Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 119

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Gruppe SANDOW, einer der "anderen Bands", fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

SANDOW

 

Immer noch anders als die Anderen


Eine Gruppe von Musikern haben wir in unserer Serie bisher noch nicht zu Wort kommen lassen: die so genannten „anderen Bands“, die Ende der 1980-er Jahre vor allem in größeren Städten quasi im „underground“ entstanden – will sagen, unabhängig von der Förderung staatlicher Organisationen oder Medien. Zumindest anfangs. So ab 1988 nahmen auch zunehmend die Medien von ihnen Kenntnis – Rundfunk, Musikzeitschriften, selbst Amiga. Sie nannten sich DekaDANCE, AG Geige, Mixed Pickles, Herbst in Peking, Skeptiker, Die Vision, Die Art, „die anderen“, Feeling B oder WK 13. Der abendfüllende Dok-Film „flüstern und SCHREIEN“ (Oktober 1988) gab ungeschminkt wider, was die Musiker und ihr immer größer werdender Fankreis in dieser „Endzeitstimmung“ im Lande bewegte.

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Wie WK 13 kam auch eine junge Band Namens SANDOW aus Cottbus. Alles angefangen hatte in den Kellern des Plattenbau- Viertels Sandow in Cottbus. Die 13-jährigen Schüler Kai-Uwe Kohlschmidt und Chris Hinze wollten Musik machen. Keinen Pop, langweiligen Rock oder irgendwas Etabliertes. Punk war das Stichwort, aber irgendwie war der ihnen zu primitiv. Sie spielten (damals noch ohne offizielle Einstufung) auf Betriebsfesten, fuhren über die Dörfer, mal kamen 20 Besucher, mal 200.

Bald waren sie fünf – zu Kohlschmidt (Gitarre, Gesang, Komposition, Text) und Hinze (Gitarre, Gesang) kamen Jeanette Petersen (Keyboard, Gesang), Tilman Fürstenau (Bass), Dirk Patsch, später Tilmann Berg (Schlagzeug) – Baufacharbeiter, Gymnasiasten, Kfz-Schlosser und Textilfacharbeiterin. Noch heute, nach mehr als 30 Jahren, spielt SANDOW in der Besetzung Kohlschmidt, Fürstenau, Hinze und Berg. Jo Fabian ist für Licht und Video zuständig.

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Mit Songs wie „Schweigen & Parolen“, „Harmonie & Zerstörung“ und „Born in the G.D.R“ wurden sie schon bald zum Geheimtipp in der Szene. Vor allem „Born in the G.D.R.“, eine Replik auf das Springsteen-Konzert in Weißensee, wurde zur SANDOW- Hymne (Jetzt, jetzt lebe ich/ Jetzt, jetzt trinke ich/ Jetzt, jetzt stinke ich/ Jetzt, jetzt rauche ich/ Jetzt, jetzt brauch ich dich/ Wir bauen auf und tapezier’n nicht mit/ Wir sind sehr stolz auf Katarina Witt).

Dass ein Kollege von „Horch und Guck“, offenbar des Englischen unmächtig, nach einem Konzert in Doberlug-Kirchhain den Song als „Bohren in der DDR“ weiter meldete, birgt schon etwas Skurriles. Kam es doch der Wahrheit ziemlich nahe. Im November ‘89 erhielt die Band den 1. Preis beim Senatsrockwettbewerb in Westberlin, 1990 kam die LP „Der 13. Ton“ heraus (Harmonie & Zerstörung, Mania, Amuck in Boredom, Happy House, Der 13. Ton), dann „Stationen einer Sucht“ und „Kiong“ (2007). SANDOW tourte u.a. mit Rio Reiser und den Toten Hosen. Kompositionen für Hörspiele und Theater folgten, Performances wie „Aufbruch und Aufruhr“ oder NGOMA mit dem Maler Hans Scheuerecker, eigene Stücke wie „KänGURU“ 1991 an der Neuen Bühne Senftenberg. Ende der 1990-er löste sich die Band auf, kam dann wieder zusammen.

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Abb.: SANDOW 1985, Die Platte von 1990, SANDOW am 14. Mai 2014 beim dt-64-Festival im Kino Babylon.
Fotos: privat, Förster

In diesem Frühjahr erschien ihre Biografie „SANDOW. 30 Jahre zwischen Harmonie und Zerstörung“ von Ronald R. Klein, mit ihrer neusten Hörspiel-CD „Im Feuer“. Kohlschmidt soll in diesem Hörspiel die Anfänge noch einmal aufleben lassen. Ich habe die Scheibe noch nicht gehört. Aber was die Anfänge von SANDOW Mitte der 1980-er Jahre angeht – da könnte ich auch noch ein paar Erinnerungen beisteuern. Wie es der Zufall will, stieß ich vor kurzem in meinem ziemlich unaufgeräumten Archiv auf einen Brief von Kai-Uwe, handgeschrieben natürlich, aus dem Jahr 86. Kai-Uwe, damals 17, legte uns (der Redaktion vom „neuen leben“) in rührend bescheidener Art seine Band ans Herz. „Das soll eine Art Hilferuf sein. Denn wir kommen uns ziemlich verlassen vor hier in Cottbus“, schrieb er. Und dann, neben vielen anderen klugen Sätzen: „Gerade die Sprache, die Kommunikation zwischen Band und Publikum durch Texte, halte ich für das wichtigste. Wir spielen ja nicht, damit sich Leute im Lärm abreagieren, sondern um uns mit ihnen zu ‘unterhalten’.“

Ingeborg Dittmann