Der Spagat geht schon wieder

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke lässt das alte Jahr Revue passieren und freut sich auf lichtere Zeit

 

Was in der dunklen Jahreszeit wieder für Energie verballert wird – unglaublich. Und das bei steigenden Strompreisen und dem höchsten CO2-Ausstoß in der Welt seit Jahren. An die Silvesterknaller darf ich noch gar nicht denken, mir machen schon die Schüsse, die man neuerdings aus der Schießhalle in meinem Wohngebiet hört, Angst. Bei all dem rechten Sumpf in diesem Land kann man nie wissen, was im engsten Umfeld eigentlich passiert. Aber immerhin – als ich noch vor zwei Jahren in den Baumärkten nach Solar-Weihnachtslichterketten fragte, wurde ich belächelt, weil Solarenergie im Winter angeblich nicht effektiv arbeiten könne. Heute habe ich wunderbare Solar-Lichterschläuche an meiner Außentreppe angebracht, und sie erleuchten schon seit sechs Stunden fröhlich die neblige Nacht, ohne zu schwächeln. Dennoch kann ich diese Dauerdunkelheit nur ertragen, weil ich pausenlos unterwegs bin. Bloß nicht einkuscheln und in die Ferne gucken, da laufen nur Dokumentationen aus dem Dritten Reich, tragische Biografien einsamer Frauen oder Koch- und Talkshows, die einen noch tiefer in die Depression treiben als man schon ist. Dazu das Comeback von Herrn „von und zu“. Immer mehr Entlassungen in deutschen Großunternehmen, obwohl angeblich die Wirtschaft boomt. Der arabische Frühling ist ein eisiger Winter geworden, wie ich es schon ahnte, Nun sollen auch noch die Tiere aus dem Zirkus entlassen werden. Und außerdem verstehe ich nicht, was sich eigentlich ändert, wenn Fernsehen bald nur noch digital gesendet wird. Ja, die Weihnachtszeit ist gekommen. Es wäre an der Zeit, inne zu halten und das vergehende Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Wenn ich mir die Fotos von 2011 anschaue, da kann ich nur sagen: Gott, was bin ich für ein gut aussehender, beliebter und weit gereister Mensch! Aber manchmal denke ich, das auf den Fotos bin gar nicht ich. Meine Todesängste, meine Angst vor der Alterseinsamkeit, vor Schlaganfall und Alzheimer ahnt da keiner. Also besuche ich hier eine Vernissage, dort ein Kabarett oder ein Kino, begleite einen Kollegen auf seine Nostalgie-Datsche im Jerichower Land, teste einen Weihnachtsmarkt in Magdeburg, lade Freunde in meine Vorstellungen ein, bereite mich auf die Silvesterfeier in der Radiosendung von Siggi Trzoß vor, wo man viele Kollegen trifft, und ich backe schon seit Wochen Plätzchen – die ich zum Teil verschenke bzw. alle selbst auffuttere. Dazu kommen die Therapiestunden beim Logopäden, die Physiotherapien wegen meiner Leisten-Zerrung und so vergeht die Zeit noch schneller als normalerweise. Und wenn ich das nächste Mal an dieser Stelle schreiben darf, geht es schon wieder aufwärts mit den Lichtverhältnissen. Dann wird auch meine Tochter Paula aus Spanien zurück sein, ihr Kater wird nicht mehr allnächtlich mit gefühlten acht Kilo auf meinem gezerrten Bein herumliegen, und auch meine Stimme wird wieder funktionieren wie einst im Mai, wenn nicht sogar besser, denn ich lerne das Atmen und Singen gerade ganz neu. Schön, wenn man die Hoffnung mit ins Neue Jahr nehmen kann. Übrigens: Den Spagat, den ich seit August wegen einer Verletzung, die eigentlich nur Fußballer haben, weglassen musste, habe ich anlässlich der Jubiläumsshow zu Helga Hahnemanns 20. Todestag schon wieder geschafft – trotz des strikten Verbots von Arzt und Physiotherapeutin. Wie heißt es bei uns Ballettratten? Immer drauf auf den Schmerz, das ist das einzige, was hilft. Ja, ja – 20 Jahre ohne Henne, und auch für mich ist sie „immer noch dicke da“, wie mein Wolle, der „Panda“, ein enger Freund von Helga aus Vorwendezeiten, ihr bei unserem gemeinsamen Friedhofsbesuch aufs Grab geschrieben hat. Ich habe im Auftrag der „Oderhähne“ ein Gesteck niedergelegt. Der Tierschutzverein, dem Helga ihr Vermögen vermacht hat, hat zu ihrem Gedenken eine große Annonce in der Morgenpost geschaltet. Aber sonst weist auf dem Friedhof nichts darauf hin, dass hier die große Entertainerin ruht – Familie Hahnemann, mehr steht nicht auf dem Grabstein. Was kann man noch tun, um die dunkle Zeit zu überbrücken? Verreisen? Nicht schon wieder. Im nächsten Jahr will ich im Februar nach Südafrika und im März nach Sizilien, was mir schon unterschwellige Kritik meiner besten Freundin Elfriede eingebracht hat: „Typisch Ossi – kein Geld, aber überall hin müssen“. Wobei mich das abwertende „Ossi“ doch etwas irritiert hat aus ihrem Munde. Was noch gut täte in der Adventszeit? Eine Diät, bevor die Gänse und Karpfen wieder auf den Tischen dampfen. Oder man sollte etwas Gutes tun – freiwillige soziale Arbeit in diesen menschlich kalten Zeiten, auch, um schon mal zu üben. Es gibt da nämlich einen Philosophen namens Richard David Precht, der öffentlich darüber nachdenkt, ein soziales Pflichtjahr für rüstige Rentner einzuführen, um den Pflegenotstand seit Abschaffung der Wehrpflicht ausgleichen zu können. Na, das sind doch schöne Aussichten für die Zukunft – immer am Ball bleiben, auch im Alter, zur Not auch freiwillig unter Zwang. In diesem Sinne frohe Weihnachten! Eure Daggie