Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 96

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der ungarischen Schlager-Diva Zsuzsa Koncz fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Zsusza Koncz

 

Die "Grand Dame" des ungarischen Pop

Dass ich mir von meinem ersten Stipendium vor gut 40 Jahren einen Plattenspieler zulegte, daran war sie schuld. In meiner kleinen Leipziger Studentenbude standen vier Qualiton- und Pepita-LP von dieser wunderschönen Sängerin mit den endlos langen Haaren, darunter ihre erste LP „Volt egyszer egy lány“ von 1969 und „Szerelem“ (1970).

Ich habe sie heute alle noch, damals Mitbringsel meiner Budapest- Reisen zur Brieffreundin. Die schwärmte von Zsusza und wir hörten die gefühlvollen Songs mit den poetischen Texten Nächte lang. „Vegré, vegré“ oder „Endlich, endlich“ (wie der Song auf Deutsch hieß) konnte ich Zsuzsas Lieder nun auch zu Hause anhören, lernte sogar ein wenig ungarisch, um die Inhalte zu verstehen, die sich dank ihres Freundes und Texters János Bródy und ihrer eigenen Ansprüche so sehr von deutschen Schlagertexten abhoben (Zsuzsa höflich: „Die waren doch sehr vereinfacht.“). Begleitet wurde sie von „Illes“, „Fonograf“, dem „Tolcsvay trió“ oder „Omega“ – alles Bands, die ich liebte. Auch wegen des folkloristischen Einschlags. Erst 1972 erschien die erste Langspielplatte mit Zsuzsa Koncz bei Amiga. Inzwischen gibt es fast 40 Platten und CD`s von ihr, die unzähligen Singles nicht mitgerechnet.

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Für die einstige Jura-Studentin (geboren 1946), die schon seit Mitte der 60-er Jahre die ungarische Pop-, Chanson- und später auch Rockmusik mitbestimmte, hatte alles mit einer Talenteshow im ungarischen Fernsehen begonnen. Da war sie gerade mal 16 und bekam erste Angebote von Bands wie „Metro“. Sechs Jahre studierte sie klassischen Gesang, das Jura-Studium brach sie nach fünf Semestern ab.

Daran wären wohl die Texte von János „schuld gewesen“, meint die Sängerin rückblickend. „Die waren von einer Sprachgewalt, die es vermochte, unsere Gedanken und Gefühle, also unser Innerstes, unsere Seele, widerzuspiegeln.“ Seit Anfang der 70-er Jahre wurde Zsuzsa Koncz vom Fernsehen der DDR als ungarische Schlagersängerin präsentiert. Einige ihrer Songs wurden mit deutschen Texten versehen, so genannten Nachdichtungen. Dass diese oft weit entfernt vom Original waren, habe sie erst später mitbekommen, als ihre Deutschkenntnisse besser wurden, sagt sie heute.

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Dennoch liebte das Publikum auch in Ostdeutschland die schöne Zsuzsa (in der BRD wurde sie wegen des „schwierigen Namens“ auch mal in Jana umgetauft) für Lieder wie „Endlich, endlich“, „Irgendwann bin auch ich verliebt“, „He, Mama“, „Barbara“, „Blumen blühn“, „Wer sagt“ und vor allem die „Farbstifte“. Allein schon für dieses lang gezogene, gefühlvolle „ahahahaha“ am Ende jeder Strophe muss man sie einfach lieben!

In den 70-er und 80-er Jahren war die Sängerin häufiger Gast im Jugendfernsehen, im Schlagerstudio oder „Im Kessel Buntes“, vertrat ihr Land 1978 beim Internationalen Dresdner Schlagerfestival, war dann auch in Frankreich und vielen anderen Ländern, in denen sie gastierte, erfolgreich. Das setzte sich auch nach der politischen Wende Anfang der 90-er fort. Obwohl es auch in Ungarn so ist, dass in den Medien überwiegend internationale Hits in englischer Sprache gesendet werden, sind die Konzerte von Zsuzsa und vieler ihrer Kollegen immer noch ausverkauft.

Über ihr Privatleben hat sich die inzwischen 66-jährige Budapesterin stets zurückgehalten, in den Klatschpostillen taucht sie daher selten auf. Geschieden, keine Kinder. Das muss reichen. Ansonsten erzählt sie gern über ihre Liebe zu Skandinavien und Frankreich, französischen Chansons und der französischen Küche. Übrigens wurde Zsuzsa als erste ungarische Künstlerin zum „Ritter der Französischen Ehrenlegion“ ernannt. Als der MDR im April dieses Jahres eine Sendung unter dem Titel „Die Königinnen der Showbühne“ ausstrahlte, war auch die Koncz neben Mary Roos, Nana Mouskouri, Helena Vondráckova und Lena Valaitis unter den fünf Auserwählten. Ansonsten ist die Sängerin seltener in Deutschland zu erleben. 2008 etwa kam sie zu einer Gesprächsrunde unter dem Titel „Ich komm und geh mit meinen Liedern“ nach Berlin ins damalige „Haus Ungarn“ (heute „Collegium Hungaricum Berlin, Dorotheenstraße. Dort ist übrigens am 26. November ein Konzert mit János Bródy geplant.). Im Dezember vergangenen Jahres war sie mit einer DVD-Präsentation (eine Aufzeichnung aus dem Budapester Sportpalast) in der Ungarischen Botschaft „Unter den Linden“ zu erleben. Diese und weitere Zeugnisse ihres musikalischen Schaffens kann man unter www.azvuk.de (Agentur zur Verbreitung ungarischer Kultur) erhalten.

Ingeborg Dittmann

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Abb.: Eine von Zsuzsas ersten Langspielplatten, so kannte man sie aus dem DDR-Fernsehen, ihre jüngste CD kam 2011 heraus.
Fotos: Nachtmann, Archiv