Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 62 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Band TRANSIT um Frontmann Egon Linde fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

TRANSIT

 

Wieder auf Tour

 

Das war eine der großen Überraschungen während des Konzertsommers auf der Parkbühne Berlin- Biesdorf: Am 12. Juni spielte dort die Gruppe TRANSIT. Eine Überraschung deshalb, weil sich die 1975 gegründete Rockband um Egon Linde und Siggi Scholz nach der Wende getrennt hatte. „Offiziell haben wir uns zwar nie aufgelöst, wir sind einfach still auseinander gegangen“, sagt Bandchef Egon Linde. „Und genau so still sind wir jetzt wieder zusammen gekommen.“ Noch vor einem Jahr hatte der Mecklenburger die Frage nach einem Comeback seiner Band verneint. Seit den 90ern war jeder der Musiker seinen eigenen Weg gegangen, von Musik allein konnte keiner leben. Der eine gründete eine Firma, der andere verdiente sich seine Brötchen als Musiklehrer. „Ich war ausgepowert, hatte einfach keine Lust mehr, auf die Bühne zu gehen. Das war wohl so was wie ein Burn-out-Syndrom“, sagt Linde, der wegen seiner ähnlichen Stimme schon zu Ostzeiten oft mit Udo Lindenberg verglichen wurde. Er sei nicht mehr mit dem Herzen dabei gewesen. „Und wenn Musik nicht aus dem Herzen kommt, sollte man es bleiben lassen.“ Außerdem: „Klinkenputzen liegt mir überhaupt nicht. Und ohne das ging es im plötzlich vereinten Deutschland nicht.“   

Manfred Hecht, Lutz Krüger und Egon Linde im September in Speiches (ganz links) Blueskneipe an der Raumerstraße..

In den vergangenen Jahren hatte es immer mal wieder Anfragen von Veranstaltern gegeben, vor allem an der Küste, der eigentlichen Heimat von TRANSIT. Die treibende Kraft, dass sich die Jungs nun wieder zusammen fanden, war Lutz Krüger, der Schlagzeuger. „Ich hatte Egon im Herbst 2008 bei einem Musikantentreff wiedergetroffen und gefragt: Wolln wir nicht mal wieder was zusammen machen?“ Weil er versprach, sich um alles Organisatorische zu kümmern, sagte Linde endlich zu, kramte in den alten Noten und dem Songmaterial von damals. Irgendwann traf man sich zu den ersten Proben. Zunächst zu dritt, doch Egon konnte auch seinen alten Freund Siggi Scholz überzeugen, der mit seiner Familie an der Küste wohnt. „Siggi war begeistert und damit stand dem TRANSIT- Comeback nichts mehr im Wege“, erinnert er sich.

TRANSIT im September 1981 on the road.

Fotos: Dittmann, Schulze

Seit ihrer Gründung 1975 hatten sich um die Stammbesetzung Linde/ Scholz immer mal wieder andere Musiker geschart – Michael Behm, Frank Görke, Lutz Krüger, Frank Schönfeld und viele andere. Bekannt geworden war TRANSIT mit melodischen Balladen wie „Ich fahr an die Küste“, „Ein Mädchen wie du“, „Der Junge sitzt am Ufer“, „Schulzeit“ oder „Ein Musiker“, Songs mit maritimem Charakter wie „Sturmflut“ sowie vertonten Sagen der Küstenwelt wie dem „Hildebrandslied“ oder der „Bernsteinhexe“. Literatur und Geschichte seien schon immer sein Hobby gewesen, erklärt Egon Linde. 1982 war bei Amiga ihre LP „Bernsteinhexe“ erschienen, 1997 kam die Störtebeker-Suite als CD beim „Barba Rossa Musikvertrieb“ heraus. Wenn alles klappt, soll im nächsten Jahr „Transit del mare“, eine CD mit ausschließlich maritimen Songs veröffentlicht werden. Die ersten Konzerte haben Egon Linde, Siggi Scholz, Manfred Hecht und Lutz Krüger nun hinter sich. Und sie sind mit großem Spaß dabei. „Heute weiß ich, dass Emotionen wichtiger sind als Perfektion. Wir spielen mit Lust und Leidenschaft, nicht wegen der Kohle“, sagt der leidenschaftliche Segler Linde, der in den vergangenen Jahren auch viel fürs Theater gearbeitet hat. Die jüngste Produktion („Mein Kampf“) lief am Theater Cottbus. Auch mit Peter Hacks gab es eine enge Zusammenarbeit.

Übrigens fand bei TRANSIT die deutsche Vereinigung schon im September 1981 statt. Da waren sie auf dem Rücktitel des Jugendmagazins „neues leben“ abgebildet. An der Rückseite ihres Transporters war das Kennzeichen D zu lesen, statt DDR. „Das D und das R waren wohl verschmutzt“, schmunzelt Egon Linde, als wir unlängst darauf zu sprechen kamen. Deswegen sollte das Heft Nummer 9/1981 eingestampft werden, beschied damals der Herausgeber. Um das zu verhindern, ließ die Redaktion einfach das Logo „Transit – neues leben“ über den Stein des Anstoßes aufdrucken (siehe Foto).

Ingeborg Dittmann