Eine dicke bunte 100. Ausgabe und ein Ehrenamts-Preis an die Redaktion

Zehn Jahre jot w.d. – Der Rückblick – Das Jahr 2004

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Tja, das Jahr 2004 war nicht nur ein Schaltjahr, sondern auch ein tolles Jahr für unsere Bürgerzeitung: Schließlich kam im November die 100. Ausgabe heraus. Und das gleich auf 32 Seiten mit aufgehübschtem Papier und voller Farbe! Letzteres betrifft, klare Sache, nicht nur das Design. In gewohnter jot.w.d.-Farbenvielfalt konnten wir unterschiedliche Themen, Autoren und Sichten auf den Gang der Dinge hier vor Ort präsentieren, um zum Mitdenken oder, besser noch, Einmischen anzuregen. Gerade letzter Aspekt ist uns besonders wichtig. Genau in diesem Sinne laden wir auf einen kleinen Spaziergang durch die Ausgaben des Jahres 2004 ein. 

Eine besondere Gratulation in Form dieses Bildes erhielt jot w.d. zum Jubiläum der 100. Ausgabe von Stadtzeichner Gerd Wessel.

Ist ja noch nicht all zu lange her, das Jahr 2004, also lohnt sich da überhaupt ein Rückblick? Ich war erstaunt, wie schnelllebig einerseits die Uhr auch am Ostrand Berlins tickt. Andererseits: Wie viel längst Vertrautes mit einer offenbar sehr langen Halbwertzeit entdeckt man beim Stöbern in zwei Jahre alten Zeitungen! 

Wo man sich sehr schön in aller Ruhe entspannen kann, nämlich in den Gärten der Welt (ein immer vorzeigefähiger Teil des Bezirkes für Außenwerbung), da tickt die Uhr sehr schnell. Wir feierten vor zwei Jahren im kalten Januar die Eröffnung des tropisch heißen Balinesischen Gartens mit einer anmutigen Dame namens Sudarga. Auf unserem Titelbild war sie eingerahmt von anderen tropischen Schönheiten, die dem Blumenreiche entstammen. Inzwischen haben wir einen weiteren asiatischen Garten (Seoul) und einen teilweise neu gestalteten chinesischen Garten und einen Irrgarten im Entstehen… Auch das gastronomische Angebot hat sich kräftig verbessert. 

Erfreuliches auch gleich in der Nähe zu den Gärten der Welt: Unter „Keiner will ORWO-Haus“ brachten wir noch im September die Kritik junger Musiker auf unsere Seiten, schon Ende 2004 konnten wir auf den Titelseiten erfreuliche Wendungen bilanzieren: Udo Lindenberg, Thomas Flierl und die jungen Musiker waren im Haus, das Berlin weit von sich reden machte und macht. 

Eine Meile weiter ostwärts dagegen scheint die Zeit stillzustehen: „Konzepte für das Gut Hellersdorf liegen vor“, titelte vor genau zwei Jahren jot w.d.. Projekte für das Gut waren auch davor mehrfach Thema. Allein Dornröschen sucht noch den Prinz, der sie im Gut wachküssen möchte. Die Hecken sind wahrscheinlich zu dornig. Und der Amtsschimmel zu langsam für schöne Prinzen.

Auch das Wernerbad dämmert in dem Zustand vor sich hin, wie wir es in eindrucksvoll bebilderten Reportagen schon vor zwei Jahren dokumentieren mussten. Zwischenzeitliche Hoffnungen für eine Wiederbelebung des Traditionsbades haben sich nach kurzer Zeit zerschlagen. Die Wellen schlugen dagegen hoch beim monatelangen Streit in unserem Blatt über Badeverbote, Zaunhindernisse und Wasserskianlagen an den Kaulsdorfer Seen. War da was?, möchte man zu gern die Akteure mit dem Blick zurück fragen. 

Tropen in Marzahn: Der Balinesische Garten

Über manche Sache kann man dagegen heute nur noch schmunzeln. So über den Biesdorfer, der 2004 in Erwartung einer einheitlichen Flaschenpfandregelung in seinem Keller alles bunkerte, was heute endlich Pfand verspricht. 

Über andere Themen ist schwer zu schmunzeln, da sind viel zu viele Leute hart getroffen: 2004 tobte Hartz IV als Versprechen „Alles wird gut auf dem Arbeitsmarkt“ durch das Land und hinterließ jede Menge Bruchholz in den Arbeitsbiographien – jot w.d. begleitete Monat für Monat Anti-Hartz-Demos und war an der Wiege der Job-Center mit dabei. Unsere Leserin Evelyn Kolloch schlug auf den Seiten der jot w.d. Alternativen zur antisozialen Gesetzt Gesetzgebung vor. Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner sagte beim Bürgerforum zur Marzahner Arbeitsagentur gegenüber jot w.d. im August 2004 „Die mit Hartz IV verbundenen Versprechen werden nicht eintreten“. Auch angesichts der rapiden Zunahme der Sozialfälle seit 2003/4 in unserem Bezirk kann sich die jot w.d.- Redaktion bestätigt fühlen, von Anfang an die so genannten Arbeitsmarkt-Entreformen als unsozial gegeißelt zu haben, zum Widerstand aufforderte. Es gibt nicht viele Druckerzeugnisse, die gleiches von sich behaupten können. 

