gelbke1.jpg Unsere Henne
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke meint, anlässlich des 75. Geburtstages
von Helga Hahnemann sei es an der Zeit, auch mal Fragen zu stellen

Im vergangenen Monat durfte ich mal wieder vor einer Fernsehkamera über Helga Hahnemann sprechen, genauer gesagt gleich zweimal, und das, obwohl ich nicht mal mehr zur „Goldenen Henne“ eingeladen werde. Einmal gab es sogar eine kleine Gage, oh Wunder! (Normalerweise wird von den Redakteuren vorausgesetzt, dass No-Name-Prominente wie ich eigentlich zuzahlen müssten, um überhaupt noch mal im Fernsehen zu erscheinen.) Anlass für die Interviews war der bevorstehende 75. Geburtstag unserer Henne am 8. September 2012, an dem sie mit einer 90-minütigen Unterhaltungssendung beim mdr geehrt werden wird. Und das Kulturmagazin „artour“ hat bereits am 30. August einen kurzen Beitrag gesendet, denn man kann Helga leider keine guten Wünsche mehr übermitteln. Man kann nur versuchen, an ihrem Ehrentag die Erinnerung an sie aufrecht zu erhalten. gelbke.jpg
Bitte raten: Wer ist wer? Daggie und Henne 1978.
Foto: Archiv

 Ich bin Helga Hahnemann 1976 begegnet, als sie meinen Auftritt beim Interpretenwettbewerb in Karl- Marx-Stadt gesehen hatte und der berühmte Satz fiel: „Sie mit Ihrem Vogelgesicht können auch nur komisch arbeiten!“ Es war eine schicksalhafte Begegnung, die mich vor die Entscheidung stellte, welchen beruflichen Weg ich ab sofort gehen wollte. Eigentlich wollte ich die Barbra Streisand des Ostens werden, mit Helga wurde ich Kabarettistin.

Und wer einmal Kabarett gemacht hat, der ist gezeichnet. Das war bei Helga so; für ernste Rollen wurde sie seit ihrer Zeit in der Leipziger Pfeffermühle und in der Tele-BZ in den 60er Jahren nicht mehr besetzt. Und das ist bei mir so. Durch die Zusammenarbeit mit Helga landete ich in einer Schublade, in der ich mich inzwischen aber auch wohl fühle, denn die da mit mir „rumliegen“ sind die dümmsten nicht. Das war nicht immer so.

Die Arbeit mit Helga wurde mir irgendwann zu einseitig, die Musik und die Sketche zu volkstümelnd, der sächsische Dialekt, den sie dabei von mir verlangte, nervte mich am meisten. Und die Gage, die sie bekam, war mit meinen 130 Mark pro Auftritt nicht zu vergleichen. Das klingt nun ganz anders als das, was von anderen Kollegen getan wird, um „det kleene Menschenkind“ zur Heiligen zu verklären – es war aber so. Denn ich war 32, ich wollte nicht das Anhängsel sein, der „Rucksack, den sie schleppen musste“, wie sie es mal Angela Gentzmer, ihrer Textautorin, gegenüber geäußert hatte. Sie trennte sich von mir nach sechs Jahren, in denen wir beide (sic!) fachlich voneinander profitiert hatten, mit den Worten: „Nun finde Dich mal neu!“, denn mein Solo-Konzert, das ich ohne sie auf die Beine gestellt hatte, hieß: „Ich muss mich neu finden!“

Sicherlich war sie, die versteckt Übersensible, verletzt, weil ich mir von ihr das Rückgrat nicht brechen lassen wollte, wie sie es mal gut meinend verkündet hatte: „Dir breche ich erst mal das Rückgrat und baue Dich dann neu auf…“

Aber Helga trennte sich nicht nur einmal von Menschen, die sie unterstützt hatten – von Ingeborg Naß, von Angela Gentzmer, von ihrem Lebenspartner Thieme – unter der Devise: Wer schnell ans Ziel kommen will, muss öfter die Pferde wechseln. Helga ahnte wohl, dass sie schnell ans Ziel kommen musste und nicht wie ich auf eine Alterskarriere hoffen konnte. Und so hat sie ihr Lebensziel erreicht: Sie war das, was man eine Volksschauspielerin nannte, jedenfalls in der DDR und West- Berlin!

Heute wäre sie so alt wie meine Elfriede, die flotte Uschi aus Frankfurt (Oder), der Tony-Gentleman aus England oder mein Wolle, der Panda vom Viktoria-Luise-Platz – aktiv und nicht unterzukriegen wie die Büffel des chinesischen Horoskops eben alle so sind.

Leider gibt es für diese Behauptung keinen Beweis, denn sie ist schon mit 53 von uns gegangen, vor nunmehr 21 Jahren. Wir können nicht wissen, ob sie in dieser Bundesrepublik ihren Platz als Entertainerin gefunden hätte, sicherlich aber doch. Durch ihre laute, kommunikative Art wäre sie vielleicht bei den großen Preisverleihungen, zu denen sie sich Einladungen ertrotzt hätte wie in der DDR eine kabarettistische Pointe, Komödien-Regisseuren wie Andreas Dresen, Leander Haussmann oder Bully Herbig aufgefallen. Hätte diese mit ihrem Witz um den kleinen Finger gewickelt und wäre doch noch als gesamtdeutsche Volksschauspielerin in Hollywood gelandet. Hätte, wäre, wenn – ist aber nicht. Und was war, verblasst von Jahr zu Jahr mehr.

Jetzt, so meine ich, müssten langsam all jene reden, die bisher schwiegen – und sei es ein Kollege, der mal in einem Maxe-Baumann-Schwank einen Satz neben ihr zu sagen hatte – und ansonsten neidisch war auf Hennes Erfolg, was natürlich keiner zugeben will. Sollte nicht auch mal gefragt werden, warum plötzlich Helga einen Text im Fernsehen sang, den Ellen Tiedtke abgelehnt hatte? Wäre es wirklich so schlimm, wenn Helga eine Beziehung zu einer Frau gehabt hätte, wie einst ihre enge Freundin Margot Ebert zu erzählen wagte und dafür von den Kollegen mit bitterbösen Worten aus dem Friedrichstadtpalast verbannt wurde? Wäre es nicht wichtig, dass diese Frau sich outet, denn sie kannte Henne so, wie sie wirklich war – ganz privat.

Ich habe es jedenfalls geschafft, dass mein Wolle, der Panda, ein ehemaliger SFB-Mitarbeiter, der sehr eng mit ihr befreundet war und sie abgöttisch verehrt, in die Sendung eingeladen wurde und ein paar neue Sichtweisen auf unsere Henne freigibt. Zwar werden wir nie mehr erfahren, wie sie selbst zu ihrem Leben und ihrem Erfolg stand, aber jedes noch so kleine Teil des Hahnemann- Puzzles kann helfen, das Bild von ihr für die Zukunft zu bewahren. Leider hat sie ja versäumt, uns ihre Memoiren zu hinterlassen. Sie wollte niemals so jung sterben.

Ob ich Helga vermisse, fragte die Redakteurin der Geburtstagssendung. Nein, ich vermisse Helga nicht – denn ich arbeite mit ihrem Erbe – ihren Liedern und den Texten von Angela Gentzmer – so intensiv in der Helga-Hahnemann-Show der „Oderhähne“ in Frankfurt (Oder), dass sie immer in mir und in meinen Gedanken präsent ist: Unvergessen!

In diesem Sinne viel Spaß bei der Geburtstagsparty mit der „Süßen“ und eine hoffentlich dem Anlass angemessene „Goldene Henne“ wünscht

Euer Querkopp Daggie