Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 63 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Schlagersängerin Ingrid Raak fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Ingrid Raack

 

Liebe oder Leid

 

„Liebe oder Leid“ – mit dieser Ralf-Petersen-Melodie startete die damals 19-jährige Sängerin aus Zeißig bei Hoyerswerda in den DDR-Medien. Dass das „oder“ zuweilen mit einem „und“ zu ersetzen ist, musste auch die 1951 geborene Sängerin im Laufe ihres Lebens erfahren. Nach 12 Jahren wurde ihre Ehe 1988 geschieden. „Immerhin zwölf Jahre, das ist doch schon was“, sagt die heute in Potsdam lebende Sängerin und Moderatorin, Mutter einer Tochter und inzwischen stolze Oma. In ihrer sorbischen Heimat zweisprachig aufgewachsen, produzierte sie beim Sender Cottbus später mehr als 100 Lieder in sorbischer Sprache. „Ich war im Schulchor, das Singen machte mir Spaß und so traute ich mich eines Tages, bei einer Band vorzusingen“, erinnert sie sich. Dort hörte sie der Chef des Senders Cottbus, erkannte ihre Begabung und lud sie zu Produktionen ins Studio ein.   
Danach ging es Schlag auf Schlag. Ingrid wurde Erste beim Bezirksausscheid Junge Talente, trat bei „Herzklopfen kostenlos“ auf, wurde 1966 zu den Arbeiterfestspielen delegiert. Doch zunächst erlernte sie den Beruf Industriekaufmann im Bauwesen, probierte sich als Dresdner „Bauspatz“ auch im Kabarett aus. Danach erwarb sie im „Studio für Unterhaltungskunst“ in Berlin den Berufsausweis als Sängerin. Mit Bravour schloss sie 1970 ihr Studium ab. Schon 1971 erschien bei Amiga eine Single mit den Schlagern „Liebe oder Leid“ und „Ich bin aufgewacht“. Mit Absolventen des Studios wie Wolfgang Ziegler und Jürgen Walter unternahm sie ihre ersten Tourneen, ab 1973 mit dem „Musik- Express“ mit Kollegen wie Nina Hagen, Aurora Lacasa, Andreas Holm und Thomas Lück.

Abb.: Ingrid Raack Mitte der 70- er Jahre (li.); ihre erste Platte erschien 1971 bei Amiga (Mi.); die Sängerin im Sommer 2009 mit ihrer Kollegin Dina Straat (re.).

Fotos: Dittmann, Archiv

Trotz Berufsausweis nimmt Ingrid weiterhin Gesangsunterricht bei einer ehemaligen Opernsängerin in Niederschöneweide. So erreicht sie einen Stimmumfang, den sie beim Schlager gar nicht ausnutzen kann. Sie wird zu Festivals und Interpretenwettbewerben geschickt, kommt mit vielen Preisen zurück. Als erste Schlagersängerin der DDR bekommt sie 1988 z.B. den „Theodor-Körner- Preis“. Tourneen führen sie nach Polen, Bulgarien, die CSSR, die UdSSR, Kuba, die BRD, Italien und Jugoslawien. Auch im Fernsehen ist die junge Sängerin nun häufig zu erleben, ob im Schlagerstudio (mit „Er ist ein Feuerwehrmann“ schafft sie den Sprung in den Jahresendausscheid 1977), bei „Lutz und Liebe“ oder der „Goldenen Note“, gehört auch zur Stammbesetzung des „Oberhofer Bauernmarktes“. 1977 tourt sie mit Peter Albert und dem „Berlin Sextett“ durchs Land.

Ihr Repertoire umfasst inzwischen neben Schlagern auch chansonhafte Lieder und Musicalmelodien. Zu ihren größten Erfolgen zählen „Königin der Nacht“, „Halte dein Wort“, „Das Beste an dieser Welt sind die Kinder“ sowie „Und ich öffne alle Türen“. Letztere blieben nach der Wende Anfang der 90er Jahre nicht nur Ingrid Raack verschlossen. Die Sängerin musste sich umorientieren, nahm Gelegenheitsjobs an und schließlich all ihren Mut zusammen und wagte noch einmal den Sprung ins kalte Wasser. Sie bewarb sich beim Sender Antenne Brandenburg als Moderatorin der „Glückwunsch-Antenne“, die dann im ORB-Fernsehen übertragen wurde.

 2002 kam über Nacht das Aus. „Ein Schlag ins Gesicht, doch eine Kur gab mir neue Energie“, erinnert sich Ingrid. Sie nahm das Angebot von Bekannten an und arbeitete fortan einige Stunden pro Woche in einem Spezialitätengeschäft, dem „Fass“, in Potsdam. „Es macht mir Spaß, Kunden zu beraten und es macht mir auch nichts mehr aus, wenn sie mich erkennen – als die Sängerin Ingrid Raack.“ Als solche tritt sie nun seit einigen Jahren auch wieder auf – bei Seniorenveranstaltungen, Matineen, Stadtfesten oder bei Talk- Shows wie unlängst in Hellersdorf (siehe Seite 6).

In ihrer Freizeit fährt sie gerne Rad, probiert sich beim Kochen aus („Ich liebe fernöstliche Küche“) und freut sich über Besuche der kleinen Enkelin, an die sie vielleicht auch ihre einstige Liebe zum Zirkus weiter geben kann. „Wo sind die Clowns?“ gehört zu Ingrids aktuellem Repertoire.

Ingeborg Dittmann