Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 86 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der legendären Jazzsängerin Ruth Hohmann fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Ruth Hohmann

 

Ein Leben für den Jazz

 

 

Als Zehnjährige schrieb sie im Biedermeierzimmer der Eltern heimlich Autogramme. Damals ahnte die Thüringer Göre wohl noch nicht, dass sie das auch mit 80 noch tun würde! Am 19. August 2011 glich ihre Wohnung im 8. Stock eines Plattenbaus an der Lichtenberger Straße in Berlin einem, wie sie selbst sagt, „Blumen- und Weinladen“. Die Grand Dame oder First Lady des Jazz der DDR, wie das nur einsfünfzig große Energiebündel oft genannt wird, wurde 80 Jahre jung. Und feiert in ein paar Tagen, am 11. November, mit einem Konzert in der Berliner Friedrichstraße ihr 50-jähriges Jubiläum als Jazzsängerin. Ihren ersten Auftritt als solche hatte die seit 1951 in Berlin lebende Thüringerin am 11. November 1961 mit den Jazz-Optimisten Berlin im damaligen „Haus der DSF“.

Dabei könnte die Ausnahmesängerin und Musikpädagogin eigentlich schon ihr 65. Bühnenjubiläum feiern. Denn schon mit 15 stand sie mit kleinen Sprech- und Gesangsrollen auf der Bühne des Eisenacher Theaters. „Während der Schulzeit in meiner Geburtsstadt Eisenach habe ich im Schulchor von der 1. bis zur 4. Stimme so ziemlich alles gesungen“, erinnert sich Ruth Hohmann beim Talk mit Barbara Kellerbauer am 3. September im Freizeitforum Marzahn.

Noch in der Schulzeit nahm sie privat Klavierunterricht und absolvierte eine dreijährige Ballettausbildung am Eisenacher Theater. Mit 18 begann sie eine Ausbildung am Landeskonservatorium Erfurt – nicht im Gesang, sondern in der Sparte Schauspiel. Doch nicht die Schauspielerin, sondern die Sängerin siegte in ihrer Brust – welch Glück für die Jazz-, Blues-, Swing- und Dixieland- Szene in der DDR!

Und in der war sie spätestens seit 1961 zu Hause, musizierte mit Manne Krug, Günter Hörig, Klaus Lenz, Ernst-Ludwig Petrowsky, Theo Schumann, Günter Sommer, tourte mit Fips Fleischer und Helga Hahnemann und natürlich mit ihren „Jazz Optimisten“, ehe sie, nach einem Auftrittsverbot zwischen 1966 (nach dem 11. Plenum) und 72 ihre feste Begleitband fand – das Jazz Collegium Berlin – und das bis zum heutigen Tag. Doch auch mit anderen Musikern steht sie auf der Bühne, ob mit dem Gäbler-Quintett, mit Uli Gumpert & Conny Bauer, Stefan Heßheimer als Begleiter auf der Mundharmonika oder bei „Jazz, Lyrik, Prosa“ u.a. mit Walfriede Schmitt. Doch auch mit sich selbst kann sie in wechselnder Tonlage ein „Duett bilden“ – etwa bei „I can´t Give You“.

20 Jahre lang unterrichtete die Sängerin an der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler als Dozentin für Jazz und Chanson. Alfons Wonneberg hatte sie 1976 an die Schule geholt. Und selbst Schüler aus der Rockszene wie André Herzberg („Pankow“) schwärmen noch heute von ihrer einfühlsamen Art als Lehrerin.

Auch außerhalb der Bühne ist die 80-Jährige immer auf Trab – dafür sorgt schon ihre große Familie. 1951 hatte sie geheiratet, bekam zwei Töchter. Die eine trat als Sängerin und Pianistin in Mutters Fußstapfen, die andere ist Kindergärtnerin. Dazu kommen sechs Enkel und sechs Urenkel („Das 7. folgt demnächst.“). Um sich die vielen beruflichen und privaten Daten besser zu merken, hat sie kürzlich beschlossen, ihre Zettelwirtschaft abzuschaffen. „Jetzt schreibe ich alles Wichtige in dicke Hefte.“ Darunter sind möglicherweise auch einige Texte im Dialekt. „Ich bin ein großer Fan von Sächsisch“, gesteht die gebürtige Thüringerin, nach 60 Jahren längst eingemeindete Berlinerin, und gibt sogleich ein paar Kostproben zu Gehör. Umwerfend!

Was schenkt man einer 80-Jährigen zum Geburtstag? Natürlich einen Laptop, entschieden die Enkel zur Freude von Ruth. Nun kann die Hobbyhistorikerin schnell mal googeln, wenn ihr ein Datum entfallen ist. „Und die Fenster haben sie mir geputzt.“ Auch das würde die agile Achtzigerin wohl noch selbst bewältigen, wenn sie denn mehr Zeit hätte. Doch die Anfragen zu Konzerten im Lande haben nicht abgenommen, im Gegenteil. Das „Geheimrezept“ ihrer Vitalität und Energie sieht sie selbst im autogenen Training, das sie nun schon seit 1972 mit Konsequenz betreibt. Auch Gymnastik und kalte Kneipp-Duschen zu jeder Jahreszeit gehören dazu. Und natürlich die Musik, die sie jung erhält („Singen ist wichtig für die Synapsen.“).

Abb.: Ruth Hohmann 1964 und im September 2011 im Freizeitforum.

Fotos: Archiv, Dittmann

Wer Ruth Hohmann live erlebte, dem bleibt neben ihrer variationsreichen, großartigen Stimme und ihrer Ausstrahlung vor allem ihr Humor in Erinnerung. „Man muss die Dinge, die man macht, ernst nehmen, aber man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen“, entgegnet sie während der Talkshow im September der Moderatorin („Soviel Lob wird mir langsam peinlich.“). Und angesprochen auf den ihr oft verliehenen Titel „Ella des Ostens“ meint sie bescheiden: „Ella Fitzgerald ist unerreicht, die kann man nicht nachmachen!“ „Jazz reichts“ nannte sie ihre zum 75. Geburtstag erschienene CD. „Jazz reichts … noch lange nicht“ könnte folgen.

Ingeborg Dittmann