gelbke1.jpg Dolce vita in Italia
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ist begeistert von „bella italia“
und macht schnell mal einen Abstecher nach England und Schottland

Es ist ein gutes Gefühl zu erkennen, dass man manchmal die richtigen Entscheidungen trifft. Alle meine Freunde verdrehten die Augen, als ich sagte, ich würde mit einer Gruppenreise per Bus in die Toskana fahren. Dass die Toskana ein erstrebenswertes Reiseziel ist, bestritt keiner. Aber die Busfahrt! Ja, es waren 19 Stunden quer durch die Nacht. Und siehe, es ging besser, als ich erhofft hatte. Wahrscheinlich lag das an der Fahrweise der 22-jährigen Peggy, die erst vor drei Monaten ihren Busführerschein gemacht hatte und nun mit ihrer Mutter Sylvia das Kamenzer Busunternehmen zu Weltruhm chauffieren wird: Ruhig und ohne hektische Spurwechsel oder gefährliche Überholmanöver, wie ich es schon bei männlichen Busfahrern erlebt hatte, glitt der nagelneue Bus wie ein Segelschiff gen Süden, so dass ich sogar ganz gut schlafen konnte, besser jedenfalls als im Flugzeug. Und wie die beiden Mädels im Verlauf der Reise trotz der arroganten Fahrweise der Italiener (erst komm ich) das Gefährt durch die engen Gassen lavierten, verdiente unser aller Hochachtung. Von wegen Frauen am Steuer! Uns – damit meine ich die Reisegruppe: 18 ostdeutsche Paare, überwiegend gut erhaltene Rentner aus Berlin-Brandenburg, zwei in Wohngemeinschaft lebende Damen aus Berlin mit Zweitwohnsitz in Spanien und ich, die einzige Alleinreisende. Viele mit sächsischem „Migrationshintergrund“ (wie ich) und einige ehemalige Lehrer darunter, was man, gerade bei den emigrierten Sachsen, am besserwisserischen Tonfall erkannte, den sie vor allem gegenüber ihren seit Jahrzehnten Angetrauten ertönen ließen. Was mich wiederum dem Himmel danken ließ, dass er mir ein so langes Eheleben erspart hat. Aber Bus- Mutter Sylvia und unsere Reiseleiterinnen (ja, kein einziger Mann darunter) sagten, so eine Gruppe hätten sie noch nie gehabt: Diszipliniert, pünktlich, anspruchslos.

Aber das muss man auch mal sagen: Die relativ preiswerten Sonderangebote sind manchmal wirklich nicht zu toppen. Florenz, Pisa, Lucca, Siena, San Gimignano, Weinprobe im Chianti-Land, Insel Elba, Hotel mit 4-Gänge-Halbpension und Schwimmbad plus 10 Kuranwendungen im leicht marode- mondänen Kurort Montecatini, wo einst Verdi und Puccini ihr Thermalwasser schlürften – das alles würde man in zehn Tagen allein gar nicht unternehmen können. Dazu das großartige klassische Kulturangebot vor Ort. Thames Youth Orchestra, Oregon Symphonic Orchestra (beides bei freiem Eintritt) oder La Bohéme mit den typischen, sich fast zur Parodie verausgabenden italienischen Schmetter-Tenören – wunderbar!

Ach ja, bella Italia! Ich hatte vergessen, wie schön die italienische Sprache ist und welch positives Lebensgefühl hier in der Luft liegt. Früher war ich ja oft mit Oma auf Ischia, aber als meine Tochter Paula sich dann entschied, Spanien als ihre Wahlheimat ins Auge zu fassen, habe ich Spanisch gelernt und mich mental auf den Flamenco- Blues eingestellt. Nun bin ich fest entschlossen, Anfang 2015 irgendwo hier, vielleicht auf einem Weingut oder in einem mittelalterlichen Kloster, meine Bachelor-Arbeit zu schreiben, also das von mir schon öfter angedachte Auslandssemester zu nehmen.

Gut, mit den mittelalterlichen Türmen hier ist es wie mit den Säulen in Griechenland; irgendwann weiß man nicht mehr, wo man welchen gesehen hat. Auch das Machtmonopol der Medici als Kunstförderer ist kaum zu überschauen. Übrigens muss ich in diesem Zusammenhang zu meiner Schande gestehen, dass ich den Original- David trotz teurer Museumsbesuche in Florenz nicht gefunden habe. Aber die Geschlechter-Türme im toskanischen Umland habe ich doch irgendwie ins Herz geschlossen, San Gimignano muss man gesehen haben: Eine Skyline wie in Frankfurt (Main) oder Manhattan, wirklich bombastisch für damalige Verhältnisse.

Aber das dolce vita macht auch fett. Man isst mit viel mehr Lust und kann es auch genießen, und der Wein wird beim Werbeprospekt reifen Ausblick von einer der vielen Turmspitzen oder Festungsmauern fast zum Muss als Belohnung für den Aufstieg. Und Wein hat eben auch seine Kalorien.

Von hier aus verlasse ich meine Reisekameraden, die wieder 20 Stunden Busfahrt vor sich haben. Per Zug geht es über das Weltkulturerbe der Cinque Terre nach Mailand und per Flieger ins kalte England und Schottland. Das Packen des Koffers war eine logistische Meisterleistung. Man könnte sagen: Daggie einmal vertikal durch Europa. Was übrigens zu meiner nächsten mündlichen Prüfung am 16. September in Hagen passt: „Die christliche Mission in Spätantike und Mittelalter als Basis für die europäische Expansion nach 1492“. Bitte drückt mir die Daumen.

Vielleicht noch das: Die Zugfahrten kosten in Italien noch so wenig wie einst in der DDR, da können die Italiener ja auf keinen grünen Zweig kommen! Und ein italienisches Postamt muss man auch einmal im Leben besucht haben. Mit imposanter HighTech werden Wartenummern ausgegeben wie bei IKEA, die dann aber nie aufgerufen werden. Ein italienisches Abenteuer! Ich hoffe, die Postkarten kommen irgendwann an.

Da lobe ich mir dann doch mein WLAN im Hotelzimmer, um diesen Reisebericht abzuschicken. Bis zum nächsten Mal sendet mille baci dall‘Italia (oder so)

Eure Daggie