Ein Jahr des Wandels, des Erfolgs und des Irrtums

Zehn Jahre jot w.d. – Der Rückblick – Das Jahr 2003

Alle Folgen finden Sie hier

Auf den ersten Blick begann das Jahr 2003 harmlos – mit einem friedlichen Winterbild aus dem Waldowpark auf Seite 1 der Nummer 1. Dass es ein in vielerlei Hinsicht hartes Jahr werden würde, war der Redaktion dennoch bewusst. Und sie ließ daran keinen Zweifel mit der Veröffentlichung eines offenen Briefes der Freien Träger der Jugendhilfe (gegen massive Mittelkürzungen, auch auf Seite 1) und dem Nachdruck eines Interviews mit dem weltweit hoch geachteten Lord Ralf Dahrendorf, der den Angriffskrieg der Sache nach verteidigte. Am 20. März begann der Krieg der USA (und einiger ihrer Verbündeten) gegen den Irak wie erwartet. jot w.d. verzichtete aus diesem Anlass auf die bis dahin stets enthaltene Farbe „Rot“ im Blatt (obwohl es ja auch die Farbe des Blutes ist) und dokumentierte mit fast 40 Fotos durchgängig durch die gesamte Ausgabe die kurz zuvor erfolgte Mahnwache entlang der gesamten B 1/5 auch in unserem Bezirk. Auf unsere Seite 1-Überschrift „Seit 5 Uhr 35 wird jetzt zurück geschossen“ (Sie kennen sicher die Analogie ‘5 Uhr 45’ vom 1. September 1939.) sind wir heute noch stolz. Was dieser nun seit mehr als drei Jahren andauernde Krieg – auch unter mittelbar deutscher Beteiligung – bewirkt, besser: nicht bewirkt hat, wissen wir ja.

Unsere erste „Farbausgabe“ im Oktober 2003 mit Albrecht Voigt vom Tierhof Marzahn auf der Titelseite.

„Unser Ami“ Ken McGill.

Dass aber in Amerika nicht nur Kriegstreiber leben, erfuhr jot w.d. in der Person von Ken McGill. Der amerikanische Student war gut ein Jahr in Hellersdorf, um soziologisch-historische Studien zu erarbeiten. Dabei hatte er auch zu uns Kontakt aufgenommen. Und wurde schon bald „unser“ Ami. Mitsamt Freundin und Katze.

Ken wusste auch sehr gut Bescheid über Alice Herz, die Friedenskämpferin (von den Nazis aus Mahlsdorf vertrieben), die sich aus  Protest gegen den damaligen Vietnamkrieg auf den Stufen des Washingtoner Capitols selbst verbrannte. Im Januar des Jahres wurde der frühere Platz 18 nun auf Initiative von jot w.d. in Alice-Herz-Platz umbenannt. Viel Prominenz war dabei. Doch die Initiatoren hatte das Bezirksamt nicht einmal eingeladen. Nun gut, der Prophet gilt im eigenen Lande nichts.

Dafür gelang es jot w.d., für die Mai- Ausgabe ein exklusives Interview mit dem Filmproduzenten Arthur „Atze“ Brauner zu erstellen. Er hatte in jenem Jahr seinen Film über die Massaker im ukrainischen Babij Jar auf den Filmfestspielen vorgestellt und verriet uns, dass er vor einem braunen Bodensatz keine Angst hat. Angst und Bange hingegen konnte einem im Bezirk werden, wenn man die Baum-Fäll-Wut betrachtet. „Vom Baum zum Stumpf“ titelte jot w.d. im Mai und zählte eine ganze Reihe von Beispielen sinnloser Abholzerei – auch unter Führung der Umweltverwaltung bzw. unter deren Duldung – auf. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Kettensäge m a r s c h ! “ scheint da bis heute der tägliche Tagesbefehl zu lauten. Nachlesbar in vielen späteren jot w.d.-Ausgaben. Doch gilt: Nicht resignieren – weiter kämpfen! Das nahmen sich auch die Bewohner von Marzahn Nord zu Herzen und machten ihrem Unmut („Schnauze voll von Strieder & Co.“) spektakulär Luft. Sie beantragten die Abspaltung von Berlin und ihre Eingemeindung nach Brandenburg. Schließlich sei das Gebiet bis weit in die 70-er Jahre „Ahrensfelde Süd“ gewesen. Die Aktion sorgte für viel Aufsehen. In der Konsequenz kam ein Quartiersmanagement (mit einigen Millionen Euro Steuergeld) in den Kiez. Der Ärger fing damit aber (zumindest punktuell, wie in späteren jot w.d.-Ausgaben, auch dieser, nachzulesen ist) erst richtig an. Und während wir im Juni über eine wunderbare Ausstellung über „verschwundene Kirchen“ im Turmmuseum der Kaulsdorfer Jesuskirche berichten konnten, mussten wir gleichzeitig konstatieren, dass allem „Image-Verbesserungs-Gerede“ zum Trotz sich mehr und mehr „Ruinen“ im Bezirk breit machen. Eine kleine – bis heute leicht fortführbare – Serie illustrierte diese Entwicklung. Dem Image auf die Sprünge zu helfen, stellte sich auch das im Juli frisch installierte „Regionalmanagement“ zur Aufgabe. Wir titelten im August „Aicher und Haudel öffnen Schranken“ und schämen uns heute noch dafür. Das Regionalmanagement war unsere größte Enttäuschung seit dem Mauerbau, und es bleibt uns unverständlich, wieso Wirtschaftssenator Harald Wolf dort auch weiterhin Steuermillionen versenken will.

