gelbke1.jpg Daggie leidet unter der Leitung
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke stellt sich Fragen zur Fremdenfeindlichkeit
und erlebt, wozu Untermieter aus aller Welt gut sind

Spielfreie Zeit bei den Oderhähnen – aber von Urlaub kann ich noch nicht sprechen. Zum einen habe ich die undankbare Aufgabe, die Vorbereitungen für das nächste Programm – „Frauen ruinier’n die Welt – reloaded!“ zu leiten und verstehe nun, warum Wolfgang Flieder eigentlich diesen Stress nicht mehr will. Meine Güte, was sind manche Autoren eitel, selbstherrlich, realitätsfern, empfindlich, kritikunfähig und nicht teamfähig! Dafür sind andere wie „Schwarze Grütze“ oder Pigor & Eichhorn unerwartet kooperativ. Trotzdem ist es ein hartes Unterfangen, sich über Kabarett-Inhalte zu verständigen.

Dann steht die Klausur zum Thema „Deutsches Reich, Weimarer Republik und Drittes Reich“ an – die Hausarbeiten habe ich nun doch verschoben: Eine, weil der Professor mein Thema über „Kabarett als Integrationschance“ nicht wissenschaftlich genug fand und die andere, über den Schriftstellerverband der DDR, hatte ich falsch angemeldet und muss sie nun im Herbst neu beantragen. Ist aber vielleicht auch okay so, dass ich den Stress zeitlich umverteile.

Außerdem nutze ich die freien Abende intensiv, um die Arbeit anderer Kollegen zu beklatschen. Gerade bin ich auf dem Weg nach Bad Segeberg zu den Karl-May- Festspielen, gestern saß ich mit Bert Beel in der Premiere eines Zwei-Personen- Stücks am Kleinen Theater am Südwestcorso, wo mein Kollege Frank Brunet als schwuler Tanzlehrer brillierte. Ich gebe zu, die ganze Inszenierung der Theaterleiterin, die durch Abwesenheit glänzte, war mir zu brav und traf auch nicht meinen Geschmacksnerv, weil zu viele Klischees bedient wurden wie „reiche ältere Witwe will Einsamkeit entfliehen“.

Zu all dem kommt meine Vermietungstätigkeit, die mir ständig neue Gäste beschert. Und man glaubt ja nicht, wozu Untermieter, zumal ausländische, alles gut sein können. Zum Beispiel Adrian aus Australien. Er war in Down-Under Industriekletterer, er ist da auf so riesigen Überland-Elektromasten herumgeturnt und neulich ist er in meine Trauerweide geklettert. Er hat sie so gelichtet, dass wir jetzt einen Überblick haben, wie wir sie selbst herunter schneiden können. Eine ordentliche Firma wollte dafür 800 Euro haben!

Manchmal denke ich, was werden die Kollegen – und auch meine Fans - lästern: Ist sie schon so tief gesunken, dass sie vermieten muss, wie Fräulein Schneider in „Cabaret“. Aber: Erstens macht es mir Spaß (da muss ich ein Gen geerbt haben, irgendeiner meiner Vorfahren väterlicherseits hatte wohl Hotels in Sachsen) und außerdem laufe ich keine Gefahr, wie in oben beschriebenem Theaterstück zu enden. Denn irgendwie ist man auf diese Weise für Reisende oder Untermieter doch noch wichtig! Zum Beispiel hatte ich gerade eine kleine Amerikanerin hier, die all ihr Geld, das sie in einem Callcenter verdient hat, verwendet, um Europa zu bereisen und dabei ein bisschen aussah wie Alice im Wunderland. Sie verlor am ersten Tag alle Zettel mit allen Kontaktdaten und stand nachts um eins am S-Bahnhof Grünbergallee – jenem, wo gerade ein Mann nach einem Überfall verstorben ist – und konnte mich nicht erreichen, weil ich mein Handy nicht mit in Frankfur t (Oder) hatte, sondern zu Hause vergaß. Sie hielt einfach ein Auto an und stieg zu drei jungen Türken ein, die sie über eine Internet-Recherche sicher vor meiner Haustür absetzten. Nun will sie zu Weihnachten wieder kommen, weil sie sich bei mir zu Hause fühlt, wie an keinem Ort ihrer Heimat Amerika.

Ja, ich liebe Menschen aus anderen Kulturen. Aber: Es ist doch seltsam, dass mich der Aufruf unseres ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Martin Patzelt, Flüchtlingen Unterkünfte in privaten Häusern und Wohnungen zur Verfügung zu stellen, in meiner inneren Ruhe aufgeschreckt hat. Nein, das wiederum würde ich nicht tun – für kein Geld der Welt! Und die Frage, die ich mir nun stelle, lautet: Bin ich fremdenfeindlich?

Mir scheint, wir alle müssen uns bald einmal ernsthafter mit dieser Frage auseinander setzen: Sind wir braven Deutschen fremdenfeindlich? Und warum? Geben wir es doch zu: Die latente Ausländerfeindlichkeit im persönlichen Umfeld nimmt zu unter dem Motto: Ich kann Ausländer gut leiden, aber bitte nicht in meinem Haus. Und ehrlich – hatten wir wirklich Sympathien für die Menschen, die mit ihrer Flucht auf das Dach in der Gürtelstraße ihr Bleiberecht erzwingen wollten? Hörten wir nicht um uns herum: „In keinem anderen Land der Welt ist der Staat so erpressbar wie in Deutschland? Und die Einsatzwagen und die Krankenwagen vor jenem Haus – das kostet alles deine, meine, unsere Steuergelder. Dafür arbeiten wir nun!“

Das mag alles richtig sein bzw. die falsche Politik. Aber ich habe Angst: 100 Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkrieges sieht es irgendwie ganz ähnlich aus auf der politischen Bühne. Deutsche Überlegenheitstendenzen gegenüber Anderen gepaart mit der uralten Angst vor „dem Russen“ als Feind. Ein Schreckensszenario, das durch geschickte Wortmanipulationen vor allem von den Medien geschürt wird in hoch gespielten Integrationsdebatten. Wo soll das noch enden? Aber – ich werde heute Abend aufmerksam den Rauch aus Winnetous Friedenspfeife analysieren und sage erst mal: Howgh! Ich habe gesprochen!

Eure Daggie
am 30. August aus Bad Seegeberg