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Ein Mojito auf den 64.
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hofft auf „Absolution“ in Flensburg und feiert ihren Geburtstag mit der halben Welt

Heute Nacht hatte ich einen Albtraum – und wenn ich mich an Träume erinnere, liegt etwas in der Luft: Ich war zum Amt gebeten worden wegen meiner Fahrerlaubnis, irgendetwas hätte ich erneuern müssen, nun gab es wieder Strafpunkte. Nach Siegmund Freud, und diesmal gebe ich ihm recht, widerspiegelt so ein Traum reale Ängste. In meinem Fall handelt es sich darum, dass im September endlich die fünfjährigen 17 Punkte – wie viele das umgerubelt sind, weiß ich nicht, auf alle Fälle einen Punkt vor Fahrerlaubnisentzug – gelöscht werden. Wenn jetzt, sechs Wochen vor diesem befreienden Ereignis, noch irgendetwas passiert, das wäre doch schrecklich! Vorsorglich hat sich mein Auto schon mal in den Vorruhestand begeben. Es fährt nur noch bis zur Kaufhalle oder zum Bahnhof Grünbergallee, sicher ist sicher. Und ich besorge mir erst wieder ein neues altes Gefährt, wenn die Fahrerlaubnis endlich in Jungfräulichkeit erstrahlt – am 8. September (zu Helga Hahnemanns 77. Geburtstag!) – also nach dem Urlaub.

Ja, ja, die Reiselust winkt: Mitte August fahre ich mit meiner ehemaligen Bürochefin aus der Zeit vor 25 Jahren in die Arena di Verona, um unter hoffentlich sternenklarem Himmel „Aida“ zu erleben. Hin mit dem Zug in 12 Stunden, zurück per Flugzeug, alles zum Schnäppchenpreis. Ende August geht es mit Rita zu den Karl- May-Festspielen nach Bad Segeberg, wo mein Kollege Uwe Karpa (bekannt aus „alpha-team“) Triumphe als genial-verdrehter sächsischer Professor feiert. Da er ein waschechter Berliner ist, haben wir seinen Text vorher fleißig geübt und uns gewundert, was die Spielbuchautoren mit „Geschend“ meinten. Bis wir drauf kamen: Sie meinten „Gehschend“, wie wir Sachsen eine Gegend nennen.

Bis dahin allerdings gibt es noch viel zu tun in Frankfurt (Oder). Unser Wolfgang Flieder (64) hatte nach dem WM-Sieg zwei Herzinfarkte, welch ein Schock! Inzwischen ist er zur Reha geschickt worden, und wir hoffen, dass er dort lernt zu unterscheiden, welche Dinge im Leben wirklich wichtig sind bzw. welche Dinge es wert sind, sich so maßlos aufzuregen. Wir drücken ihm alle die Daumen, dass er es schafft, mit dem Rauchen endgültig aufzuhören, seine Ernährung umzustellen und vor allem, Aufgaben im Kabarett einfach auf mehrere Schultern zu verteilen.

Damit hat er nun, Gott sei Dank, angefangen: Wir Kollegen dürfen das neue Programm, das Ende Oktober Premiere haben soll, selbständig vorbereiten: Texte und Musiken vorschlagen und mit Lothar Bölck (mdr-Satiresendung „Kanzlerpforte D“) vorprobieren, so dass Wolfgang zum Probenbeginn nur noch die Goldfeile ansetzen muss, um uns zur Perfektion zu führen. Er hat ja gesehen, dass wir das können, denn wir haben das laufende Sommerprogramm „Ramba-Samba“ innerhalb eines Tages umbesetzt – Markus Strache-Zakhariya und ich übernahmen Texte von Wolfgang. Und dieser kam auch wirklich einen Tag, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, zur Qualitätskontrolle und hat sich prächtig amüsiert.

Jedenfalls hatte ich meine traditionelle Geburtstagsfeier im Kabarett ausfallen lassen. Habe nur mit meiner Tochter und ihrem Freund (hört, hört - dass ich das noch erleben darf) in der urigen kubanischen Kneipe am Strand der Oder mit einem Mojito auf die 64 angestoßen. Ist ja wirklich keine schöne Zahl. Aber dann fand am nächsten Tag doch noch ein rauschendes Fest in meinem Wildpark von Garten statt – unter dem Motto: Wer kommt, ist da!

War das schön! Jung und alt vereint unter Haselnußbaum und Trauerweide: Der „Club der alten Weiber“: ich, Uschi Pulley, Urte Blankenstein, Elli, Rita, Dr. Sabine als Überraschungsgast aus meiner Kindheit, die treuen Fligge-Fans, „Spätverlobter“ Uwe mit seinen schönen „Neffen“ (die von ihm schon gelernt haben, wie man selbstbewusst ohne eine kleine Aufmerksamkeit zu einem Geburtstag geht), der Magdeburger und der Leipziger Untermieter, letzterer mit seiner Schwester aus Los Angeles, die inzwischen zum Judentum konvertiert ist, mein Ex-Untermieter aus Kurdistan, das junge australische Ehepaar, das hier einwandern will und bei meinen Nachbarn wohnt und der „Altherren-Verein“: der feingeistige Wolle vom Viktoria- Luise-Platz, nach sechs Jahren mal wieder der immer laut-fröhliche Pitti Plessow („Fabian“ von Pittiplatsch und Schnatterinchen), der den nach 12 Jahren von Lanzarote zurückgekehrten Fernando (einst Solotänzer am Friedrichstadtpalast) mitbrachte und Micha, Ritas Lebensgefährte, der wunderbar den Grill bedient hat. Leider hat sich der Männerverein dann in die Haare gekriegt, und Micha will mit uns nie wieder was zu tun haben. Ich war bei diesem Streit nicht dabei, weil ich gerade am Tisch der jungen Leute über mein Prüfungsthema „Kabarett als Integrationschance“ diskutierte, aber es ging wohl – man glaubt es nicht – um Ossi-Wessi-Vorwürfe bis hin zu „Ich zahle für Euch den Soli-Zuschlag!“ Mehr muss man dazu wohl nicht sagen, außer: Ist wohl besser für Micha, dass er „uns“ nicht mehr ertragen muss. Ich hoffe nur, dass mir meine Rita die Treue hält.

Ja, das war mal wieder das Neueste aus dem multikulturellen Hause „Yellow“. Genießt den Rest- Sommer!

Eure Daggie