Zur Beruhigung mal schnell nach Spanien

Nach der Vatersuche in Bulgarien musste sich jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke erst mal ablenken

Nichts ist schöner, als wenn Menschen Anteil nehmen. Meine Chefredakteurin war richtig sauer, dass ich meine Oktober- Reise nach Bulgarien nicht zu Ende erzählt habe. Also, ich mache es kurz: Die Reise war ein voller Erfolg. Ich habe mit Hilfe meines Hotelchefs Paulas Großeltern gefunden, die in ihrer traurigen Welt saßen wie eh und je, und die wie eh und je ihren Goldsohn vor mir schützen wollten. Nicht mal seine Telefonnummer haben sie herausgerückt. „Du bist Schuld an allem, Du hast uns unser Enkelkind, unsere Paula, weggenommen“, weinte Oma Gergana. Worauf Stefan, also der Hotelchef, nur sagen konnte: „Langsam, langsam, wie ganz Bankya weiß, hat euer Sohn in Deutschland inzwischen die fünfte Frau und ihr habt ungefähr sechs Enkel.“ Er kannte nämlich, wie das Leben so spielt, just im Haus meiner Ex-Schwiegereltern einen Arbeitskollegen …

Ich habe mir nach diesem Besuch ein fürstliches Essen für 17 Euro geleistet mit den besten Kebaptschitschi aller Zeiten, das hier ungefähr 50 Euro gekostet hätte. Und ich wusste endlich: Wäre ich dem Kind zuliebe verheiratet geblieben, wäre ich heute noch ärmer, und mein Kind hätte trotzdem nicht mehr Liebe erfahren. Nur Heuchelei.

Paula sieht das anders, bzw. möchte das anders sehen. Sie hat sehr geweint, als sie erfuhr, dass ihr Vater die ganze Zeit in Deutschland war und ist und seit Jahren nicht ein einziges Mal nach ihr gefragt hat. Eine Woche nach meinem Bulgarientrip hat er Paula dann angerufen. Und natürlich bin ich schuld, dass er sich 28 Jahre nicht gemeldet hat, wer sonst! Ich hätte ihm den Umgang mit Paula bis zur Scheidung (also ein halbes Jahr lang) verweigert.

Seine Telefonnummer hat er Paula trotzdem nicht gegeben. Okay – weil Bulgaren eigentlich sehr hilfsbereite Leute sind, hat sie inzwischen jener Hotelchef in Bankya für mich herausgefunden. Mein Exmann lebt in Bayern. Vielleicht werde ich den schönen Kiril, der übrigens immer noch aussieht wie Richard Gere, dort mal überraschen, nur um ein bissel zu nerven. Was soll’s – ich glaube, ich habe meine Schuldigkeit getan. Jetzt kann Paula allein entscheiden, wie sie mit dem Thema „Vater oder nur Erzeuger?“ umgehen will. Geb’s Gott, dass sie nicht eines Tages für diesen Hallotri aufkommen muss …

Aug in Aug mit den Meeresengeln

Und da solche Erlebnisse trotz allem Nervenzellen verbrauchen und ich überhaupt zur Zeit das Gefühl habe, die Karten meines Lebens werden irgendwie neu gemischt, war ich vor ein paar Tagen schon wieder mal kurz weg – in Valencia, u.a. um für meine Tochter ein paar Sachen abzuholen, die sie während ihrer Sprachreise dort vergessen hatte. Ja, ja, ich – das Muttertier …

Aber die Flugangebote waren so preiswert, da musste man einfach losfliegen. Und Valencia kannte ich noch nicht. Es empfing mich dann auch mit freundlichen Temperaturen um die 20 Grad und Sonnenschein. Wie gesagt: Ende November. Das Hotel lag direkt am Strand und die obligatorische Stadtrundfahrt habe ich gleich zweimal gemacht: Am Tag und des Nachts – da gehörte mir der Bus ganz allein. Am meisten hat mich das trocken gelegte Flussbett des Turias fasziniert. Das halte ich wirklich für sehr kreativ: Ein Fluss tritt einmal zu oft (1957) über die Ufer, da wird er einfach umgeleitet. Und nun mäandert der ehemalige Flusslauf als Parkanlage auf einer Länge von sieben Kilometern durch die Stadt. Ich wäre diese Strecke gern abgelaufen, aber nach dem Besuch des Aquariums in der utopischen Stadt der Wissenschaft und Kultur des Architekten Calatravas schaffte ich es gerade mal so ins Hotel. Habe sogar die Flamenco-Show sausen lassen. Und musste mir eingestehen: Das wird wohl nichts mehr mit dem Jacobsweg und meinen Füßen.

Nun sind wir mitten im Advent. Alle warten auf den Weihnachtsmann – in Spanien noch mehr auf die Heiligen Drei Könige im Januar…Apropos: In den USA ist nun Barack Obama wie einst jener König Balthasar auf dem Weg nach Jerusalem schon unterwegs ins Weiße Haus…Welche Gaben wird er bringen? Und welcher Messias wird in der Krippe liegen – sein eigener Klon?

Apropos Clown: Wer wirklich vorweihnachtliche Ruhe sucht, sollte mal wieder in ein Aquarium gehen. Es ist einfach erhebend, wenn manche dieser Wasserengel, womit ich Fische und Meeressäuger aller Art meine, versuchen, mit dem Fremden vor der Glaswand in Kontakt zu treten. Durch putzige Kunststückchen zum Beispiel oder durch seltsames Verharren hinter der Glaswand, Aug in Aug mit dem Betrachter. Dazu laufen Bandaufnahmen vom Gesang der Wale. Da kann man dann wirklich sagen: Oh, du schöne, stille Weihnachtszeit …

Ein frohes Fest wünscht

Eure Daggie

P.S. Diesmal werde ich mir überlegen, ob ich mal einen Weihnachtskarpfen schlachten lasse.