Leidenschaft kostet Kraft und Saft

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke zwischen Katzen hüten, Kellersanierung, Kabarett, Klausuren und Kurz-Trips von Baabe bis Wien

Mein geliebter Herbst kündigt sich an. Neulich, als ich vom Künstlerstammtisch aus dem Westteil Berlins, den Bert Beel organisiert, zurückkam, habe ich doch tatsächlich die Autoheizung angeschaltet. Eigentlich ist das jetzt meine Zeit zum Urlaub machen, aber das (abgesehen von Kurz-Trips) verschiebe ich auf den Winter. Und außerdem war ich ja gerade an der Ostsee zum Gastspiel in Baabe, und ich war auch schnell mal in Krakau mit meinem Uralt-Freund Uwe, der dort einen Uralt-Freund aus London besucht hat. Und wenn ich meine Klausur für die Fern-Uni Hagen hinter mir habe am 10. September, fliege ich mit einer Freundin drei Tage nach Wien, wo ich noch nie war und wo ich eigentlich nie hin wollte, aber nun soll es doch sein. Auf dem Rückweg will ich dann Freunde und Verwandte in Erfurt und Leipzig besuchen. Also: Mit der Reise nach Granada im Juli hatte ich dann meine 14 Reisetage, von denen, global gesehen, mancher nur träumen kann. Doch zurzeit muss ich erst einmal die Katzen hüten, die von meinem „Oderhahn“-Chef Wolfgang Flieder und die von meiner Tochter Paula. Deren Urlaubsuntermieter muss ich Mitte September auch vom Flughafen abholen und einweisen, weil das Kind dann schon wieder in Valencia ist, wo sie ab Januar auch ein ganzes Jahr sein will, neben Poetry Slam-Auftritten in Deutschland und einem Intensiv-Masterstudiengang in Wien. Dort erscheint demnächst auch ihr neuer Gedichtband. „Exilium“ wird er heißen und handelt davon, dass sie (wie ich auch) von irgendetwas getrieben wird, sich ständig zu übernehmen.

Außerdem muss ich neue Programme vorbereiten: Am 24. September, 19 Uhr, spiele ich mit Margit Meller und Uwe Karpa (der VOBIS-Mann und alpha-Team- Krankenpfleger Helmut Brennekke) im Existenz bedrohten Tschechow-Theater vielleicht zum letzten Mal das Stück: „Liebe, Lust und Leidenschaft kosten uns viel Saft und Kraft“. Alena Gawron, die seit Jahren ihr Herzblut für diese kleine Spielstätte gibt, sieht sich mit den Plänen des Bezirks konfrontiert, das Haus als weitere Begegnungsstätte zu nutzen, also für den beliebigen Gebrauch, statt für gezielte kulturelle Angebote.

Derlei Einsparung steht auch in Frankfurt/Oder bei meinen „Oderhähnen“ mal wieder ins Haus. Mit dem neuen Bürgermeister kam es zu einer Umbesetzung im Abgeordnetenhaus, durch die wir unsere Unterstützer in diesem Gremium verloren haben. Jetzt bestimmt der ehemalige Stadtkämmerer, was Kultur ist, was fördernswert und was nicht. Das „nicht“ betrifft uns, das „wert“ Kleist und das Staatsorchester. Ich habe schon vorgeschlagen, dass wir im nächsten Sommerprogramm „Amphitryon“ in der Ufa-Film-Fassung als Sommertheater auf die Bühne bringen, um Förderung zu erhalten. Außerdem, wenn wir kein Sommertheater mehr produzieren können in Frankfurt, sollte doch das Staatsorchester – wie die New Yorker Philharmoniker im Central Park – das Sommerloch mit Konzerten im Kleistpark füllen! Aber da kam gleich vehementer Einspruch vom Orchestervertreter: „Wir müssen unseren tariflich festgelegten Urlaub nehmen!“ Soviel zum Thema: Der Staat als Unternehmer!

Aber – ich habe ja für Anfang Oktober schon wieder eine Reise nach Hiddensee geplant. Vielleicht gibt es ja dort eine Möglichkeit, unser Sommertheater zu etablieren. Was die „Nörgelsäcke“ aus Gößnitz in Baabe geschafft haben, müssen wir doch auch drauf haben.

Inzwischen bin ich auch dabei, die Sanierung meines Kellers nach dem Wasserschaden vorzubereiten. In unterschiedlichen Baumärkten nach Schnäppchen zu jagen, ist auch so etwas wie immer unterwegs sein. Obiger Freund Uwe fragte schon sarkastisch, ob das Umtauschen von Kühlschränken, Einbauspülen oder Antennensteckern mein neues Hobby geworden ist. Na, ich werde doch keinen Kühlschrank für 160 Euro nehmen, wenn er woanders für 99 zu haben ist.

Derart beschäftigt, finde ich kaum Zeit, etwas gegen Sarrazin zu sagen, diesem gefährlichen Sozialdramatiker. Schade, dass Christoph Schlingensief uns verlassen hat, er wäre der Richtige gewesen, diesen Tunnelblick-Philosophen aufs Korn zu nehmen. Ich persönlich finde, dass die Medienpolemik in dieser Angelegenheit noch gefährlicher ist als sein Geschreibsel, an dem leider rein faktisch vieles wahr ist. Da wird Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ in den „Tagesthemen“ negativ besprochen, im Anschluss daran folgt gleich ein Bericht über immer mehr Schulkinder der Unterstufe in psychiatrischer (!) Behandlung, weil sie vom Elternhaus nicht auf die Anforderungen vorbereitet wurden. Und als erstes Beispiel wird ein kleiner Türke mit einer verschleierten Mutter im Hintergrund vorgeführt. Ich habe in Hellersdorf „deutsche“ Kinder getroffen, die mit 14 nicht richtig lesen konnten, Ja, die Medien. Und ich sage Euch: Sie wissen, was sie tun!

Einen schönen Herbstbeginn, trotz alledem!

Eure Daggie

Daggies weitere Termine: 25. September, 19.30 „Im Osten kocht man auch sein Süppchen“, Kulturforum Hellersdorf mit Stargast Frank Brunet; 27. September, ab 19 Uhr (mit Bufett) „Darwins Affentheater – vorwärts nie mehr, rückwärts immer“ mit den Gästen Alexandra Ulrich und Volker Herold (Papa Plenske aus „Verliebt in Berlin“), Restaurant „Luise“, Alt Köpenick 20, gleich gegenüber dem Rathaus.