Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 50 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Gruppe "LIFT"  fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

LIFT

 

35 Jahre Rockballaden

„Am Abend mancher Tage – da stimmt die Welt nicht mehr. Irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer. Und man kann das nicht begreifen. Will nichts mehr sehn. Und doch muss man weitergehn.“ – Der wohl bekannteste Song von LIFT, DDR-Hit des Jahres 1980, könnte gleichsam als Symbol für die 1973 in Dresden gegründete Band stehen, sowohl, was die bildhafte Lyrik des Textes angeht, als auch die liedhafte, einprägsame Musik. Das Lied entstand nach einem tragischen Verkehrsunfall im November 1978, bei dem Bandchef Gerhard Zachar und Sänger Henry Pacholski ums Leben kamen und Keyboarder Michael Heubach schwer verletzt wurde. Damals schien alles zu Ende.

Trotz vieler, teils erzwungener Personalwechsel ging es in der Band oft auch recht lustig zu; etwa bei der „Fotosession im Grünen“ mitte der 70-er Jahre. Bandchef und Sänger Werther Lohse ist schon seit 34 Jahren bei LIFT.

Fotos: Dittmann, Archiv

„Gerhard und Henry hätten das nicht gewollt“, sagt Werther Lohse, der einzige Musiker, der auch heute noch, nach 35 Jahren, dabei ist (mit einer kurzen Unterbrechung bei der Stern Combo Meißen). Und so scharrte er nach einem dreiviertel Jahr neue Musiker um sich, wechselte selbst vom Schlagzeug zum Gesangsmikrofon. Die LP „Meeresfahrt“ mit den Hits „Nach Süden“ und „Tagesreise“ erschien noch 1979 – im Gedenken an die verstorbenen Bandmitglieder. Nun feiern die „leisen“ Kult- Rocker nach einer wechselvollen Geschichte ihren 35. Bandgeburtstag. 31 Musiker gehörten in diesen Jahren zu LIFT, manche – wie Frank Hille, Peter Sandkaulen, Hans Wintoch oder Franz Bartzsch – nur kurzzeitig. Zu den Gründungsmitgliedern im Januar 1973 hatten Gerhard Zachar, Konrad Burkert, Jürgen Heinrich, Till Patzer, Manfred Nytsch, Wolfgang Scheffler, Matthias Pflugbeil, Bernd Schlund und Christiane Ufholz gehört. Aus dem Dresden- Septett hervorgegangen, spielte LIFT anfangs Blues, Soul und Gospel mit einem Bläsersatz (Trompete, Altsaxophon, Querflöte, Posaune). Das änderte sich bald, als die Bläser die Band verließen und Stephan Trepte als Sänger zu LIFT kam. Als der 1975 zu „Reform“ wechselte, kam der charismatische Sänger Henry Pacholski in die Band.

Seit Anfang der 80er Jahre (1981 erschien noch die LP „Spiegelbild“) kam es immer wieder zu Umbesetzungen, die Band konnte nicht mehr an ihren einstigen Erfolgen anknüpfen, pausierte zeitweilig, löste sich in der damaligen Besetzung Till Patzer, Werther Lohse, Michael Heubach, Hans Wintoch Ende 1984 quasi auf. Werther Lohse war es, der unter dem Namen LIFT 1985 mit neuen Mitstreitern in neue rockige Gefilde aufbrach. Sogar eine LP erschien noch bei Amiga („Nach Hause“, 1987), ehe die Wende kam und LIFT, wie die meisten Ostrockbands kaum noch Engagements hatte. Erst 1993 fing es wieder an. „Wir spielten zunächst in kleinen Klubs und merkten, dass die Leute unsre Lieder wieder hören wollten“, sagt Lohse. Damals stieß auch der Bassist Henning Protzmann von Karat zur Band.

 

Vor etwa zehn Jahren kehrte – zumindest was die Besetzung angeht – Ruhe in die Band ein. Heute gehören fünf Musiker dazu: Werther Lohse (Gesang, Percussion), Bodo Kommnick (Gitarre, Gesang), Yvonne Fechner (Violine, Gesang), Peter Michailow (Schlagzeug) und Jens Brüssow (Bassgitarre). Als „Lift unplugged“ spielte man auch öfter mal in der „kleinen“ Besetzung mit Werther, Bodo und Yvonne (CD Lift unplugged im Jahr 2000), zuweilen aber auch in „ganz großer Besetzung“ mit Sinfonieorchester. Seit Jahren ist LIFT Bestandteil des „Sachsendreiers“, füllt mit großem Erfolg gemeinsam mit der Stern Combo Meißen und electra große Open Air Bühnen. Im 35. Jahr der Band überrascht LIFT wieder mit Neuem – man tourt mit einem Kammermusikensemble und dem Schauspieler und Sänger Jan Josef Liefers (5. Oktober Lukaskirche Dresden, 18. Oktober Friedenskirche Berlin-Grünau). Und auch der „Sachsendreier“ kommt am 6. Dezember nach Berlin (Fritzklub Postbahnhof).

Wer die Scheiben von dazumal nicht besitzt mit solch zeitlosen Songs wie „Wasser und Wein“, „Nach Süden“, „Abendstunde- Stille Stunde“, „Jeden Abend“, „Nach Hause“, „Am Abend mancher Tage“ oder „Scherbenglas“, der kann sich diese mit einer Reihe von CDs in die heimische Stube holen (unter anderem 1995 „Best of Lift“, 1999 „Nach Süden“, 2005 „Tagesreise – Best (1976-2003). Oder, noch besser, selbst ein Konzert besuchen (Termine im Internet unter: www.lift-rockballaden.de.

 Ingeborg Dittmann