Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 28

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe mit dem Sänger Hans-Jürgen Beyer fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

Hans-Jürgen Beyer

 Der Karel Gott der DDR

„Tag für Tag“ - der „Schlager des Jahres“ 1974 begleitet den Sänger noch heute und wurde zu einer Art Markenzeichen. Mit dem von Arndt Bause/ Kurt Demmler geschriebenen Titel errang er sogar Silber beim World Popular Song Contest in Tokio. Dem ersten wirklich großen Hit von damals folgten in der nun schon über 30-jährigen Sängerkarriere des Leipzigers Dutzende weitere Schlager im wahrsten Sinne des Wortes.

Dabei zog’s den jungen Thomaner nach Abi und Lehre anfangs viel mehr zur Rockmusik, er spielte bei der Leipziger Bürkholz Formation, bei „Renft“, später bei Doerk/Schöbel und der Uwe-Schikora- Band, ehe er 1972 mit einem Fernstudium an der Musikhochschule Leipzig begann (Abschluss 1976 mit „Sehr gut“). Noch während des Studiums bekam Hans-Jürgen Beyer einen Fördervertrag beim Komitee für Unterhaltungskunst, das auch den Kontakt zu dem Komponisten Arndt Bause herstellte. Schon bald vertrat „Hansi“ die DDR auf großen internationalen Festivals, von denen er stets preisgekrönt nach Hause kam. Kein Wunder, beherrscht der Sänger mit seiner markanten Stimme doch fast alle Genre – von Oper über Folklore („Kalinka“) bis zum Pop („Only You“). 

Seine Interpretation von „Ave Maria“ ist internationale Spitze. Und nicht nur mit diesem Song lässt er die Herzen seiner vorwiegend weiblichen Fans höher schlagen. Damals wie heute. Seit 1977 tourte er mit seiner „Hans-Jürgen- Beyer-Show“ durch das In- und Ausland, bekam sogar eine eigene Show im DDR-Fernsehen. Bei AMIGA produzierte er vier eigene Langspielplatten, viele Singles und war mit zahlreichen Schlagertiteln auf diversen Samplern vertreten. Dennoch ging es dem Sänger mit internationalem Format nach der Wende wie den meisten Ostkünstlern – es gab nur noch wenig Auftrittsmöglichkeiten und auch in den nun „vereinigten“ Rundfunk- und TV-Sendern kamen Ostkünstler nur noch selten vor. Um sich über Wasser zu halten, sang Hansi Beyer sogar bei Beerdigungen in Westberlin sein „Ave Maria“.

Wenigstens privat schien ihm das Glück hold. Er lernte Anfang der 90er die Tänzerin Jeanine, eine Australierin, kennen und lieben. Sie wurde seine dritte Ehefrau. Doch nach 13 Jahren ging auch dieses Glück in die Brüche. Jeanine ging nach Australien zurück, die Ehe wurde im Dezember 2004 geschieden. 

Doch in seinem Beruf ging es wieder aufwärts, er produzierte neue Songs wie „Alle meine Träume“ mit Uwe Schikora, ging mit seiner Mama Elfriede auf Kreuzschifffahrt und entdeckte ein neues Hobby für sich: das Malen. So richtig los kam er von seiner Jeanine indes bis heute nicht. Fast täglich wanderten emails zwischen Leipzig und Australien hin und her und in diesem Frühjahr besuchte er seine immer noch große Liebe in ihrer Heimat. „Wir sind beide noch ineinander verliebt und vielleicht gibt es ja doch noch ein happy end“, erzählte uns Hansi erst kürzlich. 

In Marzahn-Hellersdorf ist der sympathische Sänger mit der großen Stimme häufig zu Gast. Ob im Freizeitforum, im TaP oder im Kulturforum. Auf der Wunschliste des Publikums der „Litfaßsäule“ stand er ganz oben - für die Teilnahme an der 150. Jubiläumsveranstaltung im September 2006 auf der Biesdorfer Parkbühne. 

Ingeborg Dittmann

Zwei Bilder mit fast 30 Jahren Abstand: Hans- Jürgen Beyer 1977 und 2006 auf der Parkbühne Biesdorf.

Fotos: Dittmann/Archiv