Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 132

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der ehemaligen Sängerin Ruth Brandin  fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Ruth Brandin

 

Die Schlagersängerin mit dem etwas anderen Touch

 Vor 40 Jahren beendete die Sängerin, die am 27. Februar 1940 in Altenweddingen in der Altmark als Ruth Langhammer geboren wurde, ihre Bühnenkarriere. Dennoch ist ihr Name auch heute noch bekannt – und das nicht nur bei Schlagerfreunden. Besonders jene, die in den 1960-ern Teenager waren und die Sender des DDR-Rundfunks hörten, kamen an ihren flotten Schlagern im Twist-Rhythmus, die sich von sentimentalen Herz-Schmerz-Schlagern wohltuend abhoben, kaum vorbei. Allein zwischen 1961 und 70 erschienen beim Platten- Label AMIGA 30 Scheiben von der kessen Blondine, 1965 sogar eine Langspielplatte („Teenager- Party mit Ruth“) mit 16 Titeln aus den Jahren 61 bis 64, einige davon im Duett mit ihrer Zwillingsschwester Evelyn und mit Volkmar Böhm. Schon ihre erste Single 1961 („Das Lied vom alten Plattenschrank“, mit Monika Grimm) wurde ein Verkaufsschlager. Kurz darauf landeten Titel wie „Lady Sunshine und Mister Moon“, „Mister Casanova“, „Papagei- Twist“, „Der Mann von nebenan“, „Sind junge Mädchen 16 Jahre alt“, „Ricki-ticki-tim“, „Dort treff ich dich, Charly“ oder der Twist „Aus Apfelkernen und Nudelsternen“ ganz vorn in den einschlägigen Hit-Paraden. In der Jahresauswertung der populärsten Schlager 1964 tauchen gleich drei Titel von Ruth Brandin unter den ersten 25 auf: „Mich hat noch keiner beim Twist geküsst“ (Platz 3), „Münchhausen“ (Platz 8) und „Love,Love, Love“ (mit Volkmar Böhm, Platz 10). Das schaffte keiner der damals populären Schlagerstars wie Frank Schöbel, Hartmut Eichler oder Helga Brauer. 

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Die heute 75-Jährige wuchs in einer musikalischen Familie auf (der Vater ist Instrumentenbauer und Bassist einer Kapelle, zwei der fünf Geschwister studieren Musik) und verbrachte ihre Kindheit in der Magdeburger Börde. Sie besuchte in Magdeburg eine Sportschule, musste diese aus gesundheitlichen Gründen später verlassen und ging schon mit 17 nach Berlin. In Buch begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Einer ihrer Patientinnen, der damals sehr populären Sängerin Jenny Petra, fiel das musikalische Talent der Gitarre spielenden jungen Krankenschwester auf. Sie stellte den Kontakt zu AMIGA her, wo die 17-Jährige Anfang 1958 zum Vorsingen eingeladen wurde und einen Fördervertrag bekam. Im Herbst 1959 hängte sie den Schwesternkittel an den Nagel und begann eine Ausbildung im neu gegründeten Nachwuchsstudio des DDR-Rundfunks. Bevor sie 1961 ihre solistische Karriere startet, wird sie Mitglied des Damenquartetts „Die Kolibris“, zu dem auch ihre Schwester gehört, und wirkt mit diesem in vielen TV-Sendungen im Background mit.      brandin3.jpg

Mit ihren rhythmischen Titeln im modernen Gewand und ihrem eigenen Stil kommt die junge Sängerin besonders beim jungen Publikum an, wird eine Art Teenager- Idol. Ihre heimliche Liebe galt damals aber dem Jazz. Bei Auslandsgastspielen mit dem Werner- Pfüller-Quintett in Polen oder mit dem Günter-Frieß-Sextett in Bulgarien konnte sie diese Vorliebe zumindest temporär ausleben. Das Kleid, was man ihr verpasst hatte, war für die junge Sängerin indes schwer abzustreifen, Kompromisse angesagt, die aber nie in Richtung gefühlsduseliger seichter Schlager gingen. Dafür sorgten schon Förderer wie Wolfgang „Pelle“ Brandenstein (von dessen Nachname sich übrigens Ruths Künstlername ableitet) mit flotten Titeln wie „Papagei-Twist“ oder „Warum“ (beide 1963).

Abb.: Ruth Brandin als junge Sängerin Anfang der 1960-er Jahre mit Orchesterleiter Günter Gollasch sowie mit Zwillingsschwester Evelyn (Christa); das Cover der 2009 erschienenen CD. 

Fotos: Archiv/LdZ

1968 brachte ihr der Song „Nie zuvor war ein Abend so schön“ das „Goldene Mikrofon“ für den erfolgreichsten Rundfunk-Titel des Jahres. Ähnliches war den folgenden Titeln „Die große Liebe war es nicht“ und „Doch man kann nur auf einer Hochzeit tanzen“ nicht vergönnt. Die letzten Produktionen mit Ruth Brandin fallen in das Jahr 1973. Der zunehmend kritische Blick der Sängerin und ihre Verweigerung, bei bestimmten Projekten mitzumachen, behagte den Funktionären nicht. Ebenso ihre Weigerung, ihre Kollegen auszuhorchen. So produzierte AMIGA keine Titel mehr mit ihr. 1974 nahm sie ihren endgültigen Abschied von der Bühne und arbeitete fortan in der Gastronomie, zuletzt als Leiterin des „Café Nord“ an der Schönhauser Allee.

1985 folgt Ruth Brandin ihrer Tochter und siedelt nach West- Berlin über. Heute lebt die Invaliden- Rentnerin und Mutter zweier Kinder wieder im Ostteil der Stadt. 1997 erschien bei Amiga BMG das Album „Ruth Brandin – das Beste 1961 – 1971“, 2009 eine Doppel CD mit 44 Titeln „Ihre großen Erfolge“.

Ingeborg Dittmann