Nach dem „Bachelor“ zurück zu den Wurzeln

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke steht nach der TV-Ernährungswoche unter Schock , möchte dennoch nicht auf die Weihnachtsgans verzichten

Mich hatte nach der Grippeimpfung eine böse Kehlkopfentzündung erwischt. Abgesehen davon, dass ich der Pharmaindustrie ein gewaltiges Schnippchen geschlagen habe, indem ich mir in der Apotheke mit dem Rezept in der Hand die Inhaltsstoffe der verordneten Medikamente aufschreiben ließ und sie dann in der Drogerie für die Hälfte des Preises gekauft habe – Spitzwegerich, Thymian, Pfefferminze - lag ich darnieder und habe in die Ferne geschaut. Nun stehe ich unter dem Schock der ARD-Gesundheitswoche.

Ich glaube, ich kann für längere Zeit kein Hühnerfleisch mehr essen. Eben habe ich einen Bericht über die Zucht von Legehennen gesehen. Mein Gott, kurz nach dem Schlüpfen werden erst mal alle männlichen Kücken aussortiert und mit einem automatischen Schneidemesser z.B. zu Schlangenfutter verarbeitet. 20 000 kleine Hähne am Tag – sie werden einfach als Abfallprodukt bezeichnet. Nein, das haben Männer nicht verdient! Und die kleinen Hennen, die 14 Monate nichts als ihren Käfig sehen, können ebenfalls nicht glücklich sein, auch wenn ihnen demnächst das Gen eingepflanzt werden soll, was sie wieder zum Eierlegen in Nester befähigt, die dann aber auch nicht in freier Landschaft stehen werden. Und das muslimische Halal- Schlachten ist übrigens auch keine Alternative, auch wenn die armen Tiere nach Mekka gerichtet, Aug in Aug mit ihrem Henker, einzeln massakriert werden.

Gleichzeitig liefen Berichte über das Schlachten von brasilianischen Rindern, über Kindersklaven auf afrikanischen Kakaoplantagen (gekauft für 230 Euro) und über bankrotte Maisbauern in Indien, wo der genmanipulierte Mais, den sie mit teuren Krediten gekauft haben, nicht anwächst und jährlich Tausende in den Selbstmord treibt. Auch über Rosenplantagen in Afrika wurde berichtet, die den Einheimischen das Wasser abziehen, so dass ihre Felder versteppen und die Tiere verdursten. Von wegen Kolonialismus gibt es nicht mehr! Und Orakel Paul ist tot, so dass man nie wieder Tintenfisch essen will. Dazu kommen die mit Zusatzstoffen verseuchten BIO-Lebensmittel in unseren Supermärkten, die laut EU gar nicht mehr bezeichnet werden müssen und für die ausgerechnet die Gesundheitsapostel unter den deutschen Starköchen auch noch millionenschwere Webeverträge einfahren. Wovon soll man sich noch ernähren?

Ich habe jetzt erst einmal begonnen, abends nach 18 Uhr nichts mehr zu essen. Die Ärzte sagen, das senkt den Blutdruck. Zwar ist das problematisch, weil wir ja oft bis nach 22 Uhr Nervenkraft brauchen, wenn wir auf der Bühne stehen, aber es geht. Mal sehen, wie lange. Bis vielleicht wieder eine Gesundheitswoche über den Bildschirm flimmert, und die Ärzte verkünden, allein Ramadan-Ernährung sei gesund und uns raten, nur noch nachts zu essen. Oder auch das Mittagessen wegzulassen. Unsere Vorfahren in den Höhlen hatten bestimmt nur eine Mahlzeit am Tag. Obwohl – richtig alt geworden sind die Urmenschen bei dieser Ernährung ja wohl auch nicht. Trotzdem: Ich glaube, wir müssen unsere Esskultur radikal ändern. Nicht hungern bedeutet nicht, sich zu mästen. Da fällt mir ein: Weihnachten steht vor der Tür in Form der traditionellen Weihnachtsgans! Gehört sie nicht auch zur deutschen Esskultur?

Kultur ist ja wieder mein Hauptlebensinhalt, seit das neue Uni- Semester begonnen hat. Zwar weiß ich noch nicht, ob ich die September-Klausur bestanden habe, aber ich bin guter Hoffnung, dass ich auch in diesem Semester nun zwei Module schaffe – dann wäre ich immerhin schon ein Viertel- Bachelor. 12 Module braucht man, um ein ganzer zu sein.

Zunächst aber absolviere ich ein Praktikum auf dem Gebiet „Kultur und Medien“ – natürlich bei den nach wie vor abbaugefährdeten „Oderhähnen“. Dort basteln wir, diesmal mit Lutz Stückrath als Ensemblemitglied, am neuen Stück: „Spärlich währt am längsten“, das am 10. Dezember Premiere haben wird. Und es ist wunderbar – schon über das Entree werde ich meine Hausarbeit schreiben können: „Das Kabarett als Medium aktueller Gesellschaftskritik“ oder so ähnlich. Da es ein Programm über das Sparen wird, werden sämtliche aktuelle Themen schon in den ersten Minuten reflektiert, um weitere Szenen einsparen zu können. Was wir natürlich letztendlich nicht tun, aber für meine Hausarbeit finde ich dort alles Material, was ich brauche.

Viele fragen mich immer wieder, warum ich mir das mit dem Studium antue. Ich weiß es auch nicht. Wenn ich es irgendwann beendet haben werde, bin ich bestimmt nicht mehr aktiv auf der Bühne tätig, da muss ich doch noch irgendetwas tun. Nun könnte ich ja endlich eine gute Hausfrau werden, aber ich werde wohl als Kulturwissenschaftlerin zurück zum Ursprung des Wortes Kultur gehen – ich werde Dinge anbauen, pflegen, erhalten. Erstmal werde ich eine Organisation „Wasser für die Wüste“ gründen und dann Urformen von Getreide, Mais, Kartoffeln, na ja, und auch von Hühnern züchten. Der Mensch ist nun mal nicht zum Vegetarier geboren. Obwohl, durch Genmanipulation könnten wir das natürlich ändern.

In diesem Sinne, lasst Euch nicht manipulieren und esst, was Euch schmeckt!

Eure Daggie