gelbke1.jpg Im rosaroten Trabbi zur „Henne“
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke nutzte die Kabarett-Pause
für Hausfrauenarbeit und nächtliche Streifzüge durch Berlins Partyszene

Nun haben wir also einen SPD-Kanzlerkandidaten – und unsere Proben für das neue Stück in Frankfurt (Oder), das am 20. Oktober Premiere haben soll, beginnen mit Stress, denn eine große Kabarettszene muss total umgeschrieben werden. Ja, die Realität hat mich wieder.

Obwohl – richtig entspannt habe ich mich in der Spielzeitpause von knapp fünf Wochen nicht. In der Retrospektive scheint es mir, als hätte ich ununterbrochen Äpfel geschält und Apfelmus eingekocht. Dabei habe ich nur einen einzigen Apfelbaum. War das ein gutes Apfeljahr! Und dann die Beschwerden des „Kindes“, warum ich mit Zimt gewürzt hätte oder mit Ingwer, pur sei’s doch am schmackhaftesten. Aber irgendwie kann die Hausfrauenarbeit auch zur Sucht werden. Ich wollte keinen Holunder mehr von den ehemaligen Rieselfeldern am nördlichen Stadtrand holen, aber nein – 10 Gläser habe ich aus einer Plastetüte voll Sammelgut herausgeholt. Und vor ein paar Tagen erst habe ich doch tatsächlich aus Nachbars Garten Quitten geklaut und sie nach einem uralten Kochbuch von Oma zu eigentlich viel zu süßem Gelee verarbeitet. Aber gut, am 1. Oktober geht’s in die Oderstadt, da ist die Zeit der Ernte erst mal wieder vorbei, bis zum nächsten Jahr, so die Gesundheit es will.

Apropos – während der Spielpause habe ich zwei neue „Baustellen“ am Körper eröffnet: die linke Schulter und die rechte Hüfte, zusätzlich zur linken Leiste, die seit einem Jahr rumzickt, und dem rechten Ballen. Physiotherapie-Termine über Termine, Sonderliegezeiten auf der guten, alten Ceragem-Liege.

Ach ja – Baustelle! Die neue Dachrinne sieht schön aus, leckt aber an manchen Stellen, so dass der Klempner immer mal wieder antanzen muss. Meine Heizung ist (so kurz vorm Winter) vom Schornsteinfeger nicht mehr zugelassen worden. Nun will ich auf Stadtgas umstellen. Oh, diese Monopolisten! Vor Januar fängt die GASAG gar nicht erst an. Haben’s ja nicht nötig, wenn kein Konkurrent auf der Matte steht. Und dann klingt das so schön, wenn vom Bärenwärme-Kredit gesprochen wird: 15 Jahre niedrigste Raten und man müsse sich um nichts kümmern. Aber dass sie 9,8 Prozent Zinsen nehmen, so dass ich in der Laufzeit für eine Leistung, die 10 000 Euro kostet, 21 000 bezahlen soll, das wurmt mich schon. Bleibe dann wohl doch bei einem neuen Ölkessel. Muffelt es eben weiter nach Öl im Keller – kann nicht schlimmer sein als das Kerosin, das über Schönefeld abgelassen wird. Ja, das merkt man auch erst, wenn man mal länger zu Hause ist. Ich weiß nicht wieso, aber der Fluglärm scheint sich verdoppelt zu haben. Wenn der Wind ungünstig steht, denkt man, die Flugzeuge starten im Garten. Dabei wohne ich nicht mal in der Zone, die Anspruch auf Schallschutzfenster hat.
Ja, und das Auto hat endgültig den Geist aufgegeben, nachdem ich es in der Durchsicht hatte. Ich hätte einen neuen gebrauchten Motor einbauen lassen können, aber nach 300 000 km habe ich entschieden, so ein treues Wesen in den verdienten Ruhestand zu schicken. Nun muss ich öffentlich reisen – aber es geht. Und es fordert bessere Organisation des Tagesablaufs und vor allem Kreativität. Zum Beispiel bei der gähnenden, ich meine natürlich „Goldenen Henne“, wofür ich mir in diesem Jahr die Einladung ertrotzt hatte. Na ja, es gibt ein Super- Illu-Sonderheft mit Zeitzeugen von Helga Hahnemann – und ich als ihre langjährige Bühnenpartnerin bin nicht dabei. Jedenfalls hatte mein Begleiter Bert Beel die Idee, zur Preisverleihung im rosafarbenen Trabbi-Cabrio mit Chauffeur vorzufahren. Zwar konnte man nicht bis zum roten Teppich heranfahren (und die Paparazzi haben uns somit gar nicht registriert), aber war das eine Gaudi – im offenen Wagen über den Ku-Damm! Basti, unser schnuckeliger junger Chauffeur, schrie immer: Nein, nein, das gibt’s doch nicht! Die Bremsen! Man muss ja 100 Meter vor der Kreuzung schon anfangen mit der Stotterbremse! Ja, das hatten wir als gelernte DDR-Bürger drauf. gelbke.jpg

Die Veranstaltung im Theater am Potsdamer Platz fand ich übrigens wirklich stinklangweilig. Nichts gegen die „Location“, nichts gegen Inka, die sah hinreißend aus. Aber drei Stunden ohne echte Show-Höhepunkte – von Frankie Schöbel mal abgesehen. Lustig allerdings war, wie Inka im wahrsten Sinne des Wortes auf Kriegsfuß mit ihren High Heels stand. Sie hat sie, immer wenn sie nicht dran war, ausziehen müssen – und am Ende ist sie, wie einst Sandy Shaw beim Grand Prix Eurovision 1967, barfuss auf die Bühne gekommen.

Ohne Auto war ich laufend – auch im wahrsten Sinne des Wortes – in der Stadt unterwegs. Theaterpremieren, Hochzeiten, von einer Fete zur anderen, noch vor zwei Tagen nachts zwei Uhr in einer schrillen Schwulendisko (das heißt ja heute „Club“); und das alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber es ist möglich, nachts von Punkt A nach Punkt B zu kommen, wenn auch, wie nach der „Henne“, mit Zeitüberbrückungsspaziergängen vom Alex zum Ostbahnhof. Im Glitzerkleid! Bloß gut, dass ich wohlweislich „richtige“ Schuhe eingepackt hatte. Irgendwie hat mich die Nachtschwärmerei ohne Auto an meine Anfangszeiten in Berlin erinnert. Was waren wir unterwegs, und was waren wir glücklich dabei.

Übrigens: Der Ausscheid zum Eurovision Song Contest war wider Erwarten eine unterhaltsame Show: Alle sangen Deutsch! Und es gibt wirklich begabte junge Talente wie die süßen Sachsenmädels der Multi-Kulti-Truppe LAING oder die tolle Sängerin von „Lususlärm“. Gut, dass XAVAS mit Xavier Naidoo gewonnen hat. Altersbonus? „Schau nicht mehr zurück“ hieß das Siegerlied. Was ich hiermit tue. Ich freue mich auf die nächste jot w.d.

Eure Daggie