Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie, Teil 16

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorstellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und vielen anderen. Wir setzen unsere Serie heute mit dem Gitarristen Jürgen Kerth aus Erfurt fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Jürgen Kerth

Der ungekrönte Blueskönig

"Die Sprache meines Herzens ist der Blues ", sagt die ostdeutsche Blueslegende Jürgen Kerth, der in diesen Tagen sein 40jähriges Bühnenjubiläum begeht.
Es hätte auch alles ganz anders kommen können, damals, vor über 40 Jahren, im Süden der Republik, wo die Zeiger der Uhr einfach anders tickten als in der Hauptstadt Berlin. "Gemächlicher und immer ein wenig renitenter gegenüber der Staatspolitik", weiß Kerth. "Damals" war er hoffnungsvoller Nachwuchskader im Geräteturnen an der KJS, der Kinder- und Jugendsportschule. 
Vielleicht hätte eine steile sportliche Karriere ihn ins Rampenlicht gebracht. Doch Oma Klaras Junge wurde abtrünnig. Seit ihn die Musik bis ins Innerste packte ("Ich war knapp 14, als ich meine erste eigene Gitarre bekam, für 60 Ostmark.") und seither nicht mehr losließ. Noch an der KJS gründete er mit Freunden die erste Beatcombo Thüringens - die Spotlights, die sich schon bald auf höheren Geheiß in "Rampenlichter" umbenennen mussten. "Wir spielten die Stones und die Beatles, die Lords und die Animals nach. Da ließ das Auftrittsverbot nicht lange auf sich warten", erinnert sich Kerth. Bis Anfang der 70er ging das so weiter - als Team 65, Joker, Unisono. Immer, wenn sie verboten wurden, stiegen sie mit anderem Bandnamen wie Phönix aus der Asche auf. Als eigene, in deutsch gesungene Songs der Kerth-Band im Rundfunk gespielt und bei Amiga produziert wurden und Titel wie "Martha", Helmut" oder "He, junge Mutti" zu heimlichen Hymnen ganz Thüringens wurden, ließ man Kerth und seine Musiker gewähren.
Nach Rock und Reggae und Soul hatte der Thüringer den Blues für sich entdeckt. "Damit konnte ich mir allen Frust von der Seele singen." Der Blues wurde zur Leidenschaft und zur Triebkraft, nach Schicksalsschlägen immer wieder aufzustehen. Und davon gab es im Leben des heute 57-Jährigen mehr als genug. 1979 beging sein Freund und Bassist der Band, Roland Michi, Selbstmord. "Wir machten seit der KJS zusammen Musik." Bis sein Sohn Stefan einstieg (heute einer der gefragtesten Bassisten Thüringens), ließ Kerth den Posten unbesetzt. "Einen Freund kann man nicht so einfach ersetzen." Anfang der 90er kam Kerths Jüngster, Christoph, in die Band. Ein begabter Schlagzeuger. Endlich schien das Glück der kleinen Familie, um das sich Ehefrau Barbara, Kerths Jugendliebe, stets rührend sorgte, wieder hold zu sein. Da kam der nächste, diesmal unfassbare Schicksalsschlag. Im Januar 1993 verloren sie Christoph. "Damals dachte ich zum ersten Mal ans Aufhören", gesteht Kerth. "Plötzlich schien alles sinnlos."

 Doch ohne seine Musik wäre alles noch viel sinnloser geworden. Also stürzte er sich wieder in die Arbeit. Barbara hat diesen Kampf bis heute nicht gewonnen. "Ein Kind zu verlieren, das ist das Schlimmste für eine Mutter." Doch das Leben nimmt darauf keine Rücksicht. Barbara kümmert sich um Auftritte der Band. Die Kerth-Fangemeinde von Rostock bis Suhl blieb dem Gitarrero auch nach der Wende treu. Da spielt er dann am liebsten in kleinen Klubs, in intimer Atmosphäre, hautnah am Publikum.

 

"Karriere war mir nie wichtig, ich wollte immer nur ein mittelgroßer Dauerbrenner sein und die Musik machen, die in mir ist. Bis mir dereinst die Klampfe aus der Hand fällt", sagt Jürgen Kerth, der seiner Heimatstadt mit "Gloriosa", der musikalischen Hommage an die Glocke des Erfurter Doms, wohl ein bleibendes Denkmal setzte. Der Erfurter ist fest mit seiner thüringer Heimat verwurzelt. Noch heute lebt der zu DDR-Zeiten mehrmals als "Bluesgitarrist des Jahres" ausgezeichnete Musiker mit seiner Frau Barbara äußerst bescheiden in einem kleinen Gartenhäuschen am Rande von Erfurt.

Ingeborg Dittmann

Unsere Bilder: Jürgen Kerth mit seinem großen Vorbild B. B. King 1993 (re. o.) und 1962 mit seiner ersten selbst gebauten Gitarre (Mi. li.). Kerth mit Ehefrau Barbara zu Gast bei jot w.d. (Mi. re.) und mit Sohn Stefan am Bass (li.u.). " Wir verstehen uns auf der Bühne blind. "

Fotos: Nachtmann, Dittmann, Archiv