Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie. Teil 6

In der Juli- Ausgabe begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und vielen anderen. Wir setzen heute unsere Serie mit der unvergessenen Bärbel Wachholz fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Bärbel Wachholz

Sie hatte Musik im Blut

Schon mit 17 Jahren wurde sie entdeckt. Titel wie "Damals", "Das wünsch ich mir", "Ich hab Musik im Blut" oder "Wenn ein junges Mädchen weint" wurden zu Publikumsrennern .In 25 Jahren produzierte die gebürtige Angermünderin, die in Eberswalde aufwuchs, mehr als 500 Titel bei Funk und Platte. Seit 1962 tourte sie mit ihrem Ehemann, dem Sänger und Musiker Armin Kämpf, mit großem Erfolg im In- und Ausland. In der DDR gehörte sie zur Elite der Schlagerbranche. Am 13. November 1984 starb Bärbel Wachholz nach Jahren schwerer Krankheit. Anlässlich des 20. Todestages der Sängerin sprachen wir mit ihrem Ehemann Armin Kämpf.

Wie haben Sie Ihre Frau kennen gelernt?

Ich war bis 1958 als Eistänzer mit "Holiday on Ice" in der ganzen Welt unterwegs. Im Mai 1958 hatte ich meine Eltern in Leipzig besucht. Auf der Rückfahrt hörte ich im Autoradio plötzlich ihre Stimme. Ich bin sofort umgedreht und ins Funkhaus nach Berlin gefahren. "Wer ist diese Sängerin mit dieser einzigartigen Stimme?", fragte ich Günter Gollasch. Kurz darauf erlebte ich Bärbel im Studio, fuhr dann mit ihr zu dem bekannten Komponisten Gerd Natschinski, der für sie vier Titel aus der Schublade zog - darunter ihren späteren Erfolgstitel "Damals".

 

 Ihre Frau gehörte in den 60er und 70er Jahren zu den bekanntesten Schlagerinterpreten. Dabei hatte sie nie Gesang studiert, war Fotolaborantin.

Bärbel war ein Naturtalent, sie hatte das absolute Gehör. Sie merkte sofort, wenn 

im Orchester einer der Musiker falsch spielte. Dabei kannte sie bis zuletzt keine Noten.

 

Herr Kämpf, sie waren ja seit 1962 nicht nur Bärbels Ehemann, sondern auch ihr musikalischer Partner auf der Bühne.

Als sie starb, war unser Sohn Tobi 13. Er lebt heute mit seiner Frau und den Kindern in Marzahn. Meine Enkel Nancy, Steven, Samantha und Monique trösten mich über meine Einsamkeit hinweg. 

Sie leben bescheiden in einer kleinen Ein-Raum-Wohnung auf der Fischerinsel in Berlin, sind mit 78 Jahren immer noch aktiv. 

Gemeinsam mit meinem Sohngründete ich die Firma "Eu musico". Wir haben nach der Wende bereits einige Tonträger

Armin Kämpf  traf jot w.d. in diesem Sommer in Hellersdorf. 

Ja, mit unserem Show-Ensemble bereisten wir viele Länder Europas. 1970 wurde unser Sohn Stephan Tobias geboren. Bärbel legte deshalb bis 1976 eine künstlerische Pause ein. 

 

Seit dem Tod ihrer Frau leben Sie allein. Haben Sie nie wieder geheiratet? 

Nein. Ich war 22 Jahre mit Bärbel verheiratet. Sie war meine große Liebe, eine starke Persönlichkeit und eine große Künstlerin.

 

herausgegeben, u.a. für Kinder. Außerdem habe ich am 4. Oktober '89 mit persönlichen Aufzeichnungen über die Zeitgeschichte begonnen. Ich nenne sie "Zeitdokumentarische Denkschriften". Darin habe ich meine Gedanken über Staat und Gesellschaft, aber auch zwischenmenschliche Beziehungen in Form von Essays und Gedichten niedergeschrieben

Ingeborg Dittmann

Herr Kämpf, ist der November nach all den Jahren immer noch ein trauriger Monat für Sie?

In diesem Jahr ganz besonders. Da kommen die Erinnerungen und der Schmerz über Bärbels frühen Tod wieder besonders ins Bewusstsein.

Ihre Frau war gerade erst 46 geworden, als sie starb.

Sie hatte einen unheilbaren Bauchspeicheldrüsentumor, bereits zwei Operationen hinter sich. Dazu kam ihre schwere Diabetes. Am Ende wollte sie wohl nicht mehr.

 

Dennoch ist sie, bereits von der schweren Krankheit gezeichnet, noch einmal auf die Bühne gegangen.

Die Bühne war ihr Leben, seit ihrem 17. Lebensjahr. Und so wollte sie auch auf der Bühne sterben. Nach ihrer letzten TV-Sendung "Spiel mir eine Melodie", fiel sie mir hinter der Bühne in die Arme. Sie war am Ende ihrer Kräfte.

 

Mehr als 40 Jahre alt ist dieses Foto mit Bärbel Wachholz, Armin Kämpf (li. vorn) und Kollegen. Das Porträt entstand 1978. 

Foto/Repro: Dittmann