Bunt wie der Herbst

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke wirbt weiter für ihr Seniorenkabarett, spielt derweil eine Schweinemutter und versucht sich als Handwerker

Na, Ihr Lieben, wo wart Ihr denn, als wir uns am 14. September zum Casting für unser Senioren-Kabarett im Tschechow-Theater trafen? Wir werden die Proben im Oktober beginnen mit Torsten, Moni und – man staune – mit der bekannten Sängerin Gerti Möller, die im nächsten Jahr 80 wird! Aber ich könnte schon noch ein paar Leute gebrauchen, ruhig auch mal einen türkischen Mitmenschen z.B. oder einen russischen Musiker vielleicht! Also, bitte, wer mitmachen möchte – Tel. 93 66 10 78. Nur Mut!

Ich habe inzwischen eine gemeinnützige Arbeit gefunden, die ich gleich als Praktikum für mein Kulturwissenschafts-Studium nutze. Ich sitze täglich von 7.30 bis 14.30 Uhr mit neun anderen liebenswerten „Hascherln“ im „Theater am Park“ (TaP) – auf dem Gelände des ehemaligen Erich-Weinert- Ensembles – und bin unter Anleitung von Sylvia und Marina, den rührigen Allround-Managerinnen der Abteilung, kreativ. Gestalte, zum Missfallen zweier sich überaus wichtig nehmender junger Ladies aus der Schneiderei, Ponchos fürs Indianerfest „viel zu bunt“, beklebe Drachen und bastele Adventshäuschen, die die Kinder später bemalen sollen.

Birgit vom TaP zeigt die Indianer-Ponchos

 Und ich war beim Umweltfest vor den „Gärten der Welt“ dabei. Ich durfte auch schon Puppen spielend die Mutter der „3 kleinen Schweinchen“ geben. Danach hatten die Mitspieler allerdings Kopfschmerzen, weil ich eben einfach zu laut spreche.

Beim Herbstfest im TaP habe ich dann einen Auftritt absolviert (gagenfrei, versteht sich), der vom harten Kern der tanzwütigen Senioren mit dumpfem Nicht-Reagieren auf meine kabarettistische Anmache boykottiert wurde. Aber wirklich nur vom harten Kern; die anderen Gäste, die sich regelmäßig dort treffen, freuten sich, kauften meine Kochbücher und wollen alle am 19. Oktober und am 16.November, 19 Uhr, in die „Luise“ am Köpenicker Rathaus kommen, wo ich mit Ex-Distel-Chef Gert Kießling die Reihe „Kabarett-Montag bei Luise“ eröffnen werde. Besonders gefreut habe ich mich aber, als meine junge Kollegin Sabrina sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass mir so was gefallen könnte…“

Nun klingt das alles vielleicht etwas ironisch, was ich hier schreibe, aber genau genommen bin ich traurig über manche Dinge, die ich im TaP gerade erlebe. Da kommt eine Kindergartengruppe ins Theater, ganz liebe, fast schüchterne Knirpse um die vier Jahre. Alle in hübschen Klamotten, also nichts von wegen asozial! Mit Riesenaugen haben sie sich „Rumpelstilzchen“ angesehen und sollten es dann nachspielen. War das eine Qual für die kleinen Geister! Mit Schrecken erkannte ich, dass unser Nachwuchs, unsere Zukunft, nicht mehr gewöhnt ist, Märchen, oder überhaupt Geschichten zu hören. Sie können nicht mit Worten umgehen, sie werden nicht angehalten, kreativ und phantasievoll zu sein.

Was hat mir meine Mutter erzählt, wie oft sie mir immer wieder dasselbe Märchen vorlesen musste, bis ich es auswendig konnte. Was haben wir Rauten (sächsisch für „Göre“) dann in unserem Hinterhof diese Märchen nachgespielt, ohne Anleitung! Einfach so, aber mit kreativer Begeisterung und überschäumender, kindlicher Phantasie.

Da liegt heutzutage mehr im Argen, als die „neue“ Regierung ahnt, wenn sie von Bildung spricht. Natürlich gibt es auch die Beispiele, wo Mutter und Oma ihren dreijährigen kleinen Prinzen zu uns bringen, damit er zum ersten Mal im Leben Theater sehen kann. Und das gleich mit einer Exklusivität, die ihm vielleicht nie wieder entgegen gebracht werden wird. Denn das TaP spielt auch für ein einziges Kind. Und eben dieses TaP, das sich bemüht, die offensichtlichen Lücken in der musischen Erziehung unserer Kleinen zu schließen, soll keine finanzielle Unterstützung mehr kriegen. Das macht mich nicht nur traurig, sondern auch wütend.

Und deshalb mache ich hier Schluss und widme mich der Renovierung meines Wohnzimmers. Die Decke – ich bin so stolz auf mich – und zwei Wände sind schon fertig. Der Rest scheitert an meiner Entscheidungsunfähigkeit: Kombiniere ich nun Aubergine oder Cappuccino zu dem freundlichen Weiß und Zartgelb der bisher gestrichenen Wände? Ich merke schon, ich werde noch eine Weile in der kreativen Welt vom Theater am Park verbringen müssen. Und das ist auch gut so.

Eure Daggie