Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 129

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem vielleicht größten Weltstar der DDR, Peter Schreier, fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Peter Schreier

 

Vom Kruzianer zum Weltstar

Am 29. Juli beging der in Dresden lebende Kammersänger und Dirigent Peter Schreier seinen 80. Geburtstag. Es gibt nur wenige ostdeutsche Künstler, die aus solchem Anlass auf den Feuilletonseiten nahezu aller großen bundesdeutschen Zeitungen nicht nur in der Randspalte, sondern mit ausführlichen Beiträgen gewürdigt wurden. Der Nationalpreisträger der DDR, Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Gold, der seiner Heimatstadt Dresden stets die Treue hielt, war neben Theo Adam der bekannteste Opern- und Konzertsänger der DDR. Und selbst die Kritiker im Westen sind sich einig: Peter Schreier ist einer der größten Lied- und Oratorien-Sänger und einer der besten lyrischen Tenöre des 20. Jahrhunderts.

Als Sohn eines Kantors und Lehrers im Dörfchen Gauernitz bei Meißen aufgewachsen, wurde er bereits mit 8 Jahren in den Dresdner Kreuzchor aufgenommen und von dessen damaligem Leiter Rudolf Mauersberger gefördert. Eigens für ihn komponierte der Kantor eine Reihe von Solopartien. 
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Bereits 1943 sang der Knabe in der Dresdner Frauenkirche im Eröffnungschor der „Matthäus-Passion“ von Bach mit. 13 Jahre später übernahm er erstmals die Partie des Evangelisten, die Schreier, damals gerade erst 21, so tief prägen sollte wie kein anderer Sänger. Nach einer privaten Gesangsausbildung hatte er von 1956 bis 59 an der Dresdner Musikhochschule Gesang und Dirigieren studiert. Danach war er zwei Jahre Mitglied im Nachwuchsstudio der Staatsoper Dresden, wo er im „Fidelio“ sein Operndebüt gegeben hatte. Von der Staatsoper Dresden wechselte er Mitte der 1960-er Jahre zur Berliner Staatsoper, der er 40 Jahre lang die Treue hielt. Neben seinen großen Opern- und Operettenrollen wurde der Tenor auch als sensibler Liedinterpret geschätzt. Sein Repertoire reichte von Bach über Beethoven, Brahms, Händel und Schubert bis zur zeitgenössischen Musik. Unvergesslich seine Interpretation von Schubert-Liedzyklen wie „Die schöne Müllerin“ oder „Die Winterreise“. schreier2.jpg
Zu frühem Ruhm war der lyrische Tenor jedoch zunächst mit Mozart gelangt, etwa in der Rolle des Belmonte in der „Entführung aus dem Serail“ oder dem Ferrando in „Cosi fan Tutte“. Mit Mozart startete 1966 quasi auch seine Weltkarriere. Der Star-Tenor Fritz Wunderlich war mit gerade mal 35 Jahren gestorben und Schreier bekam seine Partie des Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ bei den Salzburger Festspielen angeboten. Danach rissen sich die Intendanten großer Opernhäuser in Italien, Japan, den USA und anderswo um den Sänger aus der DDR. Herbert von Karajan überredete ihn, auch Partien von Wagner zu singen („Rheingold“, „Meistersinger“). Als „Quereinsteiger“ wurde er einer der Besten. Neben all seinen Engagements als Opern-, Operetten-, Oratorien- und Liedsänger war Peter Schreier seit 1970 auch als Chor- und Orchesterdirigent tätig (Berliner Philharmoniker, Staatskapelle Dresden, Wiener Philharmoniker, Los Angeles Philharmonic Orchestra u.a.) und leitete seit 1981 als Honorarprofessor für Gesang internationale Meisterklassen. Während seiner aktiven Laufbahn nahm er etwa 600 Schallplatten auf. Sein Album „Peter Schreier singt Weihnachtslieder“ soll mit 1,4 Millionen Exemplaren der meistverkaufte Tonträger in der DDR gewesen sein. Es war auch eines der ersten Alben in meinem Plattenschrank.
Seinen Abschied von der Opern - und Konzertbühne hatte er für das Jahr 2000 geplant. Als Sänger stand er letztmalig im Dezember 2005 in Prag auf der Bühne. Als Dirigent und Lehrer seiner Meisterklassen war er auch danach noch aktiv. Und auch mit bedeutenden Preisen wurde er in den vergangenen Jahren noch geehrt, etwa dem Bachpreis der Royal Academy of Music (2009), dem Internationalen Mendelssohn-Preis zu Leipzig sowie der Hugo-Wolf- Medaille (2011) oder der Bach- Medaille für seine Bachinterpretationen (2013). Im September will er nochmal die Dresdner Philharmonie dirigieren, im Dezember das Gewandhausorchester. Seine Noten und Partituren hat er alle verschenkt – bis auf Mozarts Requiem und Bachs Weihnachtsoratorium.
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Peter Schreier in jungen Jahren auf dem Titel der DDR-Fernsehzeitschrift; seine Weihnachtsplatte von 1975; Peter Schreier heute.

Fotos: Archiv, Schmidt

Peter Schreier lebt mit seiner Frau Renate, die am gleichen Tag im gleichen Jahr geboren wurde und mit der er seit 58 Jahren verheiratet ist, in Dresden-Loschwitz. Die beiden haben zwei Söhne – Torsten (geboren 1958) und Ralf (Jahrgang 1961) – und sieben Enkel. Familie und Gesundheit sind inzwischen das Wichtigste im Leben des Star-Tenors, der im März 2013 eine schwere Lungenentzündung und zwei Schlaganfälle überstanden hatte. Dass er sich noch immer ins Kulturleben seiner Heimatstadt Dresden einmischt, braucht bei diesem Mann wohl kaum erwähnt zu werden.
Ingeborg Dittmann