Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie, Teil 18

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorstellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und vielen anderen. Wir setzen unsere Serie heute mit dem Sänger und Chansonier Jürgen Walter fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Jürgen Walter

Der Mann "hat was"

Es gibt kaum einen Sänger, dessen Platten alle zumindest einmal, einige jedoch mehrfach in meiner Plattensammlung stehen. Ich mag letztere auch nicht weggeben. Es könnte ja sein, dass der eine oder andere Titel durch's häufige Abspielen in den vergangenen 30 Jahren gelitten hat. Dann fehlte mir möglicherweise "Bei Erwin", "Aber schöner ist die Liebe", "Mein Stück Leben", "Du bist ein Teufel", "Wär mir doch alles ganz egal", "Wo ich hergekommen bin", "Ein bisschen du, ein bisschen ich", "Clown sein", "Schallala, Schallali" .. . "Schade, wie schade" - wäre das.

Weißt du noch wie das war, als wir unsre Zweifel einfach auslachten, wir das zweite Frühstück im Bett nahmen und uns Schrankwand und Auto egal waren? Oder bei Erwin in der Kneipe, wo man seinen Kummer für ein paar Stunden vergessen konnte? - In den meisten seiner Lieder-Chansons erzählt Jürgen Walter Geschichten. Solche, die jeder so oder so schon mal erlebt hat. Denn: "Das Leben hat was, ich find's schön, was Bessres gibt es nicht, ich hab noch nichts geseh'n." Die Geschichten, sprich Texte, stammen zum größten Teil von Gisela Steineckert, die Musik von Arndt  Bause und Thomas Natschinski.

Jürgen Walter war im November 2005 im FFM zu Gast. Fotos: Dittmann (2), Archiv.

Jürgen Walter vor 20 Jahren auf seiner Amiga-Langspielplatte.

Mit Thomas und Gisela verbindet den Sänger eine jahrzehntelange Freundschaft. Die begann einst schon in Oktoberklubzeiten. Damals hieß der Junge aus dem thüringischen Dörfchen Fraureuth, der nach seiner Landwirtschaftslehre in Berlin Germanistik und Romanistik studierte, noch Jürgen Pippig. Wenig später schrieb Gisela Steineckert über ihn: "Er ist in seiner Auswahl sehr kritisch, als Arbeitspartner anspruchsvoll und unbequem, aber das ist er auch mit sich selber. Er kann interpretieren, andeuten, erzählen, sich vorzüglich bewegen, fast artistisch, scheinbar mühelos." Daran hat sich auch nach 30 Jahren nichts geändert, wie die Gäste seines Konzertes am 6. November im Freizeitforum Marzahn live erleben konnten. So proppevoll sah man die Studiobühne selten, etliche zusätzliche Stühle mussten rangeschafft werden. Neben den Songs von damals sang Jürgen Walter auch einige von seiner neuen CD, die erstmals am 18. Dezember in Berlin live vorgestellt wird. Wieder mit Steineckert-Texten und der Musik von Thomas Natschinski. "Wo ich hergekommen bin, war'n die Bäume voll von ungeheurem Grün. Wo ich hergekommen bin, war das Leben voll von ungeheuren Mühn ..." singt Walter über seine Kindheit im Thüringischen. Das Grün, die Sonne und den blauen Himmel liebt er noch heute. Und so wurde  nach der Wende Teneriffa zu seiner zweiten Heimat.

Neben Falkensee bei Berlin natürlich, wo man ihn Sommers am frühen Morgen schon im Garten oder beim  Schwimmen oder Spazierengehen treffen kann. Neben Englisch, Russisch und Französisch lernt er nun auch noch Spanisch. Auf's Trapez begibt er sich indes nicht mehr (Anfang der 80er lernte er auf der Artistenschule Jonglieren und Seiltanz). Uneitel bekennt sich Walter - anders als viele seiner Bühnenkollegen - zu seinem Alter. "Für Manches ist man zu jung und für Manches zu alt - so ist das im Leben."

Am 7. Dezember wird Jürgen Walter 62. Die Haare sind schon seit einiger Zeit naturgrau, die Figur nicht mehr die, die er mit 30 hatte. Aber ansonsten ist er ganz der Alte. Mit umwerfendem Charme, Temperament und Bodenständigkeit. Auf Promotion durch Artikel in den Klatschspalten der bunten Unterhaltungsblätter ist er nicht angewiesen. Das Publikum kommt auch so in seine Konzerte. Denn eines ist sicher: Der Mann "hat was".

Ingeborg Dittmann

 

Jürgen Walter 2004 am Kulturforum Hellersdorf.