Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 108

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem früheren Schlagersänger Erhard Juza fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Erhard Juza

 

Vom Maschinenschlosser zum Sänger


Stimmlich könnte es der 1,87 Meter- Sänger noch mit so manchem seiner weitaus jüngeren Kollegen aufnehmen. Auch wenn Erhard Juza seit mehr als zehn Jahren nicht mehr auf der Bühne steht, klingt seine Stimme (man möge mir den despektierlichen Ausdruck verzeihen) wie geölt. Erlebt habe ich das erst unlängst – am 30. Oktober bei der „Plauderei“ am Kamin in der „Gelben Villa“. Den Zuhörern, die an diesem Nachmittag den Weg zum Stadtteilzentrum Biesdorf gefunden hatten, erging es wohl ähnlich. Schon nach dem ersten Titel – wohlgemerkt live gesungen – großes Staunen. Selbst bei Moderator Detlef Bruns, dem es gelungen war, den am Rande von Berlin lebenden 76-Jährigen noch einmal auf die Bühne zu holen. 

Da ich eher der Rockmusik, denn dem Schlagergesang zugetan bin, hat es wohl nicht den Anschein von Lobhudelei, wenn ich konstatiere: Einige der Schlager, die Erhard Juza in den 1960-er Jahren sang, müssen wohl Hitqualitäten gehabt haben. Sie sind mir noch heute im Ohr, obwohl ich sie Jahrzehnte lang nicht mehr gehört habe.

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Einer davon ist „Herzen, die immer allein sind“ (1960), ein anderer „Du bist nicht allein“ (1960). Letzteren Titel habe ich 2002 doch noch mal gehört. Unvergesslich die Szene aus dem Andreas-Dresen-Film „Halbe Treppe“, als Axel Prahl bei einer Feier der russischen Familie seiner Nachbarin aufgefordert wird, ein deutsches Lied zu singen und er zuerst ganz zaghaft, dann voller Inbrunst gerade diesen Schlager anstimmt.

„Herzen, die immer allein sind“ - so nannte Erhard Juza auch sein Bühnenprogramm, mit dem er bis vor einigen Jahren als Alleinunterhalter auftrat – in Klubs, Seniorenheimen oder auch auf privaten Familienfeiern. Es umfasst neben Schlagern auch Operettenmelodien, Evergreens und Volkstümliche Weisen – alles live und aufgelockert mit humorvollen Zwischentexten und Parodien. Apropos: Operetten hatten es dem am 30. März 1937 in der Nähe von Zwickau geborenen Sänger schon als Kind angetan. „1941 waren wir nach Zittau gezogen. Dort trällerte ich mit sechs, sieben Jahren in der Waschküche meiner Mutter Operettenmelodien. Später habe ich mir Lehárs „Lustige Witwe“ an die acht Mal im Zittauer Stadttheater angesehen. Man kann sagen, dass mich Lehár zum Singen inspiriert hat.“

Zunächst aber absolvierte Juza nach dem Schulabschluss eine Lehre als Maschinenschlosser im VEB Robur Zittau. Die Betriebscombo dort hatte es ihm angetan, er stieg als Sänger ein. Schon bei einem seiner ersten Auftritte mit der Combo, bei einer Frauentagsfeier am 8. März 1956, sang er sich in die Herzen aller weiblichen Betriebsangehörigen. Das gab ihm den Mut, sich im August 1957 für die „Kleine Premiere“, einem Nachwuchswettbewerb mit Horst Lehn und Rolf Krickow in Halle, zu bewerben. „Rundfunkproduzenten hörten die Beiträge ab und plötzlich kam eine Einladung aus Berlin ins Haus geflattert“, erinnert sich Juza. Er wurde 1958 ins Nachwuchsstudio des Berliner Rundfunks aufgenommen, die zweijährige Ausbildung war quasi die „Eintrittskarte“ für den Berufsausweis als Sänger. „Zu meinen Mitstudenten zählten unter anderem Feli Brünn, Horst Dobberschütz und Hartmut Eichler“, weiß er noch heute. Befragt nach seinen damaligen musikalischen Vorbildern, nennt er Klaus Gross, Heinz Schultze und vor allem Fred Frohberg.

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Abb.: Erhard Juza 1962 und am 30. Oktober in Biesdorf.

Fotos: Archiv nl, Scherbarth

Mit den eigenen Titeln klappte es dann schnell. Beim Schlagerwettbewerb „Die goldene Note“, der im Fernsehen ausgestrahlt wurde, sang er „Eins, zwei drei, das ist keine Hexerei“ und wurde Republik weit bekannt. Auch durch den „AMIGA-Cocktail“ oder die Sendung „Alte Liebe rostet nicht“. Aufnahmen beim Rundfunk und bei AMIGA folgten (die erste Platte hieß „Zwischen Abschied und Wiederseh’n“), bis Anfang der 1970-er Jahre, einige auch danach. Auch der bekannte Dresdner Musiker und Komponist Harry Seeger, mit dem er eng befreundet ist, schrieb ihm einige Titel.

Schon seit den 1960-er Jahren wurde Juza oft zu Auslandsgastspielen eingesetzt. So tourte er häufig durch die damalige Sowjetunion, die CSSR, Ungarn und vor allem Polen. Bis heute spricht er beinahe fließend polnisch.

Sein Schlagerrepertoire erweiterte er um volkstümliche Melodien, Stimmungslieder und Altberliner Gassenhauer. Eine ganz neue Herausforderung waren seine Auftritte in Kinderprogrammen des Steintor- Varieté Halle. „Elf Jahre hintereinander habe ich dort mitgemacht, mal als Rabe, mal als Schneemann, Weihnachtsmann oder Hase.“

Nach der Wende zog der Sänger mit eigener Technik als Alleinunterhalter und Diskotheker durch die Lande. „Manchmal juckt es mich schon, wieder aufzutreten“, gesteht Erhard Juza bei der eingangs erwähnten „Plauderei am Kamin“. Aber auch so hat der 76- Jährige, der mit seiner Lebensgefährtin Ingrid in Erkner lebt (seine Tochter Beate ist 48 Jahre alt), keine Langeweile. „Ich bin ein tiefgründiger Mensch, beschäftige mich mit Philosophie, dem aktuellen Geschehen in der Welt und verfolge natürlich auch die Kunstszene.“

Ingeborg Dittmann