gelbke1.jpg Ruheloses Rentnerdasein
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke denkt manchmal ans Auswandern, hat aber noch viel zu tun

Ich müsste diesmal etwas sagen zu unserem Flüchtlingsproblem. Ich ertrage diese unsäglichen Diskussionen nicht mehr, von dummen wie auch, wie ich dachte, klugen Leuten. Die haarspalterischen Bedenken sind doch nichts weiter als übertünchte kleinbürgerliche Vorurteile, die auf egoistischem Besitzanspruch und leider auch auf diesem „Wir sind die besseren Menschen-Habitus“ basieren. Bitte, Leute, lasst diese Menschen, die nun mal da sind (und wenn sie eine Million wären, das ist ein Achtzigstel unserer Bevölkerung), lasst sie doch erst einmal Frieden – und ja, auch ein vielleicht wirtschaftlich besseres Leben finden. Wie viele DDR-Bürger sind einst wegen der besseren wirtschaftlichen Chancen in den Westen abgehauen? Meint Ihr wirklich, dass diese entwurzelten Menschen mit den Almosen, die wir ihnen nicht gönnen, besser dran sind als wir?

Warum eigentlich sind wir nicht auch ein wenig stolz darauf, dass Menschen zu uns kommen mit all ihren Hoffnungen, in dem Vertrauen auf die starke deutsche Nation? Weil wir uns in der Welt falsch darstellen? Weil es uns peinlich ist, dass wir nicht so sind, wie wir sein wollen?

Ja, seid achtsam, ja, und die Gesetzeshüter sollen ihre Pflicht tun, aber seid doch nicht so unkultiviert bösartig und neidisch. Es ist so erbärmlich kleinlich im moralischen Sinne, wie sich Bürger dieses Landes aufführen – und es sind nicht wenige. Ich hoffe nur, dass keinem von uns je wieder eine Flucht bevorsteht. Bloß, wenn ich die Weltlage anschaue, kann man nicht sicher sein, dass wir davon verschont bleiben.

Mir springt gerade der Titel des vierten Teils von „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin ins Auge – darauf basiert die TV-Serie „Game of Thrones“: Die Saat des goldenen Löwen. Irgendwie passend: Die Saat, die der goldene Löwe Kapitalismus aufgehen ließ, ist gerade am Verbrennen – in Kriegen, Hass und Neid. Und ich glaube, die Flüchtlingsproblematik wird vorgeschoben thematisiert, um Schlimmeres noch nicht ahnen zu lassen. Ich kann nur hoffen, dass meine frühe Geburt mich davor bewahrt. Trotzdem denke ich immer öfter daran, wegzugehen von hier. Nach Bulgarien zum Beispiel. Oder wie Ingrid Winkler in die Türkei. Apropos: Ingrid hatte ich in meiner Geburtstagskolumne nicht genannt, auch Lutz Hoff nicht. Und dabei hatte er von 2003 bis 2005 mit mir die große Helga-Hahnemann- Revival-Show konzipiert und auf die Bühne gebracht. Das war eine runde Sache – anfangs sogar mit Big Band. Und Solisten vom Fernsehballett wie Maik Damboldt, Stars wie Nina Lizell, Ljubka Dimitrovska, die Gebrüder Blattschuss oder Angelika Mann und Günther Gollasch waren immer dabei – bis ich dann pleite war und das Projekt aufgeben musste. Wahrscheinlich waren wir zu früh mit dieser Idee. Da ich aber nichts wirklich aufgebe – wer weiß, vielleicht wird die Helga-Hahnemann-Revival- Show noch reloaded?

Wie unsere Musicalrevue „Wer ist Herr Bunbury“ mit den Melodien des leider im August verstorbenen Komponisten Gerd Natschinski, die Silvester im Staatstheater Cottbus wieder aufgeführt wird – nach sechs Jahren Pause (die Kostüme passen alle noch!)

Ansonsten bereite ich mich gerade auf eine neuntägige Ortsabwesenheit vor, die mich und Paula ins Reich der Pharaonen führen wird. Paula hat ja Angst – ich aber vertraue in Allah. Nero Brandenburg, ehemalige RIAS-Ikone, den ich bei der poetischen, wenn auch mit Uta Schorn leider fehlbesetzten Premiere von „Frau Luna“ in Beelitz traf, hat mich auch bestätigt: Er fährt jedes Jahr dreimal nach Ägypten und schimpft, dass alles nur Propaganda sei. Die Menschen seien freundlich wie eh und je. Inschallah – ich werde berichten.

Nicht, dass jetzt Neid vermutet wird: Ich liebe Uta, aber wie rüde und uncharmant sie dort berlinern musste, hat mir körperlich richtig weh getan. Doch wichtig sind ja nur die Zuschauer: Die waren happy, so dass trotz gepfefferter Eintrittspreise noch Zusatzvorstellungen gespielt werden konnten. Ach ja – und dann war ich mit Bert Beel in einer Vorstellung des „Hauptmann von Köpenick“ im Rathaushof. Grundsätzlich muss man das Projekt loben. Aber da steht ein Jüngelchen als Hauptmann auf der Bühne, der auch noch aus Hamburg kommt. Ich weiß nicht, ob überhaupt einer der Kollegen aus Berlin kam. Ich meine, Heinz Rühmann war auch kein Berliner, aber er hatte diese Verschmitztheit, die die Rolle braucht. Und ich persönlich war einfach genervt, weil ich jedes Lied, das ja neu komponiert worden war, sofort als Plagiat aus einem internationalen Musical identifizieren konnte, auch die Choreographien waren berühmten Vorbildern entlehnt – von Cabaret bis Westside-Story, alles vorhanden. Unsere westdeutschen Begleiter fanden allerdings die Steppnummer schön. Tja, wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Preußen gesteppt?

Um noch einmal auf Integration zurückzukommen. Ich hatte nun endlich – beim dritten Anlauf – mit meinem Soziologieprofessor der FernUni in Hagen ein Thema für die letzte Hausarbeit vor der Bachelor-Arbeit ausgehandelt: „Wir alle spielen Kabarett – Kann die Inszenierung von Stereotyp und Vorurteil im Ethno-Kabarett Interkulturelle Kommunikation befördern?“. Es war eine schwere Geburt – und dann stellt sich heraus, dass ich diesmal vergessen hatte, die Prüfung anzumelden, ich dumme Kuh. Also muss ich nun zum 4. Mal dasselbe Modul belegen. Tja, man merkt, dass ich Rentner bin! In diesem Sinne: Trotzdem Mensch bleiben!

Eure Daggie