Henne und das einstürzende Angie-Dach

Kabarettistin Dagmar Gelbke verlieh einen „Oscar“ für die beste Großmutter der Welt und findet tolle Amis

Unsere Omi ist nun schon - oder erst - zwei Monate tot. Einen Tag vor unserer geplanten Donaufahrt hat sie sozusagen klammheimlich „umgebucht“. Als ich dann im August in die USA fuhr, hat sie mich eine ganze Weile als Falke begleitet, und eines Nachts, während einer gigantischen Sternen-Lichtershow über dem Grand Canyon, hat sie sich als Sternschnuppe auf und davon gemacht. Nun muss ich sehen, wie ich sie auf ihrem Stern erreiche, wenn ich ihre treffsicheren Kommentare für die jot w.d.-Kolumne brauche... Sie war im 92sten Lebensjahr, und doch kam ihr Dahinscheiden zu plötzlich. Ich hatte noch eine ganze Menge mit ihr vor. Jetzt sitze ich in dem seltsam großen Haus und erkenne, wie wichtig es war, einen Menschen gehabt zu haben, der mit mancherlei Gemecker zwar, aber unerschütterlich auf meiner Seite stand, und der solz, wirklich stolz auf mich war.

Wie oft war ich ungerecht und ungeduldig! Aber ich konnte mich an ihrem Sterbebett noch entschuldigen dafür. Und ich konnte ihr sagen, wie dankbar ich ihr bin und wie lieb ich sie habe. Das hätte ich früher tun sollen. Nun konnte ich ihr nur einen „Oscar“ für die beste Großmutter der Welt auf die lange Reise mitgeben ... Weiß man, in welchen Kreisen sie demnächst verkehrt? Vor zwei Jahren war Omi noch dabei, als im Friedrichstadtpalast die „Goldene Henne“ verliehen wurde. Diesmal war ich mit Wolfgang Flieder von den „Oderhähnen“ dort. Es war bis auf die Leistung der gehörlosen chinesischen Tänzerinnen eine langweilige Show. Andrea Ballschuh, die ich eigentlich leiden kann, kam nicht umhin, über Eva Herman herzuziehen. Mann, das ist doch die beste Publicity, jemanden madig zu machen! Und sie bemühte ziemlich einfallslos den „Frauen- sind-anders-Männer-auch-Konflikt“ in ihren Moderationen. Na gut, Helga Hahnemann hat sie auch zweimal erwähnt.

Unsre Ehren-Karten für dieses „Event“ kamen übrigens im letzten Moment, auch für Angela Gentzmer, deren Buch („Das große Helga- Hahnemann-Buch – War schön mit Euch“, EulenspiegelVerlag, 19,80 Euro) anlässlich des 15. Todestages unserer Henne gerade erschienen ist. Wer weiß, welche Neu-Stars abgesagt hatten – Tokyo Hotel vielleicht? Wir saßen weit hinten, wo uns keine Kamera erfasste. War vielleicht auch gut so – denn was hätte die Nation gedacht, wenn man bei den Standing Ovations für die „Frau Bundeskanzler“ – wie der Super-Illu-Chef sie ansprach – plötzlich zwei aufmüpfige „Sitzenbleiber“ im Bild gehabt hätte.

 Angela Gentzmer findet die Angie ja toll. Aber Flieder und ich waren uns einig, dass man vor einer Kanzlerin, die ihre Landsleute in den Libanon schickt, nicht buckeln muss. Und obwohl sie die einzige Preisträgerin war, die den Namen Helga Hahnemann überhaupt erwähnt hat, haben die Leserzuschriften in den unterschiedlichsten Zeitungen dieser Stadt Recht, die da behaupten, Henne wird sich umdrehen im Grab ob dieser sogenannten Publikumsentscheidung.

 Ich bin in den USA oft gefragt worden, was eigentlich das Problem ist in Deutschland. Und in meinem verloren gegangenen Englisch erklärte ich: Die Regierung tut alles, den Status Quo für sich selbst zu erhalten, auf Kosten des Volkes. Das Dach wird auf ständig saniert, während das Fundament bröckelt.

In dem Zusammenhang, muss ich meine Tochter Paula erwähnen, die neulich meinte: „Bloß gut, dass Oma, unser 007-Fan, nicht mehr den neuen James Bond erleben muss.“ Ich sage: Gut, dass Oma nicht mehr erleben muss, wie das Dach dieses Staates uns eines Tages unter sich begräbt.

Übrigens: Die Amerikaner sind offene Leute, höfliche Autofahrer und hilfsbereite Mitmenschen. Einmal, ich saß im japanischen Leihwagen und versuchte herauszukriegen, wie bei selbigem das Radio und die Klimaanlage funktionieren, hielt ein anderes Auto an. Eine junge Frau stieg aus und fragte, ob ich okay sei und ob sie helfen könne. Man stelle sich das hierzulande vor ...

Kinder, seid nett und solidarisch zueinander. Jeder Tag ohne eine liebes Wort ist ein ungelebter Tag. Nicht, dass das Leben – am Ende – zu kurz gewesen ist. Übrigens, meine Trauerrede für Oma findet Ihr unter www.dagmar-gelbke.de.

Einen sonnigen Herbst wünscht

Eure Daggie