Etwas tun – aber was?

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke zweifelt am Sinn „lebensverlängernder Maßnahmen“ beim EU-Finanzchaos und macht sich Gedanken über das Danach

 

Neulich habe ich einen erschütternden Bericht aus Griechenland gesehen. Die Ärmsten der Armen kriegen dort ihre Medikamente oft nur noch über Spenden zugeteilt. Da dachte ich so, was ist eigentlich, wenn die Wirtschaft hier bei uns zusammen bricht, ich dann zum Beispiel mein Thyroxin nicht mehr bekomme, das meine Schilddrüse ja nicht mehr produzieren kann, weil sie entfernt wurde? Oder woher bekommen dann die Diabetiker ihr Insulin? Oder die Krebspatienten ihre Chemotherapie oder das Morphium? Derlei Gedanken können einen schon in die Herbstdepression treiben – oder in das letzte Aufbegehren vor dem langen Winter, egal ob der global erwärmt daher kommt oder traditionell mitteleuropäisch mit Schnee- und Eismassen. Man muss etwas tun gegen das Finanzchaos in der EU! Aber was?

Eigentlich beginnen gesellschaftspolitische Umwälzungen meist im Frühling – Prager Frühling, Arabischer Frühling. Aber ersterer wurde durch das vereinte, sozialistische Militär zerschlagen, und in Libyen steht nach dem Sieg der Rebellen die Scharia als Verfassungsziel auf dem Plan, darüber freue sich, wer will. Und jubelnde Menschen angesichts der Leiche von Gadaffi, der immerhin ein modernes Bildungssystem in seiner Diktatur etabliert hatte – ist das Ausdruck eines neuen, menschlicheren Systems?

Aber es gab ja auch herbstliche Revolutionen: 1989 – wir sind das Volk, schrie selbiges friedlich– und hat damit immerhin das alte System unter dem fallenden Herbstlaub begraben. Sollten die weltweiten Proteste der „Occupy Wall Street“-Demonstranten Ähnliches schaffen können? Immerhin, wenn derlei Hippie-Aktionen schon in den Medien zunehmend reflektiert werden, dann ist der Patient, an dem die EU mit „Merkozy“ (wie die Franzosen Merkel und Sarkozy in Anlehnung an das „Brangelina“ aus Brad Pitt und Angelina Jolie zynisch tauften) an der Spitze noch verzweifelte lebensverlängernde Maßnahmen durchführt, in Wirklichkeit längst tot. Und die mit Spritzen aufgepumpte Leiche wird uns alle mit ins Grab ziehen.

Ich rede ja seit Jahren wie eine arabische Gebetsmühle davon, dass das System, sprich: die kapitalistische Gesellschaft, geändert werden muss, und dass zum Beispiel das Boykottieren einer Wahl durch Ankreuzen vieler Splitterparteien Änderungen im durch Parteienfilz unterwanderten Demokratieverständnis in unserem Lande herbeiführen könnte. Deshalb bin ich grundsätzlich offen für Aktionen von unten. So habe ich in meinem Bekanntenkreis nicht nur meinen intellektuellen Professor oder meinen pseudointellektuellen Dolmetscher, sondern auch einen Apokalypse-Guru, der neuerdings vor allem gesellschaftliches Umdenken propagiert.

Abgesehen davon, dass il professore unter Freiheit und Individualität vor allem kontroverse Diskussion um jeden Preis, zur Not auch im Widerspruch mit sich selbst, versteht und der FDP-nahe Dolmetscher nicht erkennt, dass sich hinter den von ihm gepriesenen Marktinstrumenten, sprich dem Kapital, immer größere Luftblasen verbergen, lassen die neuen Esoteriker eine gesellschaftshistorische Nicht-Bildung erkennen, dass mir dann doch himmelangst wird.

Demokratie im altgriechischen Sinne, das sei angestrebt, antwortet der Guru auf meine Fragen nach dem Konzept der Occupy Wall Street- Bewegung. Bitte? Demokratie war dort ausschließlich Männersache. Es gab eine von den Göttern gegebene Ungleichheit. Unfreie, Sklaven und Frauen hatten kein Mitspracherecht, was selbst Platon anerkannte. Diese Ständeordnung wurde erst mit der Französischen Revolution schrittweise beseitigt. Und von den französischen sozialistischen Utopisten, der englischen Chartistenbewegung, geschweige denn von Karl Marx, haben unsere jungen Revoluzzer offensichtlich noch nie was gehört. Sonst würden sie deren Ideen, die allesamt gescheitert sind, nicht als ihr Eigenes, das neue Denken, verkaufen wollen. Und dann unterlegen deren Protagonisten ihre Argumente bei Maybrit Illner auch noch mit buddhistischer Gestik und bedanken sich mit gefalteten Händen bei den alten Finanzhaien in der Runde für das Gespräch. Neue Unterwürfigkeit würde ich das nennen. Ich möchte nicht mutmaßen, was sie unter neuem Denken wirklich verstehen. Auf jeden Fall geht es um ein Grundeinkommen für alle, von dem keiner weiß, wer es erwirtschaften soll – oder was? Das erinnert mich irgendwie an die Hippie- Bewegung der 60-er Jahre, deren Kinder zum Teil heute in gehobenen, gut dotierten Stellungen dafür sorgen, dass unsere Kinder demnächst schreiben dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, oder, wie in Hamburg, Schreibschrift nicht mehr gelehrt wird. Da höre ich dann doch lieber Ulrich Wickert an, der über die humanistischen Werte von Ethik und Moral im Zusammenhang mit der Finanzsituation schreibt. Und sicherlich nicht unbewusst darauf hinweist, dass in dieser Jugend, die so sehr Achtung und Aufmerksamkeit für sich selbst einfordert, selten einer auf die Idee kommt, in der Bahn seinen Platz einem älteren Passagier anzubieten.

Jedenfalls müssen wir uns wohl alle auf einen harten Winter einstellen. Alles andere ist Illusion, denn das Geld hat die Welt im Griff.

So, das mal zu sagen, lag mir am Herzen. Dass ich auch noch in Spanien war, um mit Flugzeug, Bus und Schiff eine Rollmatratze zu meiner Tochter zu bringen, gäbe es auch noch zu erzählen. Und dass dieselbe nicht mal in ihr Bett zu passen schien, bis wir feststellten, dass spanische Zentimenter einfach länger sind als deutsche. Oder dass ich eine selbst gestaltete Grabschale nicht auf Omas Grab stellen darf wegen der deutschen Friedhofsordnung. Oder dass der mdr/rbb mit drei Kameras ins Freizeitforum Marzahn zur großartigen Arndt-Bause-Gala mit Siggi Trzoß kam, ohne auch nur ein Bild von der wunderbaren Stimmung im Saal einzufangen. Aber eigentlich habe ich immer noch Sprechverbot und erlerne das Singen beim Logopäden gerade von Grund auf ganz neu. Deshalb Schluss und Kuss

Eure Daggie