Die Kraft des „Ich will!“

Die Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hat plötzlich viele „Nebenberufe“: Seniorenkabarett- und Kindertheaterleiterin, Chauffeurin, Köchin und Deutschlehrerin

Lasst Euch nur nicht einfangen vom Novembergrau und von dem, was der Koalitionsvertrag in nebulösen Ankündigungen verspricht. Ich sage Euch, liebe Mitbürger, wir werden uns Frau Schmidt mit ihrer Gesundheitsreform noch zurück wünschen.

 Also, ich entwickle mich vorausschauend langsam zur Sozialarbeiterin. Meine ungarische Freundin Elisabeth unterstütze ich im Kleinkrieg gegen eine Angestellte ihrer Wohnungsverwaltung, die von Elisabeth, die auf den Empfang ungarischer Programme angewiesen ist, verlangt, ihre Parabol-Antenne zu entfernen – wenn sie nicht bis ins ich-weiß-nicht-wievielte Glied ihre „migrante“ Herkunft nachweist. Was hat so eine Sesselpf… davon, eine alte Frau zu schikanieren?

Und, da ich noch keine eigenen Enkel habe, kümmere ich mich erst mal um die Kinder vom U5- Jugendclub in Hellersdorf . Nach meinem Praktikum im „Theater am Park“ versuche ich dort zudem, ein Theaterprojekt für Kinder aufzubauen. Das ist Schwerstarbeit. Das zu gründende Senioren- Kabarett im Tschechow-Theater ist eine Erholung dagegen! Da sich die lieben Kleinen heutzutage nur noch schwer auf eine Sache konzentrieren können, kann ich es vergessen, vier Stunden hintereinander mit ihnen an einem Stück oder einem Text (ich habe mit „Max und Moritz“ angefangen) arbeiten zu wollen. Das Lesen fällt sehr vielen, ich würde sagen, zu vielen Kindern echt schwer, von Satzzeichen und deren Bedeutung haben die lieben Kleinen offenbar noch nie etwas gehört, und im Prinzip leiste ich Nachhilfeunterricht in Deutsch. Ist auch okay, man freut sich, wenn etwas hängen bleibt, und wenn es nur bei einem fremden Kind ist.

Aber der Job verlangt höchste Flexibilität und Phantasie. Beim Kochen habe ich letztens einen denkbar schlechten Einstieg gegeben: Statt Zucker habe ich Salz über den Müsli-Auflauf geschüttet, aber ansonsten konnte ich schon Pluspunkte sammeln: Habe ein paar der Jungs in mein Auto geladen, was sie super fanden, auch, wenn Kevin bemerkte: „Ein schönes Auto, aber nicht sehr gepflegt…“ , und bin mit ihnen zum Judo für Kinder gefahren. Omas und Opas, hier die Adresse: Kleine Sporthalle, Naumburger Ring 3/5, Infos Tel. 0160-7619132.

Da gibt es ein Schnupperangebot: Jeweils Dienstag und Donnerstag 17-18.30 Uhr – viermal kostenlos, danach 11 Euro im Monat. Abgesehen davon, dass nur jener Kevin sehr aufmerksam zugeschaut und zugehört hat, als ich ihm die Regeln von Aufmerksamkeit und Respekt, die dieser Sportart zugrunde liegen, vorlas, ist noch keine Anmeldung seitens der Eltern gekommen. Sind 11 Euro zu viel für zwei Mal Training pro Woche? Wirklich? 11 Euro entsprechen in etwa zwei Schachteln Zigaretten. Und meines Erachtens gibt es für Hartz IV-Kinder auch Zuschüsse für sportliche Betätigung. Aber ich bleibe da dran, wenigstens bei den Kindern, wo ich die Kraft des „Ich will!“ spüre.

Nächste Woche versuche ich es mit Bewegungsimprovisation zu klassischer Musik – „Peter und der Wolf“ oder „Karneval der Tiere“. Was Simon Rattle mit Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ (Frühlingsweihe) bei Jugendlichen aus Problembezirken geschafft hat, muss mir doch auch gelingen!

Bis zum nächsten Mal,

Eure Daggie

Übrigens: In viereinhalb Monaten ist Frühlingsanfang