Johanniskraut und Pille vertragen sich nicht

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke gibt eine „sexy Witwe“ und ist hin und hergerissen zwischen aufgeben und neu anfangen

 

Der schöne Herbstbeginn, den ich uns allen in der vorigen Kolumne wünschte, ist irgendwie ausgeblieben. Abgesehen vom immer kaputter werdenden Auto, eingeschlagener Frontscheibe und nicht trokken werden wollendem Keller in meinem Haus – auch die neue Spielzeit fängt nicht gut an für mich. Wahrscheinlich liegt es am Wetter, dass die Zuschauer unseren Programmen fernbleiben – im geliebten Tschechow-Theater besuchten uns kürzlich begeisterte 20, im wunderbaren Kulturforum Hellersdorf ebenso begeisterte 18. Und in der „Luise“ in Köpenick gar keine Vorbestellungen. Aber vielleicht hat Bert Beel Recht, wenn er sagt, dass unsere Art Unterhaltung mit unserer Generation endgültig ausstirbt. Auch wenn mein lieber Siggi Trzoß jetzt einwenden könnte, bei seinem „Goldenen Herbst“ sei es aber übervoll gewesen – heißt das ja nicht, dass Beel falsch liegt.

Ich zum Beispiel habe mir das neue Friedrichstadtpalast-Programm „Yma“ angetan. Eine zeitgemäße Show, die nichts mehr mit der Sinnlichkeit und Phantasie des traditionellen Varietés zu tun hat. Überladen mit elektronischen Klängen und Lichteffekten, herausragenden artistischen Leistungen und teils recht originellen Choreografien, die von den Tänzern ebenfalls artistische Höchstleistungen fordern. Und ein Mann in Frauenkleidern moderiert die Show, der zwar toll singt, aber leider nicht einen Funken Charme und Erotik (wie etwa Mary) ausstrahlt, wenn er in typischer Travestie- Manier über die Bühne stelzt und Belanglosigkeiten aufsagt. Alles in allem: Die perfekte bunte VIVA-Welt der neuen Generation. Um so etwas zu sehen, kann ich mich vor den Fernseher setzen. Das ist preiswerter und bequemer, aber genau so oberflächlich und austauschbar.

Hoffnung gibt es aber immer wieder. Gerade hat das Tschechow- Theater den Zuschlag vom Bezirk bekommen und darf für zwei Jahre weiter existieren. Und wir versuchen es dort und auch in der „Luise“ weiterhin mit handgemachter Kunst. Zum Beispiel in der „Luise“ am 11.Oktober, 19 Uhr, mit „Wir sind nicht alt – aber sexxy“ mit Margit Meller und mir als Trudchen und Irmchen, den zwei unverwüstlichen Witwen. Eine Weltpremiere sozusagen.

Wir gehen davon aus: Sex im Titel zieht immer – inklusive „Dinner- Bufett“ für 25 Euro. Der Preis wurde um 5 Euro erhöht, vielleicht kommen die Leute deshalb nicht? Na hoppla, diese 5 Euro sollen ja auf das Hartz-IV-Geld draufgelegt werden. Aber statt „Kultur live“ kaufen viele Leute vielleicht eher für 22,90 Euro den „Bestseller“ von Herrn Sarrazin. Ja, sogar meine Freundin Elfriede (73) hat das getan. Dabei zeugt sein Name davon, dass er selbst von arabischen Händlern abstammt, den Sarazenen, und somit, glaubt er den Aussagen in seinem eigenen Buch, genetisch mit einem IQ unter 100 ausgestattet sein muss und daher sein Geschreibsel nur idiotisch sein kann. Und dafür geben nun selbst die „höher entwickelten Deutschen“, also auch Elfriede, Geld aus. Ich werde es nie begreifen. Aber vielleicht bin ich doch früher als sie alt geworden.

Das sagt mir nun übrigens auch mein Blutdruck. Pünktlich seit dem 60. Geburtstag erklimmt er Besorgnis erregende Höhen. Und weil wir schon mal dabei sind: Seit ich drei Tage durch Wien und zusätzlich noch über Frauen- und Herreninsel im Chiemsee gewandert bin, fängt die linke Hüfte an, ihre Abnutzung zu verkünden. Und über den schmerzenden linken Fuß will ich gar nicht reden. Was zeigt: Meine „Ceragem-Wunderliege“ hat in zwei Jahren wohl nichts gebracht. Und ich habe ganz fest an ihre Heilkraft geglaubt.

Aber noch klappt wenigstens mein Spagat! Den ich ja nicht nur auf der Bühne zeige, sondern auch im Leben vollführe – immer hin- und her gerissen zwischen neu anfangen und endlich aufgeben. Das Fernstudium zum Beispiel. Da habe ich mich auf die Klausur wirklich umfassend vorbereitet: Antike Dramatik, antike Rhetorik, Lyrikanalyse, Editionswissenschaft, Genett’sche Textanalyse, Literaturepochen und Kulturtheorie. Doch Murphys Gesetz schlug zu: Die ersten vier Themenkomplexe sind überhaupt nicht abgefragt worden – gerade das, was ich bestens drauf hatte. Und die Prüfungsergebnisse gibt es erst im November. Kein Wunder, wenn der Blutdruck nicht runter geht! Auch wegen des Stress‘mit meinem alten Auto. Da geht fast nichts mehr. Zum Glück kam grad eine Aufmunterung von meinem Freund Peter Waschinsky in Versform. Und die geht so:

Auto im Arsch? Du denkst: Das war’sch! Trotz allem Streben. Alles perdü, hin alle Müh’. Ach, dieses Leben! Es ist ein Schwein! Lass alles sein, wozu dies Treiben? Bleibe zu Hause – um nach ‘ner Pause – DRANNE ZU BLEIBEN!

Etwas Hoffnung, dass noch nicht alles mit mir zu spät ist, hat mir unser neuer Apotheker gemacht, ein fröhlicher Mittfünfziger aus dem Ruhrpott. Als ich ihn um Johanniskraut-Tabletten zur inneren Entspannung bat, hat er sie mir ausgeredet. Es hätte sich nun doch herausgestellt, dass die früher als harmlos verschrienen Kräuter Nebenwirkungen haben. Zum Beispiel wäre bei gleichzeitiger Einnahme die „Pille“ nicht mehr sicher. Und wer wolle das schon riskieren.

Da habe ich, grad 60 geworden, dann noch befreit gelacht! Hoffend auf einen späten Altweibersommer verabschiedet sich bis zum nächsten Mal

Eure Daggie