Nach Venedig im tristen Alltag gelandet

Kabarettistin und jot w.d.-Autorin Dagmar Gelbke empfiehlt Orange gegen Winterdepression

Ich bin ein glücklicher Mensch: Nach meinem Sardinien-Urlaub habe ich noch mal schnell eine Nacht in Venedig verbracht – Marlene aus der Eiffel wurde 75, wollte ihrer Familie entfliehen und hat mich eingeladen. Jetzt weiß ich wirklich, weshalb es heißt: Venedig sehen und sterben. (Na ja, eigentlich heißt es ja: Napoli sehen und sterben.) Halt, halt - Marlene geht es gut! Ich wollte sagen: Das Wasser stinkt nicht und die Stadt versinkt auch nicht. Es ist die schönste Stadt der Welt! Keine Diskussion!

Als ich wieder zurück war, war die Heizung kaputt, das Haus ein Eispalast und die kühle grüne Frühlings- und Sommerdekoration im Wohnzimmer hat mich zusätzlich in Depressionen gestürzt. Okay, es war die erste Heizungsreparatur nach 17 Jahren, sie hat trotzdem beinahe soviel gekostet wie eine Umstellung von Öl auf Gas. Bloß Gas oder Öl, letztendlich ist es kaum ein Preisunterschied.

Öko nur für Reiche

Als Trennmüll-Fanatikerin und Öko-Tussi – ja, mein Auto habe ich auf Gas umgerüstet – habe ich nun mein Dach vermessen lassen, um vielleicht auf Solarwärme umzusteigen. Die Vermessung ergab, dass ich in zwanzig Jahren 17 000 Euro Gewinn machen kann. Das sind pro Jahr 850 Euro, im Monat 71. Kosten würde die Anlage aber jetzt gleich 29 000 Euro. Milchmädchen-Rechnung nannte man das früher. Und einen Kredit kriege ich als alternde, alleinstehende Künstlerin sowieso nicht.

Nicht mal die sich seriös nennende Debeka ist bereit, mir aus meinem Bausparvertrag die Kosten für die Abwasseranbindung vorzuschießen. Ich frage mich, wozu habe ich einen Bausparvertrag? Sie begründen, aus den Unterlagen meiner betriebswirtschaftlichen Auswertung gehe hervor, dass ich zu wenig verdiene, um kreditwürdig zu sein – für mein eigenes Geld! Alles Verbrecher, würde Oma jetzt sagen…

Da fällt mir der Witz ein: Kommt ein Künstler zum Arzt, sagt der Arzt: Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht: Die schlechte – Sie sind unheilbar krank. Die gute – Sie haben noch zwei Monate zu leben. Antwortet der Künstler: Um Gottes Willen, wovon denn bloß!?

Nun will ich hier nicht jammern, ich will nur sagen: Menschen, ich bin eine von Euch.

Studentin mit 50 plus

Also habe ich neue Vorhänge genäht, alles in orange, und fühle mich gleich viel besser. So gut, dass ich wieder über ein regelrechtes Studium an der Viadrina in Frankfurt/Oder nachdenke. Meinen Einstufungstest für Englisch habe ich gerade mit Bravour hingelegt, darf gleich den Vorbereitungskurs für die Abschlussprüfung besuchen.

Jetzt sitze ich als Gasthörerin zweimal wöchentlich mit 40 jungen Studenten in einem Spanischkurs der Uni. Wenn ich den abgeschlossen habe, werde ich mich mal mit Türkisch beschäftigen. Ich meine, wenn ich als arbeitslose Künstlerin nun mit 60 in Rente geschickt werden soll, stehen mir doch alle Wege offen, von den dann noch niedrigeren Bezügen im Ausland menschenwürdiger als in Deutschland zu leben. Sprachen lernen zahlt sich aus!

Zuweilen kann man aber auch hier Schönes erleben. War gerade in der „Distel“ zur Premiere eines richtig guten Kabarettprogramms unter der Regie von Frank Lüdecke. In der „Stunde der Experten“ brilliert vor allem das Urgestein Eddy Harter, natürlich unterstützt von der sehr guten, wenn auch etwas überaktiven Dorina Pascu und dem dagegen farblosen Timo Doleys. In dem Stück geht es darum, dass Lernen einer Zukunftssabotage gleichkommt. Wer selbst was weiß, braucht keine Experten und verhindert somit Arbeitsplätze und Aufstiegschancen für die wachsende Zahl von Jungunternehmern mit Beraterfunktion. Ja, diese Distel-Produktion kann man endlich wieder weiterempfehlen! In diesem Sinne: Einen orangenen November wünscht

Eure Daggie