Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 107

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger und Produzenten Jörg Hindemith fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Jörg Hindemith

 

Der vielseitige Thüringer


„Der springt ja genau noch so wild wie früher auf der Bühne rum, ich dachte, den gibt’s gar nicht mehr“. Den Satz einer älteren Dame schnappte ich unlängst vor der Freilichtbühne am Spreecenter Hellersdorf auf, das an jenem Wochenende im September seinen 20. Geburtstag feierte. Unter anderem mit einem Konzert des Erfurter Sängers Jörg Hindemith. Immerhin: Man kennt ihn noch, den inzwischen 56-jährigen „Shakin Stevens der DDR“, wie der Sänger oft genannt wurde und natürlich auch seinen größten Hit von damals „Bitte, bitte Hanni“. Der ist jetzt 30 Jahre alt, aber Anfang der 1980-er Jahre fehlte er in kaum einer Unterhaltungssendung des DDR-Fernsehens – vom „Kessel Buntes“ über „bong“ bis zum Schlagerstudio. 46 000 Mal ging er als Amiga- Single 1983 über die Ladentische; die LP, die 1985 folgte, sogar 200 000 Mal. Unter anderem mit „Ich habe irgendwas Gewisses“, „Ich leb gefährlich“, der „Rock’n’Roll-Party“ und „Heut kommt Marie zurück“.

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30 Jahre später wirbelt Hindemith in Jeans und meerblauem Pullover über die Bühne, mal mit, mal ohne Schlapphut, fast schlanker noch als früher, die Haare sind grau geworden und kurz, aber mit seinem Temperament steckt er manch 30-Jährigen glatt in die Tasche. Mit Witz und Selbstironie singt er „Ich bin ein Ex-DDR-Schlagersänger, nach mir ruft nicht die Nation“, „Wir gehen alle in den Vorruhestand“, „Ich bin der schönste Mann von Preußen, der EU, der Welt“ oder „Wir hassen Mambo“. Zwischendurch immer mal wieder eine Ballade wie „Fühlst du meine Liebe zu dir“, ein Lied, das der in Ingersleben bei Erfurt lebende Sänger, Produzent und Autor für seine Frau Kerstin schrieb. Natürlich fehlen auch die Hits von damals wie „Hanni“ oder „Marie“ in keinem Programm. Und da kommt bei denen, die ihn nach 20, 25 Jahren zum ersten Mal wieder live erleben, die Erinnerung auf.

Musikalisch gings für den 1956 geborenen Thüringer aber schon viel früher los. Seine ersten Erfahrungen sammelte er in der Schülerband der Humboldt-Oberschule. Er nahm an der Bezirksmusikschule Gesangsunterricht, lernte Gitarre spielen, begann zu komponieren und zu texten. Nach dem Abitur spielte und sang er nebenher in verschiedenen Amateurkapellen der Region. Bei Talente- Wettbewerben errang er 1975 und 1977 zwei Silbermedaillen. Er bekam einen Fördervertrag beim Komitee für Unterhaltungskunst, der ihn ins Musical- Studio von Gerd Natschinski brachte. 1979 erwarb er seinen Berufsausweis als Sänger. Doch nicht fürs Musical, sondern für den Rock’n’Roll schlug sein Herz. Seinen Durchbruch erzielte Hindemith Anfang 1983, als er in der TV-Sendung „Sprungbrett“ von Hartmut Schulze-Gerlach (Muck) mit „Bitte, bitte Hanni“ debütierte. Danach kamen unzählige Angebote, u.a. für eine Revue des Berliner Friedrichstadtpalastes. Schulze-Gerlach und Monika Jacobs schrieben ihm Titel auf den Leib. 

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 Abb.: Jörg Hindemith Anfang der 1980-er Jahre und im September 2013 in Hellersdorf.

Fotos: Archiv, Dittmann

Nach der Wende, als er kaum noch in den Medien war, wurde es still um den Sänger. Er orientierte sich neu und gründete 1992 die Künstlerberatungs- und Vermittlungsagentur JWR Entertainment. 1999 rief er mit Tommy Feiler die „JTconnectionMusikproduktion (JTC MP) ins Leben. Musikproduktionen für verschiedene Firmen und Unternehmen wie die Deutsche Post, VORWERK oder die Thüringer Eisenbahn boten nun ein neues Betätigungsfeld. Für die Rock/Klassik-Produktion „Two Worlds“ im Auftrag der Erfurter Bahn erhielten Hindemith und Feiler 2002 den Herbert-Roth- Preis. Ein riesiger Erfolg war ihr Eröffnungssong „We are on the Top“ für die Biathlon-Weltmeisterschaft 2004 in Oberhof. Seine Firma hatte auch die Eröffnungsveranstaltung in der Rennsteig-Arena konzipiert und organisiert.

Seit einigen Jahren steht er nun wieder selbst als Musiker auf der Bühne, zunächst mit der Gruppe „Chill-Out-Area“ (Hits von Herbert Roth bis Rammstein), dann mit dem „Salonorchester SOS“ (Songs der 20-er und 40-er Jahre) oder dem „Trio Salopp“. Mit seinen Programmen „Deutschland sucht Jörg Hindemith“ und „Ich bin ein Ex- DDR-Schlagersänger“ tourt er nun wieder durch die Lande. Auch ein neues Album gibt es – „The voices is back“. Nebenher kümmert er sich weiter um den künstlerischen Nachwuchs. Übrigens, wer bei dem Namen Hindemith an den berühmten Komponisten denkt – Jörg ist ein Nachkomme von Paul Hindemith.

Ingeborg Dittmann