Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 106

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem "Rockgeiger" Hans "die Geige" Wintoch fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Hans die Geige

 

Musiker mit Leib & Seele


Die Überschrift ist geklaut, denn „Mit Leib & Seele“ heißt das am 13. Mai anlässlich seines 40- jährigen Bühnenjubiläums erschienene Album. Doch auch ohne dieses zu kennen, wäre mir genau diese Titelzeile in den Sinn gekommen. Seit ich Hans das erst Mal spielen hörte (und sah), hatte ich das Gefühl: Die beiden gehören zusammen, Hans und seine Geige. Kennen gelernt hatte ich ihn Mitte der 70-er Jahre als Hans Wintoch, so der Name des Rockgeigers, unter dem ihn kaum einer kennt. Das war auf einer der Werkstattwochen der DDR-Amateurmusikbands im thüringischen Suhl. Ob auf der Bühne oder im Musikantenklub – der damals knapp über 20 Jahre alte Musiker im Parka und mit dem langen blonden Haar (noch heute sein Markenzeichen, wenn auch die Stirn etwas länger geworden ist) fiel auf. Amateur war der 1954 in Kropstädt bei Wittenberg geborene und in Halle aufgewachsene Musiker längst nicht mehr. Seit seinem siebenten Lebensjahr hatte er die Musikschule Sangershausen besucht, zwischen 1965 und 1969 an der Spezialschule für Musik in Halle gelernt. Die erste Begegnung mit „seinem“ Instrument liegt jedoch schon viel länger zurück. Seine Mutter besaß eine Geige und der Fünfjährige wollte auch „so ein Spielzeug“. So wurde sein Talent frühzeitig entdeckt und gefördert.

 
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Von 1969 bis 1973 studierte er an der Hochschule für Musik „Friedrich Liszt“ in Weimar klassische Geige und Klavier. Er hatte schon einen sicheren Arbeitsplatz im Orchester des Leipziger Gewandhauses in der Tasche, lehnte aber zum Entsetzen seiner Hochschul-Professoren ab. Infiziert vom Sound der Beatles, Stones, der BeeGees und Queen schlug sein Herz weniger für die Klassik als vielmehr für die so genannte Unterhaltungsmusik – Rock, Pop, Blues – all das hatte Hans schon seit 1968 in mehreren Bands praktiziert; bei den „Harzgeistern“ in Wippra, „Opus 5“ in Erfurt, „pro-art“ in Ilmenau, „Rapunzel“ in Halle und der „Schubert-Formation“. Später bei „Report“ in Halle, Stefan Distelmann in Berlin, „Magdeburg“ und „Reform“ in Magdeburg, „Kleeblatt“ in Berlin und „Lift“ in Dresden. Kein Wunder, dass „Hans die Geige“ zwischen Suhl und Rostock schon bald bekannt war wie ein bunter Hund. Seit 1983 wandelt er auf Solopfaden, fünf Jahre später „durfte“ er bei AMIGA seine erste eigene Langspielplatte produzieren. Inzwischen gibt es 11 Solo-Alben von ihm, dazu kommen viele Produktionen mit seinen Bands und Kollegen wie Frank Schöbel, Mathias Reim und anderen. Es lief gut für ihn, auch in den für Ostmusiker schweren Jahren nach 1990. Er ging auf Tournee mit Mathias Reim, den Smokies oder ELO. Er war in den USA, Australien, Frankreich, Irland, Polen, Ungarn, bestritt Konzerte mit City, Karat, den Puhdys, Frank Zander, Harpo, Suzi Quattro und anderen. Nach einer Flaute („Ich konnte mich nicht selbst vermarkten.“) ging es in den vergangenen Jahren wieder aufwärts. Mit Daniela fand der drei Mal geschiedene Vater von fünf Kindern nicht nur eine neue Liebe, sondern auch eine fähige Managerin. In seinem Haus bei Strausberg hat er sich ein Studio (WINT) eingerichtet, wo er als Produzent auch andere Künstler und Bands betreut.

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Abb.: Hans zu Beginn der 1980-er Jahre, als er seine Solo-Karriere begann; im August dieses Jahres schloss er seine Jubiläumstour mit einem Auftritt in Hönow vor den Toren Berlins ab.

Fotos: Archiv, Nachtmann

4200 Konzerte in 40 Jahren hat er bestritten. Ob er seine Kalender durchforstet oder Tagebuch geschrieben hat, vergaß ich ihn zu fragen, als ich Hans im August beim Konzert in Hönow traf und wieder einmal beeindruckt war, wie ein kleiner (an Körpergröße) Mann mit einer Geige in der Hand mit Temperament, Virtuosität, seiner rauchigen Joe-Cocker- Stimme und einem breiten musikalischen Spektrum von Bach bis Beat ein ganzes Festzelt zum Kochen bringt. Meine Favoriten: die Forrest Gump Suite, die Bohemian Rhapsody von Queen, die Interpretation des Moody-Blues- Hits „Nights in White Satin“ und sein eigener Song „Unsere Zeit“.

Ingeborg Dittmann