Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 117

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der soeben verstorbenen Sängerin Rosemarie Ambé fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Rosemarie Ambé

 

Von der erfolgreichen Schlagersängerin zur "Leihomi"


Mit der Bostella „Es fängt ja alles erst an“ (Schmiedecke/Lietz) war sie 1968 die Überraschungssiegerin beim DDR-Schlagerwettbewerb in Magdeburg. Auch für die attraktive Blonde fing damals „alles an“ - ihre erfolgreiche Karriere als Schlagersängerin. Bekannt in der Szene war die am 7. Februar 1941 in Perleberg (Prignitz) geborene Sängerin, die zunächst den Beruf einer Stenotypistin erlernte, aber spätestens seit 1965, als ihre ersten Titel auf Platte erschienen – „Hully-Gully am Strand“ und „33 Bilder“ (beide von Natschinski/ Osten). Ihre Laufbahn als Sängerin begann 1962, mit einem Engagement in einer Revue des Friedrichstadtpalastes. Zuvor hatte sie eine Gesangsausbildung absolviert und war zwei Jahre Mitglied der Komparserie an der Deutschen Staatsoper. Mit dem Tanzorchester Alo Koll und der Tip- Top-Combo tourte die junge Sängerin im In- und Ausland. Im September 1964 trat die damals 23-Jährige in der Berliner Großgaststätte „Zenner“ auf und wurde dort von dem Komponisten Gerd Natschinski, dem Schlagertexter Siegfried Osten und dem Schauspieler Günter Simon quasi entdeckt (Letzterer war nebenbei auch Moderator der Schlagersendung „Von Monat zu Monat“ im Deutschlandsender.). 

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 Beim DDR-Schlagerwettbewerb 1966 war sie mit dem Titel „Seifenblasen und Luftballons“ (Uhlenbrock/Krautz) erfolgreich. Die Älteren erinnern sich vielleicht auch noch an andere Ambé-Schlager von damals – „Abends wenn der Mond“ und „Das fünfte Rad am Wagen“, „Er hat ein Motorboot“ (1965), „Nur du allein“, „Sieben Tage“ (1966), „Dann beginnt eine Reise“, „Viel Glück in Mexiko“ (1968), „Der allergrößte Glückspilz“, „... und wenn du mich küsst“ (auf einer Single 1970, aufgenommen mit dem Orchester Gerd Natschinski). Mit dem Stimmungsschlager „Blasmusik ist Balsam für die Ohren“ (Rzeczkowska/Halbach) vertrat die Sängerin die DDR 1970 beim Internationalen Liederfestival in Sopot (Polen). Während ihrer aktiven Karriere trat Rosemarie Ambé in 15 Ländern auf und nahm zwölf Platten auf. 

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 Von 1965 bis 68 war die Sängerin auch Mitglied der bekannten Berliner Gesangsgruppe „Die Collins“, die mit ihrem Satzgesang bestach, als Background bei Funk- und Plattenaufnahmen fungierte, aber auch solistisch auftrat. 

Ihre Popularität wuchs, seit Rosemarie Ambé 1974 gemeinsam mit Fred Schmidt die beliebte volkstümliche Fernsehsendung „Oberhofer Bauernmarkt“ präsentierte. Bis Ende der 1980-er Jahre lief die Sendung im DFF. Verbunden damit war eine Hinwendung zum volkstümlichen Schlager und Stimmungsliedern, mit denen die Sängerin bis zur Wende erfolgreich war. Danach blieben größere Angebote aus, ein Schicksal, das die blonde Sängerin mit vielen anderen „Ost-Kollegen“ teilte. Anfang der 1990-er Jahre zog sie sich zunehmend von der Bühne zurück. Sie versuchte umzusatteln, stieg als Mitarbeiterin in eine Pizzeria ein und wollte als Sekretärin Fuß fassen. Doch alles ging schief. So gab sie jungen Leuten Gesangsunterricht und war auch als Lesepatin an einer Berliner Schule tätig. Im Rentenalter entdeckte Rosemarie eine neue, sie erfüllende Aufgabe. Per Zufall las sie 2003 eine Anzeige vom Großelterndienst: „Leihomas gesucht“. Das könnte eine sinnvolle Beschäftigung für mich sein, dachte die Mutter eines längst erwachsenen Sohnes, denn Enkel waren ihr verwehrt geblieben. Die Aufgabe als Ersatzomi füllte sie aus. „Ich fühle mich gebraucht, kann helfen und bin glücklich“, sagte die ehemalige Sängerin.

Am 16. Juni 2014 verstarb Rosemarie Ambé in ihrer Friedrichshainer Wohnung mit gerade mal 73 Jahren. Am 27. September widmet ihr Siggi Trzoß in seinem „Kofferradio“ beim Sender Alex Berlin eine ganze Sendung. 

Ingeborg Dittmann

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Abb.: Rosemarie Ambé im Jahr 1968, auf einer ihrer Amiga-Singles und auf einem aktuelleren DVD-Cover.

Fotos: Archiv