Im Friedrichstadtpalast hat „Qi“ nur wenig Qi

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin stand in schmerzvollem Spannungsfeld von Yin und Yang

Diese Zeilen schreibe ich aus Bankya, gleich neben Sofia, wo ich auf der Suche nach Paulas Vater bin, der in zwanzig Jahren nicht ein einziges Mal nach seiner Tochter gefragt hat. Paula leidet darunter, also tut Muttertier endlich was und fliegt einfach los. Aber abgesehen von den nach wie vor freundlichen, hilfsbereiten Menschen, bin ich froh, das bulgarische Abenteuer damals nicht ausgeweitet zu haben.

Der Spruch „Tuka e Taka“ (Hier ist das so!) tröstet heute überhaupt nicht darüber hinweg, dass alles so ist, als hätte sich die Welt nicht verändert. Das trifft zwar auch auf die Preise des normalen Lebens zu, und inzwischen sind alle Werbetafeln nicht nur in kyrillischer, sondern auch lateinischer Schrift, aber Sofias Häuserfassaden sehen aus wie nach einem Krieg, die Straßen und Gehwege sind lebensgefährliche Stolperpfade wie früher schon, und auf dem Hauptbahnhof den richtigen Bahnsteig zu finden, erfordert nahezu hellseherische Fähigkeiten. Überhaupt liegt eine besondere Melancholie von Stille über der Stadt. Ich hatte mir vorgenommen, in diesem Monat etwas über die Bankenkrise zu schreiben. Doch dann war ich am Abend vor meinem Abflug nach Bulgarien im neuen Programm des Friedrichstadtpalastes; zumal mich im Vorfeld eine Kritik in der Berliner Zeitung ziemlich auf die Palme gebracht hatte. Wenn man genau hinsieht, hat das Thema ja auch was mit Finanzkrise zu tun.

Das als ach so besonders neues „Format“ des größten Varietétheaters der Welt beschriebene Programm heißt „Qi“. Wer weiß, was Qi ist? Das Wort wird im Chinesischen wie „Chi“ ausgesprochen und bedeutet Lebensenergie, die sich im asiatischen Kulturkreis im Yin und Yang, der Harmonie zwischen hell (männlich) und dunkel (weiblich) äußert. Qi ist das zentrale Symbol der Jahrtausende alten Lebensphilosophie des asiatischen Kulturkreises. Eigentlich eine Herausforderung für ein Haus wie den Friedrichstadtpalast, wo schon großartige, anrührende Handlungsrevuen wie „Wunderbar“ (Adaption von „1000 und eine Nacht“) oder „Casanova“ auf die Bühne gebracht wurden. Alle, wie auch „Qi“, in der Regie von Jürgen Nass, aber angeblich beim Publikum nicht angekommen. Komisch, immer, wenn ich da war, hat das Publikum am Ende genauso im Takt mitgeklatscht.

Sexy Blondine Namenlos

Die Show hat mit Qi im ursprünglichen Sinne nichts zu tun. Nicht mal eine asiatische Akrobatiknummer ist dabei. Einmal, am Anfang, habe ich die junge Supersängerin etwas von „Harmonie, Ying und Yang“ singen hören. Ab da lief alles in Englisch. Wegen der Touristen. (Fragt in Las Vegas jemand nach den Touristen aus Japan oder Deutschland?) Bei mir war die Solistin übrigens eine frisch und sexy wirkende Blondine. Es wird ja kein Name mehr angesagt oder eingeblendet, jede noch so großartige künstlerische Leistung bleibt anonym, wenn man sich nicht nötigen lässt, ein teures Programmheft zu kaufen. Ach ja, während der fantastischen Trapeznummer im zweiten Teil warfen die Artisten Schatten an den Revuevorhang, die an asiatische Kalligraphien erinnerten. Das war wirklich sehr poetisch.

Ansonsten sieht man im ersten Teil großartige Artisten auf dem Eis, selbst der Zauberer agiert auf Schlittschuhen, was ja bewundernswert ist, mich letztendlich aber gelangweilt hat. Zumal das Element Eis im Chinesischen negativ belegt ist, nämlich als Symbol von Erstarrung und Tod. Dem Regisseur sei Dank, wurden diese gefühlten zwei Stunden „Holiday on Ice“ durch einen modernen Yin- und-Yang-Tanz, eine Girl-und-Boy-Reihe in der Choreografie von Maik Damboldt in die Pause geführt. Im zweiten Teil wurde fröhlich gesungen und getanzt, die gigantischen Sternenhimmel- und Lichterwände und der Regenvorhang wurden vorgeführt. Und dann gab es noch die für mich genialste Nummer des Abends, einen nahezu break-dancenden Jongleur sowie dieses Schwulen-Pas-de- Deux, das, wie mein Freund Wolfgang bemerkte, bestimmt eingebaut wurde, um unseren Wowi bei der Stange zu halten, finanztechnisch meine ich.

Ach, und dieses von Anfang an peinliche Clownspaar, das wohl als roter Faden an uralte Varietétraditionen gemahnen sollte und immer und immer wiederkam. Ehrlich, sie hatten köstliche Nummern im Gepäck, die ich sofort für unser Brettl in Frankfurt/Oder klauen werde, denn da gehören sie hin. Im Palast hat gerade mal das kleine Mädel, das vor mir saß, fröhlich gelacht.

Na ja, die Finanzkrise. Leute, lasst Euch nicht irre machen. Hier läuft gerade die größte Zaubershow der Welt. Der Trick heißt Börse, wahre Meisterin des Qi. Sie holt sich ihre Synergien, sprich: ständige spiralförmige Aufwärtsbewegungen, aus dem Yin und Yang, dem Auf und Ab der Kurse. Und das seit Jahrzehnten, trotz Kriegen und Bankenpleiten. Magier sind die nun Not leidenden Bankenmanager. Sie wissen: Am Ende war da kein schwarzes Loch, sondern das Kaninchen, das letztendlich nur sie schlachten wollen. Sonnige Grüße aus Bulgarien

Eure Daggie Gelbke