Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 76 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Komponisten und Musiker Günther Fischer fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Günther Fischer

 

Komponist mit "genialischen Zügen"

Als Ausnahmemusiker wird er bezeichnet, als einer der großen deutschen Filmkomponisten von internationalem Rang. Als Leiter einer der erfolgreichsten und beständigsten Jazzformationen sorgt er mit der Günther Fischer Band nicht nur Deutschland- und Europaweit für ausverkaufte Konzerthäuser. Er komponierte, arrangierte und musizierte für und mit Manfred Krug, Uschi Brüning, Veronika Fischer, Christiane Ufholz und vielen anderen, schrieb Musiken für mehr als 200 Spielfilme und TV-Serien, komponierte Musicals und Theatermusiken. Er arbeitete in Hollywood, komponierte für Filme mit Tony Curtis oder David Bowie („Schöner Gigolo, armer Gigolo“, 1978) und immer wieder mal für seinen Freund, den Schauspieler Armin- Müller Stahl. Mit ihm hat Fischer gerade eine brandneue gemeinsame CD herausgebracht.     
Von all dem konnte man damals, Mitte der 60-er, noch nichts ahnen. Ich war 15, als ich Günther Fischer zum ersten Mal, eher zufällig, auf einer Bühne erlebte. Es war im damaligen Berliner „Haus der Jungen Talente“ an der Klosterstraße, wo ich einen Tanzstundenkurs belegte. Ein Sonntagnachmittagskonzert mit dem Siegfried-Gärtner-Quartett aus Potsdam war angekündigt. Auf der Bühne stand inmitten der Band ein eher schüchterner junger Mann von 19 mit seinem Saxophon, nestelte nervös am Mikrophon herum und wäre wohl am liebsten wieder von der Bühne gegangen – aus Ehrfurcht vor dem kritischen Berliner Publikum.
Damals hatte der am 23. Juni 1944 in Teplitz geborene Musiker, der schon als Kind Geigen- und Klavierunterricht erhielt, gerade ein Studium am Robert-Schumann- Konservatorium Zwickau hinter sich, das er zwischen 1965 und 69 mit einem Studium an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ (Klarinette, Saxophon, Komposition) fortführte. Nebenbei spielte er bei Klaus Lenz (1966/67) und gründete im Herbst 1967, mit 23, seine eigene Jazzband – das Günther Fischer Quartett (ab 1969 Quintett, ab 1979 Sextett).
Längst war aus dem „schüchternen jungen Mann“ ein gestandener und gefragter Musiker geworden. „Genialische Züge“ sprach ihm Schriftstellerin Gisela Steineckert schon 1972 in einem Beitrag im Jugendmagazin „neues leben“ zu. „Wenn mit genialisch gemeint ist, dass bei jemandem das Schöpferische in besonderer Weise ausgeprägt ist“, fügte sie hinzu. Und gab auch einen kleinen Einblick in die damaligen Lebensumstände des jungen Musikers: „Mitten in Berlin, Hinterhof, Parterre, gibt es so was Ähnliches wie eine Wohnung, dunkel, kaum zu beheizen, da wohnt Günther Fischer.“ Der Kreativität schien das keinen Abbruch zu tun. Denn zu dieser Zeit hatte Fischer bereits etliche Songs für Manfred Krug geschrieben – für die LP „Das war nur ein Moment“ (1970) und „Ein Hauch von Frühling“ (1972) – 1973 folgen „Greens“, 1976 „Du bist heute wie neu“. Scheiben, die heute absoluter Kult sind.

Im vergangenen Jahr wurde Günther Fischer 65, doch fortan ein wenig kürzer zu treten, wie es seine Frau Petra, eine Radiologin, gern hätte, das kann er nicht. Es gibt einfach zu viele interessante Angebote, und irgendwie fällt ihm immer wieder Neues ein. Manchmal arbeitet er parallel an mehreren Projekten. „Wenn ich weniger mache, bin ich nicht besser, im Gegenteil. So bin ich im Schwung“, sagte er einmal. Fischer macht, was ihn interessiert. Das war ihm stets wichtiger, als die Tatsache, ob hinter dem Angebot eine große renommierte Firma steht, ein kleiner Sender oder ein wenig bekanntes Theater. Wer sich das leisten kann, der hat es geschafft.

Abb. (v.o.n.u.): Günther Fischer Band 1972 und 1977, Günther Fischer 2009 im Konzert und im November 2010 in einer TV-Talkshow.

Fotos: Archiv (M&R, nl), Nachtmann, Dittmann

1997 zog Günther Fischer mit seiner Frau und den beiden Kindern Robert und Laura an die Südküste Irlands. Die Natur dort und die natürliche Offenheit der Iren hätten es ihm angetan, sagt er. In Irland habe er sein Saxophon meistens im Kofferraum des Autos dabei, denn eine Einladung, spontan in irgendeinem der Pubs zu spielen, könne man einfach nicht ablehnen.

Seine musikalische Ader haben wohl auch seine Kinder geerbt – Robert spielt Gitarre, Laura gründete als Sängerin und Pianistin schon mit 13 ihre eigene Band und hat bereits zwei Alben veröffentlicht. Seit 2006 tritt die inzwischen 22-Jährige mit der Fischer Band gemeinsam auf. Und natürlich singt sie dann auch jenen Song, den hierzulande fast jeder kennt – den Titelsong zum DEFA-Film „Solo Sunny“.

 Ingeborg Dittmann