Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 41 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger und Ex-Testfahrer Christian Schafrik fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Christian Schafrik

Der Vielseitige: Koch, Barmixer, Testfahrer und eben Sänger

 

 

Bei der Auswertung von 12 Spitzenparaden des DDR-Schlagers belegte der Thüringer hinter Frank Schöbel den 2. Platz mit „Goldener Mond“ und „Ich bin immer für dich da“. Das war 1965 – doch die Schlager sind der Generation 50 plus noch heute im Ohr. Genauso wie „Gute Nacht, Maria Magdalen“, „Ein Mädchen mit Herz“ oder „Immer wieder ein roter Mund“. Zwischen 1965 und 82 hat Christian Schafrik rund 50 Titel beim Rundfunk und im Plattenstudio aufgenommen. 18 kleine Scheiben erschienen bei Amiga. 

Schon als Junge begeisterte sich der gelernte Koch und Kellner für Musik, bekam mit 11 Jahren seine erste Gitarre, lernte als Autodidakt auch Kontrabass, Schlagzeug, Akkordeon und Klavier spielen. Die Familie stammte aus einem kleinen Ort bei Wroszlaw (Polen), kam 1945 nach Thüringen. Seine Liebe zum Singen entdeckte er schon mit fünf. „Immer wenn Stromsperre war, sangen wir Zuhause Kanons“, erinnert sich der heute 65-Jährige. 

Mit 14 musizierte er im Erfurter Jugendklubhaus, begann 1957 eine Lehre als Koch im „Erfurter Hof“. Dort gründete er mit zwei Kollegen seine erste Band – „Die Albergos“. Das heißt auf italienisch Kellner. Das musikalische Kellner-Trio wurde 1959 Bezirkssieger bei einem Talenteausscheid. 

 

  

 

Auf das "Goldene Mikro" ist Christian heute noch stolz.

Als Amateur spielte Christian mit seinem Trio zum Tanz, schloss seine Lehre ab, arbeitete als Barmixer und wurde 1963, als er an der Ostsee kellnerte, bei einem Schlagerwettbewerb von dem Komponisten Ralf Petersen als Talent entdeckt. Der lud ihn zur Mikrofonprobe nach Berlin ein und schrieb ihm kurz darauf seinen ersten eigenen Titel („Gute Nacht, Maria Magdalen“). Dann folgte ein Hit nach dem anderen – und als Lohn ein „Goldenes“ und ein „Silbernes Mikrofon“. 1965 stieg er als Bassist und Sänger beim „Hemmann-Quintett“ ein. Doch einen Berufsausweis als Sänger – ein Muss in der DDR – hatte er noch nicht. 1966 bewarb er sich darum und fiel durch. Er habe zuviel Amerikanismen in der Stimme , hieß es. Dass seine Schlager die Hit-Paraden stürmten und er längst einen Vertrag für eine Tournee bei der KGD Erfurt hatte, interessierte dabei wohl nicht. Ein Jahr danach klappte es dann mit der „Pappe“. Dann klappte es aber nicht mehr mit den Engagements und er arbeitete wieder im Gaststättengewerbe. Nebenbei sang er in Bars, gründete 1970 wieder eine Band und errang sogar eine Goldmedaille zur Leistungsschau der Unterhaltungskunst im heutigen Chemnitz. Seit Anfang der 80-er war er solistisch unterwegs zwischen Rostock und Suhl.

Nach der Wende ging es Schafrik wie vielen seiner Kollegen – die Engagements blieben aus.

Er suchte sich Arbeit, war Nachtportier in einer Erfurter Jugendherberge und bewarb sich 1992 als Testfahrer für ein großes Autoreifen- Unternehmen. Der passionierte Autofahrer legte täglich ca. 700 Kilometer auf der Teststrecke zurück – bei 200 bis 325 km/h. Ein gefährlicher Job. Zuhause in Eisenach bangte seine Frau Gisela, ob alles gut ging. „Es ist nie etwas passiert und hat großen Spaß gemacht“, versichert Christian.

Gesundheitliche Probleme beendeten 1997 die „Rennfahrerkarriere“ des Sängers. Bis vor zwei Jahren widmete er sich der Betreuung von Behinderten. „Seitdem faulenze ich“, schmunzelt er. Das stimmt so aber nicht. Ab und zu steht er wieder auf der Bühne, treibt viel Sport (schwimmen, laufen, Tennis) und unternimmt gern Reisen. Und schließlich ist da ja auch noch seine große Familie: drei Töchter (39, 41, 44), die seine Frau mit in die Ehe brachte, Sohn Heiko (45) und fünf Enkel (von 6 bis 20). Am 26. Dezember wird Christian Schafrik 66. Und da fängt ja das Leben (wie einst ein bekannter Schlagerbarde sang) erst an.

Ingeborg Dittmann

Fotos: Nachtmann/Archiv