Massagen gegen Herbstmelancholie und eine peinliche Henne

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke über Dinge, „die gibts ja gar nicht“

Ich liebe den September. Aber in diesem Jahr hing er voller Trauer; kalt war er obendrein. Da half auch der tägliche kostenlose Besuch des ceragem-„Massagestudios“ in Kaulsdorf-Nord am Cecilienplatz mit seinen infrarotstrahlenden Jade-Steinen nichts. Obwohl - die Lendenwirbel tun seitdem kaum noch weh und durchschlafen kann ich auch wieder! Also sage ich nur: Hingehen und ausprobieren – wirklich kostenlos und sooft man will. Es gibt eben doch noch Dinge, die man nie geglaubt hätte. 

Zum Beispiel, dass ich in der Lage sein würde, auf einer Beerdigung das „Ave Maria“ von Bach/Gounod zu singen. Aber ich war es dem treuesten meiner Freunde schuldig. Am 3. August haben wir noch seinen 70. gefeiert, am 1. September hat er meine Eingangstreppe verschraubt und am 3. September fiel er um und war tot. Wir hatten uns vor 27 Jahren in Bulgarien kennen gelernt, und trotz der Mauer hielt diese Freundschaft bis zuletzt, auch, wenn er mich manchmal verflucht hat. Mein Peti, alles in meinem Haus erinnert an ihn, weil er alles, was zu bauen war, für mich gebaut hat. Durch einen Baumarkt kann ich im Moment nicht laufen, ohne die Tränen wegdrücken zu müssen.

Und was passiert? Am Morgen nach meiner Premiere mit Gert Kießling in Eiche (wird wegen des großen Erfolgs am 23.1.09 wiederholt) ruft mich Petis Frau, meine Elfriede, an und sagt: „Ich hab von Peter geträumt. Er saß auf Deiner Treppe und hat gesagt: Mensch, Gelbke, was machst Du wieder für eine Scheiße!“ Mir verschlug es fast den Atem: In genau dieser Nacht bin ich beim Fahren ohne Fahrerlaubnis erwischt worden – auf den 800 m vom S-Bahnhof zu meinem Haus, zwei Tage vor Ablauf meines Fahrverbots! Ich muss beim Lesen des Aufhebungsbescheids mal gerade wieder die Brille nicht gefunden haben, habe nämlich statt „8.9.“ „6.9.“ gelesen…

Traurige Henne

Wie gesagt, Dinge gibt es, die man nicht glauben will. Wie auch die Präsentation der diesjährigen „Goldenen Henne“. Wer hätte gedacht, dass diese Großveranstaltung mal zu einer Trauerfeier umfunktioniert wird. Oder habe ich unrecht? Okay, dass es Helga Hahnemann nicht mehr gibt und auch keine würdigen Nachfolger – von Inka Bause vielleicht mal abgesehen – das ist schon betrauernswert. Aber was da so alles gesülzt wurde; der „Ich bin ein Fast-Noch-Sachse“- Bundespräsident Köhler allen voran! Das Ballett des Friedrichstadtpalastes in den hässlichsten Schwanensee- Kostümen, die ich je gesehen habe, dazu eine Ballade nach der anderen: Silly, Karat, Petra Zieger, diese englische Internetentdeckung Amy McDonald (figürlich sah man ihr die Bouletten an) und dieser wunderbare amerikanische Teufelsgeiger David Garrett – alle mussten sich in breitestem Largo präsentieren. Da konnte sogar Udo Jürgens nichts wieder hochreißen.

Wer bloß stellt solche Programmfolgen zusammen? Undercover- Redakteure von westlichen Sendestationen, die die Abschaffung dieses Medienpreises erreichen wollen? Und wer lässt zu, dass sich ein so sympathisches Mädchen wie Helene Fischer in Kostüm und Maske von Helga Hahnemann quetschen lässt und mit Axel Schulz (ja!) den legendären Kellner- Sketch mit Walter Plathe nachstottert? War das peinlich! (Kein Wunder, dass jetzt Henry Maske Max Schmeling spielen soll, obwohl Schulz ihm viel ähnlicher ist.) Ehrlich, Helgas Leistung und Bemühen um eine niveauvolle Unterhaltung wurde durch diesen Dilettantismus regelrecht in den Dreck getreten. Oh je, ich wollte mich doch nicht mehr aufregen. Ich glaube, ich muss jetzt ganz schnell von Schönefeld nach Kaulsdorf auf die Massage-Liege. Bis bald

Eure Daggie