreibt auch sinfonische Werke. Als Dirigent am Berliner Metropoltheater gelingt ihm 1960 eine „DDR-Legende“ – die Operette „Messeschlager Gisela“, die in einem VEB, einem Volkseigenen Betrieb spielt (1998 wird das Stück sogar an der Neuköllner Oper in Berlin wieder aufgeführt). Schon damals gehört er im kleinen Land zu jenen, die Privilegien genießen. Nach der Premiere der Operette bekommt er mit seiner kleinen Familie eine noble 7-Zimmer-Villa in Wendenschloss zugewiesen. Hier richtet er sich ein Studio ein, schreibt, ungestört von der Familie, in seinem Arbeitszimmer. „Wenn Vater arbeitete, schlichen wir Kinder auf leisen Sohlen durchs Haus“, erinnert sich Sohn Thomas noch heute. Ende der 60 er wird er Mitglied der Blockpartei LDPD, ist in den 70-er Jahren Mitglied der DDR-Volkskammer, erhält zahlreiche internationale Preise und drei Mal den Nationalpreis für Kunst und Literatur der DDR. Bis Ende vergangenen Jahres war Gerd Natschinski Präsident der Dramatiker Union.

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Den internationalen Durchbruch schafft der Komponist 1964 mit dem Musical „Mein Freund Bunbury“, eines der meist gespielten deutschen Musicals überhaupt. Bisher erlebte es europaweit fast 6000 Aufführungen in zehn Sprachen und 167 Inszenierungen. Zum 80. Geburtstag des Komponisten veranstaltete die Musikakademie Rheinsberg zu seinen Ehren eine große Musical-Gala unter dem Motto „Bunbury und seine Freunde gratulieren“. Großen Erfolg hatte auch sein Ballett „Hoffmanns Erzählungen“, das 1986 an der Komischen Oper Premiere hatte. Zwischen 1986 und 2000 war er Dirigent beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bekannt ist Natschinski vor allem mit seinen Finatschinski4.jpglmmusiken geworden, etwa für DEFA-Musikfilme wie „Meine Frau macht Musik“ (1958), „Revue um Mitternacht“ (1962), „Reise ins Ehebett“ (1966) und „Heißer Sommer“ (1968) – bis heute ein Kultfilm. Gerd Natschinski ist Vater von vier Kindern. In seiner ersten Ehe mit Ingeburg Natschinski wurden Thomas (1947) und Viola (1955) geboren. Thomas zählt zu den bekanntesten Rockmusikern der DDR und ist heute ein erfolgreicher Filmkomponist. 


Abb.: Gerd Natschinski früher und heute, Plakat des Metropoltheaters, Aufführung von „Messeschlager Gisela“.

Fotos: Archiv

Mit seiner zweiten Frau Gundula, ehemals Sängerin am Metropoltheater, hat der 85-Jährige ebenfalls zwei Kinder: Felix (31) und Lukas (18). Lukas, der mit fünf Klavier und mit neun Gitarre spielen lernte, ist mit seinen 18 Jahren schon ein bekannter Musiker. Er spielt u.a. in der „Berlin Swing Band“ und moderiert eine eigene Talkreihe „Lukas Natschinski und seine Gäste“. Im Herbst vergangenen Jahres hatte er dazu Mutter Gundula und Vater Gerd eingeladen und begleitete seine Mutter, die bekannte Filmhits ihres Mannes vortrug, musikalisch. 1993 hatte Natschinski sich von Gundula scheiden lassen, lebte aber nie wirklich getrennt von ihr. 2001 heiratete er sie noch einmal. Im kommenden Jahr – 50 Jahre nach seiner Premiere – steht sein Erfolgs-Musical „Mein Freund Bunbury“ wieder auf dem Programm der „Musikalischen Komödie Leipzig“. Aufführungen sind u.a. für Juni und Juli geplant.

Ingeborg Dittmann