Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 61 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger und Komponisten Reinhard Lakomy fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Reinhard Lakomy

 

Schon zu Lebzeiten eine Legende

 

Welcher Musiker kann das in seiner Biografie schon nachweisen: Seit Mai 1993 trägt eine Schule in Halberstadt seinen Namen, im Mai 2001 fand die Namensgebung der zweiten „Reinhard-Lakomy Schule“ in Groß-Gaglow bei Cottbus statt. Auch viele Kitas tragen inzwischen den Namen „Traumzauberbaum“, nach den 1980 entstandenen Geschichtenliedern von Lakomy mit den Texten seiner Frau Monika Ehrhardt. Mit Paule Platsch, dem Waldgeist Moosmutzel, der wilden Traumlaus Agga Knack, Mimmelitt, dem Stadtkaninchen oder Schlapps und Schlumbo wächst hierzulande bereits die 3. Generation auf. Seit fast 30 Jahren ist der Traumzauberbaum ein Bestseller, mehrere Millionen Mal wurden in dieser Zeit die Musikkassetten, LP und CD verkauft. Und die Popularität der Geschichtenliederprogramme ist ungebrochen, fast scheint es, als hätten der Musiker, Komponist und Arrangeur und Monika Ehrhardt eine ganz eigenständige Kunstgattung erschaffen. Und das Geheimnis des Erfolges? Die Geschichten treffen genau die Fantasiewelt von Kindern, lassen viel Raum zum Weiterspinnen. Die Musik ist rockig, teils frech, verbreitet Spaß, geht in die Beine und regt zum Mitsingen an. Die Hinwendung zu diesem Genre könnte man fast als „das zweite Leben von Reinhard Lakomy“ bezeichnen. Und es ist untrennbar verbunden mit der ehemaligen Tänzerin und Schriftstellerin Monika Ehrhardt, Lakys 3. Ehefrau. 1975 lernte er sie kennen, im November 1977 heirateten sie. Seitdem sind sie nicht nur privat, sondern auch beruflich ein Team. 14 Platten sind seitdem erschienen, zuletzt „Kiki Sonne, eine Sternenputzergeschichte – Musik zum Familienmusical Unendlich und Eins“.

Abb.: Lacky als Mitglied des Günther-Fischer-Quartetts 1972 (li.); das bekannteste Fotomotiv „Lacky am Klavier“ 1975 (re.); eigentlich kaum verändert oder? Das Bild unten ziert auch den Umschlag seiner Autobiografie.

Fotos: nl- Archiv

Wer Lakomy aus den 70er Jahren kennt, ihn als Musiker und Komponist, seit 72 auch als Sänger schätzte, mag diese Hinwendung zur „jüngsten Generation“ vielleicht bedauern. Kann man doch seine großen Hits von damals wie „Es war doch nicht das erste Mal“, „Heute bin ich allein“, „Und ich geh in den Tag“, „Das Reiterlied“, „Liebe im Wald“ oder „Das Haus, wo ich wohne“ (alle Texte stammen von dem im August verstorbenen Fred Gertz) nur noch auf Konserve hören und ganz selten live auf der Bühne. Insofern war wohl sein mehrstündiges Konzert mit Freunden und Wegbegleitern anlässlich seines 50. Geburtstages im Januar 1996 im Theater Karlshorst so etwas wie ein spektakulärer Abschied aus seinem „ersten Leben". Als Lakomy-Fan der frühen Jahre erinnere ich mich fast mit ein wenig Wehmut daran..

Lakomy, 1946 in Magdeburg geboren, war der Musik schon von Kinderbeinen an verbunden. Vom 4. Lebensjahr an hatte er Klavierunterricht, mit 15, auf einem Schülerball, seine erste eigene Bühnenshow. Ab 1961 studierte er Klavier und Tonsatz bei Dieter Nathow an der Musikschule Georg Philip Telemann in Magdeburg, ab 1965 an der Dresdner Musikhochschule. Ein Jahr später wechselte er nach Berlin über und studierte Komposition. Damals holte ihn der begnadete Jazzmusiker Klaus Lenz als Pianist in seine Band, 67 war er Mitbegründer des Günther-Fischer- Quartetts, dem er (mit Unterbrechung aufgrund seines Wehrdienstes) bis 73 angehörte.

Dass sein erster eigener Titel (er war zuvor als Komponist u.a. für Uschi Brüning, Henry Kotowsky, Thomas Lück, Michael Hansen oder Andreas Holm tätig) 1972 zu einem seiner größten Hits wurde, ist wohl eher einem Zufall zu verdanken. Eigentlich sollte „Es war doch nicht das erste Mal“ damals im Rundfunk mit einem anderen Sänger eingespielt werden. Das ging total in die Hose und Laky setzte sich auf Wunsch der Redakteure selbst ans Klavier und interpretierte den Song so, wie er ihn sich vorstellte. Als diese spontane Aufnahme kurz darauf bei den üblichen Vorspielen vor Musikredakteuren und Entscheidern von Funk und Amiga abgespielt wurde, gab es große Begeisterung. Und plötzlich war der Pianist und Komponist mit der ihm eigenen, etwas kratzigen Stimme Laky, der Sänger. Eigentlich hatte es schon früher begonnen, mit der Gründung des Reinhard- Lakomy-Chores 1969 (u.a. mit Angelika Mann, Nina Hagen, Uschi Brüning). 1972 baute er sein eigenes Ensemble auf, mit der Lütten als Sängerin. Seinen letzten öffentlichen Auftritt als Sänger hatte er 1977, danach widmete er sich der Filmmusik, schrieb Musicals, Kinderrevuen und Ballettmusiken und stürzte sich mit Hingabe auf die elektronische Musik, angeregt von den Berlinern „Tangerine Dream“ um Edgar Froese. Bis 1984 wurden bei Amiga drei Electronic- LP von ihm veröffentlicht. Legendär wurden seine Kinderrevuen im Friedrichstadtpalast und seine Kinder-Musicals, etwa „Der Regenbogen“, „Die Sonne“, „Der Wasserkristall“ oder „Das blaue Ypsilon“.

Lakomy, von seinen Freunden und allen Kindern Laky genannt, galt seit jeher als unbequemer Typ, der sein Herz auf der Zunge trägt. Das brachte ihm nicht nur Freunde ein. Nach der Ausbürgerung von Biermann 1976 war er einer der ersten, die eine Protestresolution unterzeichneten, obwohl ihn der einstige Freund Anfang der 70er schwer enttäuscht hatte. Bis heute geht er ihm aus dem Weg. Neben der Musik ist inzwischen sein Boot, mit dem er über die Berliner und Brandenburger Gewässer schippert, seine große Leidenschaft. Doch sein größtes Glück, so sagt er, sei seine inzwischen 25-jährige Tochter Klara-Johanna.

Ingeborg Dittmann