Warum ich Dr. Gigi immer noch mag und verehre

Dagmar Gelbke über das Buch ihrer Kollegin Gisela Oechelhaeuser

Kinder, habe ich mich wieder aufgeregt! Diesmal im Postamt. Eine alte Dame fragte nach dem neuen Postleitzahlenbuch und ob sie es denn für ihre Bedürfnisse wirklich anschaffen müsse. Die Postfrau meinte lediglich, es hätten sich immerhin 64 000 Zahlen geändert. Und die alte Dame legte kleinlaut 6,50 Euro auf den Tisch. Ich versuchte, sie vom Kauf abzuhalten, aber sie meinte, in der Endkonsequenz sei es billiger als überall anzurufen, um die PLZ zu erfragen. Ich finde es empörend, dass ein Dienstleister, dessen Angebote wegen seiner Monopolstellung sowieso überteuert sind, Geld kassiert für Produkte, die anderswo als „Service“ gelten! Deshalb, Leute, kauft dieses Buch nicht. Kauft ein anderes. Mein Kochbuch zum Beispiel für 5 Euro oder das Buch von Gisela Oechelhaeuser, soeben erschienen beim Eulenspiegelverlag unter dem Titel: „Hiergeblieben! – ein Leben in Geschichten“.

Übrigens: Ich habe mich von Lutz Stückrath rügen lassen müssen, sein Buch in der vorigen jot w.d.-  Ausgabe als „Autobiographie“ bezeichnet zu haben. Sorry, da habe ich wohl eine Entwicklung verpasst – „autobiographische Geschichten“ sind in Mode und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Kurz: Man kann etwas weglassen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Gisela Oechelhaeuser, 1999 wegen IM-Tätigkeit als „Distel“-Intendantin gefeuert, hat nichts weggelassen: Nicht ihren von Kindheit an unstillbaren Wunsch, „Sonnenschein“ zu sein. Nicht ihren Ehrgeiz, um jeden Preis „dazugehören“ zu wollen, sprich, Anerkennung zu finden. Ihren Beitritt zur SED und ihre IMUnterschrift von 1976 auch nicht, genau so wenig ihre Funktionen im gehobenen Geflecht der sozialistischen Kulturlandschaft oder ihre bis heute unerschütterliche visionäre Lebenseinstellung, die von der Hoffnung auf eine gerechte Welt geprägt ist.

 Dr. Gigi, wie wir sie nannten, schreibt so, dass ich vor Neid platzen könnte – humorvoll, analytisch, streitbar. Sie zeigt Zusammenhänge von Gestrigem und Heutigem. Es gibt keine der 187 Seiten im Buch, auf der ich nicht mir Wichtiges angestrichen hätte. Na gut, ich könnte positiv voreingenommen sein. Ich kenne die Oechelhaeuser seit den vorsichtig aufkeimenden Glasnost-Zeiten im Komitee für Unterhaltungskunst, verehrte sie als eine besonders intelligente und ansteckend engagierte Frau. Und als Vollblutkabarettistin. Dieses neue Buch wird wohl bei ehemaligen Freunden und Feinden auf’s Neue Finger in eine Wunde legen, die irgendwie nicht verheilen will, weder bei ihr, noch bei uns. Ich erinnere mich gut, wie ich am 5. April 1999 von einer mir lieben Journalistin über die Enttarnung von Gisela Oechelhaeuser als IM aufgeklärt wurde. Ich gab kein Statement, ich wollte erst die Akte lesen. Ich bekam sie als Journalistin eine Woche früher als die „Verräterin“. Diese Akte war bereits nach vier Jahren wieder geschlossen worden, weil der „IM Gisela“ nicht mehr als zuverlässig eingestuft werden konnte (sie hatte ihrem Mann ihre IM-Tätigkeit gebeichtet.). Ich fand damals in den Papieren von ihrem Führungsoffizier in schlechtem Deutsch wiedergegebene bedeutungslose „Berichte“, die ich als Gesülze bezeichne.

In „Hiergeblieben!“ schreibt Gisela, dass sie sich nicht schämt für diese Unterschrift, wohl aber für jede „unnötige Enttäuschung“, die sie Anderen zugefügt hat. Das kursiv Gedruckte zeigt Gigis Überzeugung, dass es auch nötige Enttäuschungen gibt. Und es ist Beweis, dass sie es ernst meinte mit ihrem Anliegen, sich für eine bessere DDR einzubringen.

Nun mag jeder Leser ihres Buches für sich entscheiden, ob er sie weiter verurteilen will oder nicht. Wer will mit Steinen werfen in einem Staat, der heute seine Bürger wieder dazu anhält, den Nachbarn auszuspitzeln?

Die laute Stimme dieser Frau fehlt in einem Deutschland, das mich seit Wochen mit einer „Die DDR – das sind wir“, äh, pardon: „Du bist Deutschland“-Losung nervt und mir mit Plakaten suggerieren will, ich sei Beate Uhse, Ludwig Erhard oder Albert Einstein. Die sind alle tot! Da bin ich schon lieber Dr. Gisela Oechelhaeuser und halte es mit meinem verehrten Kabarettkollegen Martin Buchholz: „Sie ist ein IM – ein Integrer Mensch!“

Bis zum nächsten Mal

Eure Daggi Gelbke