Der Butler war der Hausmeister

Kabarettistin, jot w.d.-Kolumnistin und Fernstudentin Dagmar Gelbke erlebte spannende Tage in London 

Hurra, ich lebe noch! Meine im vergangenen Monat eingelegte Schreibpause war meiner Schilddrüsen- OP geschuldet. Man verkraftet so einen Eingriff eben doch nicht mehr einfach so. Drei Stunden mussten die Ärzte im sehr guten Wenckebach-Klinikum in Tempelhof an mir herumschnippeln und Präzisionsarbeit leisten, denn: Eine der vielen (gutartigen) Wucherungen in meinem Kropf hatte sich doch tatsächlich um den Stimmbandnerv gewickelt. Also war es doch richtig, operieren zu lassen, nachdem ich seit April die Heiserkeit nicht mehr losgekriegt hatte.

Jetzt geht es mir wieder gut, die Narbe ist überhaupt nicht zu sehen, nur – die Gesangsstimme verweigert sich noch ziemlich hartnäckig. Nun ja, noch habe ich eine Schonfrist im Frankfurter Kabarett. Und ansonsten war ich 10 Tage auf Studienreise in London.

Ach, ich liebe diese Stadt, seit wir Ossis reisen dürfen! Dazu kam, dass der Geschichtsprofessor der Fern-Uni in Hagen, Dr. Jürgen Nagel, die Reise exzellent konzipiert hatte. Der Vortrag, den ich zu halten hatte, beschäftigte sich mit der Arbeiterklasse in England und Londons East End bis zur Gründung der Labour Partei um 1900. Jeder hatte ein anderes Thema vorzubereiten, das dann mit Ausflügen untermauert wurde: Botanischer Garten, die Staatlichen Archive, Globe- Theater, Hinduistischer Tempel, Friedrich Engels, ägyptische Mumien im Britischen Museum, die Docklands, Greenwich, Opium und Teehandel, Bordelle und Spelunken, Francis Drake und Elisabeth I., Thomas Cook usw.

Ich konnte vor meinen englischen Freunden ganz schön prahlen, was ich alles über ihre Geschichte weiß. Bei all unseren Exkursionen haben wir natürlich auch wunderbare Engländer kennengelernt, mit ihren Schrullen, ihrer Höflichkeit, ihren hinreißenden Englisch-Akzenten und der Besessenheit für ihre Arbeit. Studiert haben wir im Deutschen Historischen Institut mit einem Leiter, Dr. Andreas Gestrich, der mich an Harrison Ford erinnerte und der mir sogar aus dem Stand heraus Hinweise für eine meiner nächsten Hausarbeiten zum Thema „Frauenorchester in Auschwitz“ geben konnte, weil es in London tatsächlich noch Überlebende gibt. Gegen 11 Uhr wurde uns dann Tee oder Kaffee vom englischen Hausmeister serviert. Sucht man nach dem Stereotyp „Englischer Butler“ – das war er! Unsere Unterkunft hatten wir im exklusiven Westend, in einem Internat der London University of Economy, zu einem sehr moderaten Preis. Da stören dann etwa Gemeinschaftsduschen gar nicht, zumal das deftige englische Frühstück inklusive war. Allerdings war ich zu dem Zeitpunkt noch recht schwach auf den Beinen und habe auf die schönen Pub-Abende mit meinen 20 Kommilitonen verzichten müssen. Übrigens: Wir waren eine gesamtdeutsche Weibertruppe, die sich mit vier Männern schmücken konnte, und jeder von uns hatte eine interessante Biografie aufzuweisen. Für feine Beobachter war natürlich der Generationsunterschied sehr genau auszumachen, und auch der der Sozialisation, aber gestört hat das gar nicht. Für Karl Marx oder Friedrich Engels interessierte sich außer mir keiner mehr und eine meiner Kolleginnen, eine Dolmetscherin, konnte nur bestätigen, dass der Begriff „politische Arbeiterklasse“ im Westen Deutschlands allgemein mit kommunistischer Propaganda besetzt wird und deshalb vermieden wird – was in England nicht so ist.

Ja, und dann kam Elfriede, meine West-Freundin aus den 80er Jahren und das Abenteuer begann. Sie hatte für uns schon im vergangenen Dezember ein Hotel gebucht, das in Heathrow lag. Erst dachte ich, oh Gott – diese Entfernung. Aber nein, mit Oyster-Card – die sollten Londonreisende unbedingt vor Ort kaufen – und dem gigantischen U-Bahn und S-Bahn-System mit dem kompetenten und freundlich- fröhlichem Auskunftspersonal alles kein Problem, trotz massiver Bauarbeiten! Die hat man allerdings in Hinblick auf die Olympiade 2012 dort auch nötig, denn Lifte und Rolltreppen vermisst man immer noch sehr oft auf den Bahnhöfen. Immerhin: Überall haben mich freundliche junge Männer gefragt, ob sie mir mit meinem 23- Kilo-Koffer helfen können. Das gibt es in Berlin leider nicht mehr. Während ich mich im Botanischen Garten doch ein bisschen gelangweilt habe, hat Elli von der Wachablösung bis Buckingham-Palast und der Ausstellung über die königlichen Hochzeitskleider sowie dem Denkmal für Diana in drei Stunden alles abgelaufen und dann auf mich in der Nähe des Wembley- Stadions zwei Stunden warten müssen, weil mein Handy für immer seinen Geist aufgegeben hatte und wir unseren Studienplan ändern mussten.

Am Sonntag haben wir einen Landausflug ans Meer gemacht, zu meinem in Portugal eroberten Freund Tony, einem 75-jähriger Witwer aus der High Society, der sich für seinen Berlin-Besuch im August, wo wir ihn auf Händen durch unsere Stadt getragen haben, revanchieren wollte. Ja, das war wunderbar: English Lunch und English Tea- Time, eine Spazierfahrt auf dem längsten Pier der Welt und die Rückfahrt nach London im Original Londoner Taxi seines Freundes Colin, einem Halb-Italiener mit britischem Nationalstolz. Er lieferte uns ein Wortfeuerwerk wie in einem italienischen Friseursalon. Am Abflugtag haben wir uns dann noch für ein Englisches Pfund pro Tag Fahrräder gemietet, bis wir feststellen mussten, dass man in den herrlichen Parks nicht Rad fahren darf. Tja, das ist eben auch britisch.

Nach einem lautstarken Disput, den ich im Stil Shakespeares mit einem pakistanischen Busfahrer führte, der doch tatsächlich doppelt kassieren wollte (Das muss ein Schauspiel gewesen sein: Zwei Ausländer, die sich in schlechtem Englisch beschimpfen!) und einem Outing meiner Person durch eine attraktive Dresdnerin, auch in Shakespearschem Diktus: „Sind Sies odor sind Sies nisch?“ – landeten wir bei der Ankunft gleich wieder im modernen Multikulti-Zille-Milieu mit den Taxifahrern am Provinzflughafen Schönefeld, die uns keine Kurzstrecke fahren wollten. Das wäre in London nicht passiert, dass man zwei alte Ladies mit schwerem Gepäck einfach stehen lässt. Willkommen in der Heimat! In diesem Sinne: Seid höflich zueinander!

Eure Daggie