gelbke1.jpg Tai Chi an einsamen Stränden
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke genießt trotz Erkältung und Albträumen
gewittrige Tage auf Formentera und geht auf Rentnerfahrt in den sonnigen Süden

Wie unterschiedlich doch das Publikum reagiert! Wenn wir auf der „Carlsburg“ über Falkenberg unser Weiberprogramm „Wir sind nicht alt! Aber sexxy!“ ankündigen, ist es ruck-zuck ausverkauft. Im Stadttheater Cöpenick, wo wir es am 4. Oktober, 19.30 Uhr, spielen wollen, läuft der Kartenvorverkauf so schlecht, dass wir eventuell noch absagen müssen. Oder liegt der Termin einfach ungünstig, jetzt, wo alle Kleingärten winterfest gemacht werden müssen und dabei die letzten schönen Herbsttage genutzt werden.

Während ich dies schreibe, sitze ich schwer erkältet bei meiner Freundin Marianne auf der Sonneninsel Formentera, die, seitdem ich hier bin, zur Gewitterinsel konvertierte. Gut, es hatte fast ein Jahr (!) lang nicht geregnet, aber muss denn ausgerechnet ich die Regentrude sein unter dem Motto: Lasst mich die auch noch spielen? Trotzdem ist hier ein magischer Ort, der positive Energien ausstrahlt und unruhige Geister wie mich erdet – noch. Denn auch hier findet ein Ausverkauf der Umwelt an die Italiener statt, die viermal am Tag duschen müssen, oder an „Herr der Ringe“-Stars wie Orlando Bloom, die mit den Ankern ihrer Riesenyachten die für die Wasserqualität verantwortliche Posidonia-Alge ausrotten.

Aber noch löst die Insel meine inneren Blockaden der vergangenen Monate - die man an den Träumen zu Urlaubsbeginn ablesen konnte. Oder ist das kein Albtraum, wenn Dagmar Frederic mit mir sauer ist, weil ich in einer Kolumne nicht erwähnt habe, dass sie gerade einen kleinen Sohn geboren hat? Oder wenn Lothar Bölck, der mdr- Kabarettist, als Wasserleiche in einer Badewanne liegt und blubbernd zu mir sagt: Du könntest ein Weltstar sein, wenn Du ein anderes Gesicht hättest?

Inzwischen schlafe ich – trotz Erkältung – wie ein Baby und habe sogar Muße, klassische Epen zu lesen wie Dschingis Aitmatows „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“. Mein Gott, war das ein Erzähler! Man kann der ollen DDR nur dankbar sein, dass solche Literatur in der Schule Pflichtliteratur war. Apropos: Ich habe ja Anfang September meine Klausur über die Geschichte Deutschlands von 1871-1945 geschrieben, in einem furchtbar hässlichen Hörsaal in der altehrwürdigen Goethe-Universität zu Frankfurt am Main. Ich hatte Glück und konnte ein Thema wählen, über das ich einiges wusste: Die Weimarer Republik. Ob ich bestanden habe, erfahre ich erst in zwei Monaten, wo ich doch – wie mir einer meiner Träume leider sehr richtig eröffnet hat - die tragenden Säulen der damaligen Politik einfach vergessen habe zu erwähnen: Die verfassungsrechtlich garantierte Arbeitsrechts- und Sozialpolitik, die bis heute Grundlage unserer Demokratie ist. Mann, ich Schussel aber auch!

Dass Frankfurt am Main mein Klausur-Ort war, lag daran, dass meine diesjährige, geführte Rentnerreise an die Costa Brava dort begann. Zehn Stunden im Bus mit netten Hessen, Rheinländern, Pfälzern und Schwaben, von Genua aus mit unglaublich vielen heimkehrenden Marokkanern auf einer Fähre nach Tanger bis Barcelona, von dort in ein Hotel in Malgrat de Mar. In insgesamt 10 ausgefüllten Tagen haben wir auf einer Pyrenäen-Fahrt Andorra besucht, uns wurde Barcelona gezeigt und das Dali-Museum in Figueras sowie das Wohnhaus des genialen Künstlers im romantischen Fischerdorf Cadaquès nahe der französischen Grenze – alles im Preis inbegriffen.

Auch inbegriffen im niedrigen Preis: der stinkende Abfluss im Hotelzimmer, den ich aber hingenommen habe, weil ich risikofreudig nur ein halbes Doppelzimmer gebucht hatte und dann wirklich ein Einzelzimmer ohne Aufpreis nutzen durfte. Und die allabendliche Musikbeschallung am Urlaubsort! Oh ja, dort hat der Bär gesteppt. Auf jeder Hotelterrasse eine andere Band unserer Generation (also lang- aber grauhaarige Rockmusiker) und ich habe oft gedacht: Vor ein paar Jahren noch hättest du das nicht ertragen. Aber es blieb einem gar nichts anderes übrig, als sich darauf einzulassen und mitzutanzen – ich will doch sowieso wieder öfter tanzen gehen. Meckern hätte auch gar nichts gebracht, jedenfalls nicht bei dem Preis. (Wer wissen will, wie viel ich für diese Reise ausgegeben habe, informiere sich bei dem Reiseveranstalter, der gerade im „Trend“ ist.)

An den freien Tagen habe ich mich dann aber auf meine geliebten Individualtouren ins Hinterland begeben, per Fahrrad, per Bus, per pedes, habe abseits vom Trubel an einsamen Ständen mein Tai Chi praktiziert und mich um das Elend der Welt und die Wasserqualität des Mittelmeeres gesorgt. Ja, wir Menschen sind doch unbelehrbar. Wir wählen AfD, weil wir, ähnlich wie in der Weimarer Republik, nicht mehr in der Lage sind, in politischen Zusammenhängen zu denken, und durchleuchtet man die „vorbildliche“ Umweltpolitik der Bundesregierung, dann muss man wirklich dankbar sein für jeden noch so gewitternden Urlaubstag auf Formentera. In diesem Sinne bin ich dankbar für meine „frühe Geburt“.

Eure Daggie