Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 29

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe mit Dieter Birr, dem Sänger der Puhdys, fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

Dieter "Maschine" Birr

 Bis zur Rockkerrente

In unserer Serie dürfen sie natürlich nicht fehlen, die fünf inzwischen in die Jahre gekommenen Rocker aus Berlin, für die sich Anfang der 70-er Jahre nicht nur die „Türen zur Stadt“ öffneten, sondern in der Folgezeit auch die der TV- und Rundfunksender, der Plattenstudios und der großen Veranstaltungshäuser in Ost und West. Ihre Platten wurden millionenfach verkauft. Selbst die Wende tat ihrer Popularität keinen Abbruch. Ihre Konzerte in großen Arenen gleichen Familienfesten. Sie machen wahr, was sie einst versprachen: „Wir rocken bis zur Rockerrente“. Gerade erschien ihre brandneue CD „Dezembernächte“. Bis 30. Dezember sind sie auf Tour. An dieser Stelle den musikalischen Werdegang der Puhdys auszubreiten, hieße Eulen nach Athen tragen. Deshalb „nur“ ein aktuelles Interview mit dem Sänger, Gitarristen, Komponisten und Texter Dieter „Maschine“ Birr.

Dreiundzwanzig Jahre Unterschied: Dieter „Maschine“ Birr 1983 und 2006.

Im November 1969 gaben die Puhdys ihr erstes Konzert im Freiberger „Tivoli“. 37 Jahre danach gastiert ihr bei Eurer Weihnachtstour in großen Hallen von Suhl bis nach Schwerin und bringt euer 33. Album, auf den Markt. Weshalb gerade eine Weihnachts-CD?

Maschine: Da unsere Weihnachtskonzerte mittlerweile fast schon Tradition sind (seit 2001 gehen wir im Dezember auf Tour), wollen wir natürlich immer wieder neue Songs präsentieren. Unsere erste Weihnachts-CD „Dezembertage“ liegt fünf Jahre zurück. Außerdem: Wir Fünf sind ausgesprochene Familienmenschen, haben Kinder und inzwischen auch schon Enkel. Da ist die Weihnachtszeit immer etwas ganz Besonderes. Zeit der Vorfreude, der Besinnung.

Für euch ist das Album sicherlich eine Möglichkeit, zu zeigen, dass ihr auch leise Töne draufhabt, oder?

Maschine: Dass wir nicht nur die lauten Rocker sind, haben wir wohl schon bewiesen. Aber es stimmt, ein Weihnachtsalbum bietet sich geradezu an für leise, nachdenkliche Töne. Man blickt zurück und fragt sich: Was habe ich geschafft in diesem Jahr, haben sich meine Hoffnungen erfüllt, was bleibt noch zu tun.

Die Songs auf „Dezembernächte“, alle aus deiner Feder, sind ja nicht die traditionelle Art Weihnachtslieder. Da werden auch Themen angesprochen wie (Über)Lebenskampf und Einsamkeit („In diesem Raum“), Begriffe wie Pflicht und Gehorsamkeit hinterfragt („Good Bye“, „Fahneneid“).

Maschine: Weihnachten wird ja auch als Fest des Friedens bezeichnet. Darin spiegelt sich die uralte Sehnsucht der Menschen nach Glück und Geborgenheit wider. Auch wir sind mit Tausenden Menschen gegen den Irakkrieg auf die Straßegegangen. Deshalb gehört ein Song wie „Good Bye“ auf dieses Weihnachtsalbum. Genauso ein Kinderlied wie „Karussell“ oder die „Großen Herzen“.

Mit „Große Herzen“ verbindet ihr ein ganz besonderes Anliegen?

Maschine: Mit diesem Lied möchten wir all den Menschen Danke sagen, die sich uneigennützig für Andere einsetzen, helfen, wo immer Hilfe gebraucht wird. Als ich den Song schrieb, dachte ich an die vielen Helfer bei der Flutkatastrophe, an Ärzte oder Sozialarbeiter, die sich in den ärmsten Regionen der Welt für Kranke und Bedürftige einsetzen. Aber auch an Nachbarn, Freunde, die nicht nach Geld oder Ruhm fragen, sondern aus Menschlichkeit helfen. Während unserer Weihnachtstour wollen wir solche Menschen zu unseren Konzerten einladen.

Hast du einen Favoriten unter den neuen Songs, vielleicht das Lied, das du deinen beiden Enkelinnen widmest?

Maschine: Mein Herzblut steckt in allen Songs. Klar, dass der „Glücksstern“ für mich eine ganz besondere Bedeutung hat. Das werden alle Eltern oder Großeltern verstehen.

Seit wann bist du stolzer Großvater?

Maschine: Annabell, die Tochter von Andy, ist 18 Monate alt, Amelie von meiner Tochter Anja ein halbes Jahr.

„Alles was du willst, alles wird geschehen, wenn du an dich glaubst“ heißt es in dem Lied. Spricht aus diesen Worten die Weisheit des Alters?

Maschine: Keine Ahnung. Das ist einfach meine Lebenserfahrung. Nur wenn du selbst an dich glaubst, kannst du etwas erreichen, dich nach Nackenschlägen immer wieder neu motivieren.

Die erste Puhdys-LP von 1974 (u.a. mit „Geh zu ihr“) haben sicher noch viele Fans im Schrank. Mittlerweile spielen die „alten Herren“ auch mit ihren Kindern, etwa Dieter mit Andy Birr zusammen.

 Fotos: Nachtmann

Trotz manchem „Gegenwind“ füllt ihr auch nach 37 Jahren noch große Säle oder Stadien. Woran liegt das?

Maschine: Wir haben immer noch Spaß an dem, was wir machen, nehmen unsre Fans ernst. Das merken die Leute.. Außerdem lassen wir uns immer wieder Neues einfallen. Nachdem wir in den vergangenen drei Jahren mit den Bands unserer Kinder „Bell Book & Candle“ und „Stamping Feed“ auf der Bühne standen, sind diesmal Veronika Fischer und Dirk Michaelis dabei.

Wo wird man euch erleben können?

Maschine: Am 10. Dezember in Zwickau, am 17. in Suhl, am 20. in Dresden, am 21. in Chemnitz, am 27. in Schwerin, am 28. in Leipzig, am 29. in Magdeburg und am 30. in Berlin in der Max-Schmeling- Halle.

Euer Album „Dezembernächte“ erschien im eigenen Verlag „multirecords“. Ihr habt euch für einen neuen Vertriebsweg entschieden, weshalb?

Maschine: Das Album wird nur in „dug“- Shops und T-Punkten verkauft. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man in den großen Fachmärkten oft vergeblich nach unseren Scheiben suchte. T-Punkte und dug-Shops gibt es überall.

Ingeborg Dittmann