Buchholz erspart Bullrichsalz

Kabarett und Klöße sind für Dagmar Gelbke in der Weihnachtszeit ein Muss

Vor ein paar Tagen besuchte ich ein Konzert des Ölberg-Chors in der Emmaus-Kirche in Kreuzberg, in dem meine Schulfreundin Beate singt – die Beate, mit der ich 1968 im FDJ-Hemd Friedenslieder intoniert habe. Es war ein sphärischer Abend, hervorgerufen durch den harmonischen Gleichklang der 50 Frauen- und Männerstimmen. Und plötzlich war Advent. Nun brennt das erste Lichtlein, auch wenn vor meinem Fenster noch Geranien sprießen.

Meine Tochter Paula (26) hat ja schon im September genervt: „Vergiss nicht wieder, mir einen Weihnachtskalender zu schenken. Aber nur so einen ganz einfachen, billigen, wie ihn Oma früher immer aus dem Westen mitgebracht hat.“ Oma hat ihn damals bei Aldi gekauft, für 78 Pfennige. Von wegen billig! Das waren umgerechnet, je nach Wechselkurs, zwischen 3,20 und 6,40 Mark der DDR!

Ach ja, als wir noch klein waren... Ich hatte noch Weihnachtskalender ohne Schokolade drin. Und ich hab immer alle Fenster schon vorher geöffnet und war sehr aufgeregt dabei.

Heute erkenne ich den Beginn der Weihnachtszeit am besten daran, dass die Leute öfter ins Kabarett kommen, denn weihnachtliche Lichterpracht hatten wir in der City das ganze Jahr über, Gänse, Enten, Hasen mit Thüringer Klößen gab’s bei uns auch im Hochsommer. Dass meine Frankfurter „Oderhähne“ jetzt auch an den sonst spielfreien Tagen ein ausverkauftes Haus haben und das „Kartoon“ in der Kochstraße wenigstens im Dezember schwarze Zahlen schreibt, das macht die Angst vor’m Weihnachtsmann. Der könnte ja fragen: „Hast Du auch immer brav die deutsche Kulturlandschaft unterstützt?“

So finden Kabarettbesuche einen festen Termin in den Adventskalendern der Erwachsenen – neben Weihnachtsbeleuchtung installieren, Pyramiden und Nussknacker aufbauen, Plätzchen backen, Weihnachtsbaum besorgen, Adventskaffee organisieren, Weihnachtsmarktbummel mit den Enkeln, Kirchenkonzert mit der Mutter, Ballettaufführung mit der Tante – alle 23 Tage vor dem Fest sind verplant. Positiver Stress pur!

Ein Geschenk ohne Stress

Etwas negativer dürfte der Stress wegen der Weihnachtsgeschenke ausfallen. Aber da gebe ich einen Tipp: Verschenken Sie einen Kabarett- Besuch – z.B. zu Martin Buchholz, der sein lästerliches Unwesen gerade wieder in Hallervordens „Wühlmäusen“ am Theodor-Heuss-Platz treibt. Sein neuestes Programm heißt „Freiheit für Angela“ und läuft vom 12.-15. und vom 20.-31.12. jeweils 20 Uhr, Silvester auch 17 und 23 Uhr. Karten zum Preis von 20-25 Euro unter Tel. 30 67 30 11 oder im Internet unter www.- wuehlmaeuse.de, Schüler, Studenten, Rentner und Arbeitslose erhalten von Sonntag bis Donnerstag Rabatte.

Martin Buchholz, der Ur-Berliner aus dem Wedding, der in all seinen Nachwendeprogrammen Ossis und Wessis gleichermaßen provoziert, indem er ihnen beharrlich historische und politische Denkbzw. Lernfähigkeit abspricht, ist einer der wenigen Kabarettisten, die ohne Kostüm, Maske und Comedy auskommen, und seine Kalauer gelten mir eher als Aphorismen. Seine Satire bedient des Wortes Ursprung , sie kommt aus Kopf, Herz und Bauch eines Satyrs, eines Wesens also, das unsere Vorfahren – ich rechne die alten Griechen dazu – mit dem Teufel gleichsetzten. Und teuflisch intelligent durchforstet Buchholz von der Tagespolitik bis zur goetheschen Klassik analytisch und dennoch mit unverwechselbar lausbübischem Charme die Niederungen deutscher Leitkultur. Dabei wirkt er keinen Moment intellektuell abgehoben oder lehrerhaft besserwisserisch.

Ohne sich dem Publikum anzubiedern, bleibt er „einer von uns“, auch einer von „uns Frauen“. Sein Programmtitel „Freiheit für Angela“ ist in seinem Doppelsinn genial gewählt, und, den Schalk im Nacken, fragt er sein Publikum: „Was haben Sie eigentlich gegen Frau Merkel? Noch hat sie gar nichts gemacht ...“

Das wird sich wohl bis zum Weihnachtsfest geändert haben. Und damit dieser „Braten“ dann nicht zu schwer im Magen liegt, auf zu Martin Buchholz! Denn: Was Bullrich-Salz für die Verdauung, ist Buchholz für die Weltanschauung. Frohes Fest!

Eure Daggie Gelbke