Stadtzeichner Gerd Wessel verabschiedete sich nach 18 Monaten mit einer Sonderausstellung – und blieb doch bis heute

Denn wie man mit viel weniger Geld ansprechende Sachen auf die Beine stellen kann – und das ganz ohne Senat, Bezirksamt und den Verwaltungswasserkopf – zeigten etwa das Fest zum 250. Jahrestag die Siedlung „Kiekemal“ im Juni oder der 10. Geburtstag der „Grüninspektoren“ im Juli.

Dass sich öffentlich verkündete hochfliegende Pläne meist sehr schnell als Kokolores erweisen, zeigt auch das Beispiel JoyIn. Im September berichtete jot w.d. von der „Hochzeit“ zwischen Kids & Co und dem Bezirksamt zum Zwecke der gemeinsamen Betreibung des neuen Jugendklubs (dessen Kosten auch auf Betreiben von jot w.d. gesenkt werden konnten). Nun sind die beiden schon längst und in aller Stille geschieden. Über Programm und Nutzung (und die Kosten-Nutzen- Relation) des seither alleinig staatlichen Jugendklubs möge sich jeder selbst eine eigene Meinung bilden. Die Meinung über den damaligen Zustand des Alice-Salomon-Platzes hingegen war ungeteilt: „Grauenvoll“ galt noch als milde. Da passte es gut, dass jot w.d.-Autorin Barbara Staacke und ich uns ein Herz fassten und den damaligen Bausenator im Oktober bei einem Besuch in Hellersdorf kurzerhand packten und über den Platz führten. Sein Fazit: „Da muss unbedingt was gemacht werden.“ Hat zwar noch ein paar Jahre gedauert (deutsche Verwaltungen!), doch heute sieht der Platz wenigstens ein bisschen besser aus. Und noch Eines halten wir für bemerkenswert: Als einzige Zeitung gelang es jot w.d., Strieder im Oktober zu dem Bekenntnis zu bewegen: „Ja, wir im Senat haben bei der Privatisierung von Wohnungsbeständen in Marzahn- Hellersdorf Fehler gemacht.“ Korrigierbar sind diese heute leider nicht mehr. So wenig, wie der falsche Abriss des Schulcontainers auf dem Lehnitzplatz korrigierbar ist. Hätte der Bezirk dort, wie von jot w.d. gefordert, eine multifunktionale Freizeiteinrichtung geschaffen, würden heute dort nicht drogenbehaftete Jugendliche den einen oder anderen Anwohner in Angst und Schrecken versetzen.

Überhaupt der Oktober: Wir feierten Manfred Durnioks letztes Geschenk an Berlin – den Tsing-Tao-Pavillon im Chinesischen Garten. Weiß man heute überhaupt noch, dass Marzahn, Berlin, ja Deutschland die „Gärten der Welt“ eigentlich diesem (viel zu früh verstorbenen) Mann zu verdanken hat? Wir zumindest wissen es. Und auch für jot w.d. brachte der Oktober eine tief greifende Zäsur. Seither erscheint die Zeitung (in der Regel zur Hälfte) in Farbe. Nach dem Motto: So bunt, wie das Leben im Bezirk (und darüber hinaus) ist, so bunt wollen wir es auch zeigen. Da kommt es nicht selten vor, dass in der Redaktionssitzung ein kleiner Streit ausbricht. Nach dem Motto: „Aber diese Geschichte müsste doch in Farbe kommen.“ Geht halt nicht immer, denn das hat auch etwas mit den Kosten zu tun. Als Nicht-Anzeigenzeitung müssen wir streng haushalten. Dies besonders angesichts der in diesem Jahr stark gestiegenen Papierpreise. Übrigens haben wir im Oktober 2003 unsere erste öffentliche Leser- Umfrage gemacht. Leider war die Resonanz nicht so groß, wie wir hofften. Vielleicht beteiligen sich beim nächsten Mal mehr – jetzt, wo sie das „bunt“ gewöhnt sind. Dies – das wollen wir an dieser Stelle nicht verschweigen – ist auch zwei Männern zu danken: Dr. Ralph Donath und Ulrich Ebersbach. Danke, ihr beiden; ihr gehört zu unseren heimlichen Sternen.

Ganz besondere Sterne zeigte jot w.d. auch zum Jahresende 2003. Denn da hatte Künstler Kurt Buchwald in der Hellersdorfer Promenade sein mit den Bewohnern gestaltetes „Firmament der Dinge“ eingeweiht. Und wie am Firmament gibt es eine gewisse Kontinuität: Buchwalds jüngstes Projekt findet sich in dieser Ausgabe.

R. Nachtmann