Manches dagegen klappte auch bei der mehr als dünnen Mitarbeiterdecke der Redaktion nicht so, wie versprochen, etwa die im Januar 2004 angekündigte regelmäßige authentische Berichterstattung über das, was die zahlreichen Spätaussiedler im Bezirk bewegt. Vielleicht haben wir aber heute Leser, die hierfür die Feder spitzen wollen? 

Tja, die Versprechungen: Uwe Klett hatte im Interview Anfang 2004 optimistisch angekündigt, 2004 und 2005 würden weniger Einrichtungen schließen als zuvor. Dennoch mussten wir dann nicht wenige Artikel den Schließungen von Bibliotheken und anderen Kultureinrichtungen im Bezirk widmen. Allerdings konnte im September 2004 erfreut eine zwischenzeitliche Rettung des Theaters am Park vermeldet werden. Ist hier das letzte Wort gesprochen? Vermutlich nicht. Ach so: „Betreiber für das Freizeitforum Marzahn gesucht – Bezirksamt kann die Kosten nicht mehr tragen“. Das war Anfang 2004. Wie sicher ist das FFM heute? 

Auch bittere Töne waren in jot w.d. zu lesen: „Kein Wunder, dass sich keiner mehr für Politik im Bezirk interessiert“, bilanzierte Inge Dittmann in gewohnter Deutlichkeit eine der langweiligen Mammut- Sitzungen der Bezirksverordneten und ihre fehlenden inhaltlichen Debatten im Januar 2004. Das liest sich heute wie ein vorgezogener Kommentar zum Fernbleiben der meisten Wahlberechtigten von den Urnen am 17. September 2006. Auch der langjährige Bürgermeister hatte etwas düstere Untertöne auf Nachfrage von jot .w.d bezüglich der Zivilgesellschaft hier vor Ort parat: „Der Druck auf die Kommune seitens der Bürger war sehr gering ausgeprägt“, so Uwe Klett Anfang 2004 in unserem Blatt. 

Freudig strahlend dagegen der Regierende Klaus Wowereit und sein Finanzsenator Thilo Sarrazin bei Besuchen der Havemann-Terrassen- Rückbauten in Marzahn Nord. Zu solchen protokollarischen Höhepunkten durfte jot w.d. anders als Andere auch einmal etwas belustigt berichten. Hinter die Kulissen der amtlichen Rückbauer schaute das Bürgerblatt jot w.d. dagegen auch. Dank Torsten Preußing vom dortigen Bewohnerbeirat konnte fast monatlich das schwierige Ringen um sozial- und umweltverträgliche Abrisse von Wohnbauten dokumentiert werden. 

Andere Zeitläufe stimmen eher traurig: Klaus Renft im Juli 2004 beim Konzert im Biesdorfer Schlosspark: Nie wieder möglich, leider. 

Und so bleibt ein Eindruck: Auch vor zwei Jahren war jot w.d. nah dran an den Entwicklungen und Stillständen im Wuhlebezirk. Als die Redaktion zum Ende des Jahres 2004 den Ehrenamtspreis aus den Händen der Vorsteherin der Bezirksverordneten-Versammlung entgegennahm, fühlten wir uns nicht fehl am Platze. 

U.Clauder

Unter diesem Logo führt jot w.d. seit Januar 2004 die Diskussion um die Straßen-Rückbenennung.

Was 2004 noch so alles geschah: 

Im Januar begann das Ringen um die Revision von Straßennamen aus der Nazizeit. 

Im März erhielten Hellersdorfer Schüler den Sächsischen Fluthelferorden. jot w.d. veröffentlichte als Sonderbeilage das „Plädoyer für Reformen“ von Dieter Winkler. 

Im Mai schrieben wir exklusiv über Elternproteste gegen das Bezirksamt, das einen vom Senat geplanten Schulumbau verhinderte. 

Im Juli begannen wir mit unserer Serie „Musiklegenden des Ostens“ und veröffentlichten Thilo Sarrazins Geständnis: „25 Prozent der Berliner hassen mich.“ Seither wacht Konfuzius in Form einer lebensgroßen Statue über den Chinesischen Garten im Erholungspark. Kurz zuvor wurden die ersten Pläne des Orient-Gartens vorgestellt. Das Parkhotel Kaulsdorf mausert sich zum begehrten Drehort für Filmproduktionen.

 Im Oktober gibt es erstmals „Noch ‘n Talk“ in der im August eröffneten Candela Lounge. 

Im November wird ein weiterer Teil des Wuhlewanderweges mitsamt „Landmarke“ eröffnet. 

Im Dezember erhält die neu gestaltete Grünfläche nahe der Marzahner Südspitze den Namen „Heinz-Graffunder-Park“. Und ein „Wunder“ geschieht: Die Ruinen an der Eisenacher Straße werden endlich abgerissen.