Gelbkes Ein- und Zweisichten:

Lutz Stückrath - kein Mann, der immer "drin" war

Tja, liebe Mitwähler, habe ich Euch schon gesagt, dass ich Euch alle liebe? Nein? Dann sei es hiermit getan! War das eine Wahl, man könnte sagen: Wie eine Miss-Wahl. Als hätte ganz Deutschland meine vorige Kolumne in diesem Blatt gelesen und sich gesagt, klar hat die Daggie recht, kein Ergebnis ist auch ein Ergebnis, da müssen die sich da oben endlich mal was einfallen lassen, was rausführt aus ein gefahrenen Machtstrukturen und frischen Wind in dieses bürokratiegebeutelte Staatsgebilde bringt. Nun kann man nur abwarten, wie dieses Hornberger Schießen ausgeht. Es heißt ja, wenn zwei sich streiten ... hilft nur Harry Potter.

Apropos - wenn Sie, liebe Leser, wegen des englischen Zauberlehrlings in die Buchläden stürzen, schauen Sie auch mal nach einer anderen Neuerscheinung. Ich spreche von "Gute Seiten - Schlechte Seiten", der Autobiographie eines der beliebtesten Kabarettisten der DDR - Lutz Stückrath. Wir kennen uns aus guten Zeiten, da das Komitee für Unterhaltungskunst der DDR "Singezähne" wie mich Sprecherlehrgänge besuchen ließ. Damals war Lutz mein Dozent, und ein bisschen konnte ich mich revanchieren für seine Geduld und Ernsthaftigkeit, denn nachdem mein erstes Kochbuch ("Im Osten kocht man auch sein Süppchen") auf dem Markt und er in vielen Lesungen mein Gaststar war, habe ich ihn, gemeinsam mit seiner Frau Ute, stets zum Schreiben animiert.

Nun also gibt es den lesbaren Stückrath. Die meisten gelernten Ossis werden sich an seine freche Zunge mit dem unverwechselbaren, leicht depressiven Tonfall (Hat ja doch alles keinen Sinn) und den jugendlichen Borstenschnitt erinnern, mit denen er sich als einer der "Drei Dialektiker" im "Kessel Buntes" zum Publikumsliebling empor berlinerte. Von so einem Spaßmacher erwartet der Leser nun, dass hinter jedem seiner Sätze eine Pointe steckt.

Und schon sind wir mittendrin im Dilemma eines Weißclowns: Er führt nämlich außerhalb der Zir kusarena ein ganz normales Leben. Mit Lausbubenstreichen, mit Hunger und Nachkriegswirren, mit familiären Rangeleien und Schicksalsschlägen, mit erfolgbringenden Katastrophen und glücklosen Gelegenheiten. Da ist genau genommen gar nichts komisch.

Aber alles wird durch den knappen und genauen Erzählstil von Lutz Stückrath glaubhaft nachvollziehbar, nicht nur für Insider. Denn wie das zum Beispiel war mit dem Einfluss der SED auf Kabarett und Unterhaltungskunst der DDR (man beachte die Unterscheidung!), das belegt Lutz Stückrath nicht nur mit eigenen Erinnerungen, sondern ganz pragmatisch mit Originalen aus seiner umfangreichen Schriftstücke-Sammlung. Und außerdem werden auch spätere Generationen nun wissen, wie nervtötend es sogar für angeblich steinreiche Künstler war, in der DDR ein ererbtes Haus auszubauen.

Lutz schreibt unverschnörkelt, vielleicht sogar zu unsentimental, so dass man am Ende gar nicht gerührt ist, was für ein treuer Mann er ist, sondern es als schlichte Selbstverständlichkeit hinnimmt, und das heutzutage! Und weil man ihm glaubt, will man am Ende immer noch mehr wissen vom Menschen Stückrath. Ich zum Beispiel, wie er, nachdem ich gelesen habe, wie er in die Kirche und in die Armee kam, in die SED kam bzw. ob er denn überhaupt "drin" war. Oder - bei seinem Bekanntheitsgrad, dem er auch viele Filmrollen wie die DEFA-Kultfigur Tobias Bremser zu verdanken hatte - drin sein musste. Und was er über die heutige Kabarettszene in Deutschland noch denkt, ihre comedygeprägten Wilden, dass sich dort alles nur noch ums Geschäft dreht, nicht um Inhalte. Auch, was er heute zu tun hat, wenn er gerade keine Bücher schreibt. Wie am Ende die Trennung von den Stachelschweinen vonstatten ging. Warum das eigene Kabarett nicht gegründet wurde. Doch all die Fragen kann man ihm ja persönlich stellen, wenn er sich nun auf Lesetour begibt.

Bis zum nächsten Mal

Eure Dagmar Gelbke