Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 88

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Filmkomponisten Peter Gotthardt fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Peter Gotthardt

 

Er schrieb die Filmmusik zu "Paul und Paula"

 

„Filmmusik ist die Seele des Films – unergründlich, unberechenbar, sie ist abhängig, selten eigenständig, aber immer aufs Neue ein faszinierendes Abenteuer. Sie ist für einen guten Film unentbehrlich.“ – Wer, wenn nicht er, muss es wissen. Seitdem Peter Gotthardt 1965 von Winfried Junge („Die Kinder von Golzow“) fürs Kino entdeckt wurde, schrieb er an die 500 Filmmusiken. Am 22. August feierte der in Leipzig geborene und seit vielen Jahren in Berlin-Mahlsdorf lebende Komponist seinen 70. Geburtstag.

Er ist nicht nur einer der produktivsten Komponisten unserer Zeit, sondern auch Pianist, Hörspiel- und Drehbuchautor, Texter, Produzent – ein wahres Multitalent. Er schrieb Kammer- und Ballettmusiken, Oper und Musical, Orchesterwerke, Kantaten, Liederzyklen nach Texten von Brecht und immer wieder Filmmusiken. Dabei schlägt er gern Brücken zwischen so genannter E- und U-Musik, etwa Kammermusik und Pop.

Dass sein Name in der breiten Öffentlichkeit, außerhalb von Fachkreisen, weniger bekannt ist, ist wohl das Los des Filmkomponisten, der meist nur im Abspann genannt wird. So geschehen auch beim DEFA-Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“, der 1973 in die Kinos kam. Noch heute fehlen die Songs aus dem Film „Wenn ein Mensch lebt“, „Geh zu ihr“ und „Von der Liebe ein Lied“ bei kaum einem Konzert der Puhdys. Dass die „Klassiker“ aus der Feder des Komponisten Peter Gotthardt stammen, wissen indes die wenigsten. Im Grunde hat die Band dem Komponisten ihren furiosen Start Anfang der 70-er mit zu verdanken. Gotthard: Nach der Zusammenarbeit mit Heiner Carow bei seinem Film von 1968 „Die Russen kommen“, bat er mich, die Filmmusik für „Paul und Paula“ zu schreiben. Doch ich hatte kaum Ahnung von Rockmusik, war sozusagen „klassisch versaut“. So setzte ich mich an Radio und Tonband und hörte Tag und Nacht Unterhaltungsmusik. „Geh dem Wind nicht aus dem Wege“, einer der ersten eigenen Songs der Puhdys, fiel mir dabei auf und ich schlug dem Produktionsleiter vor, die Band für den Film zu engagieren.

Die Zusammenarbeit mit Carow setzte sich fort, u.a. mit „Bis dass der Tod euch scheidet“ oder „Ikarus“. Doch auch für andere DEFA-Klassiker wie die „Insel der Schwäne“ und „Sieben Sommersprossen“ (Herrmann Zschoche) oder für Ralf Kirstens Käthe- Kollwitz-Film schrieb Gotthardt die Musik, zudem für zig „Polizeiruf 110“- Streifen, TVSerien wie „Mensch Herrmann“ oder den meistgespielten DEFAMärchenfilm „Schneeweißchen und Rosenrot“. Für Frank Beyers „Hauptmann von Köpenick“ mit Harald Juhnke in der Hauptrolle schrieb Gotthardt ebenfalls die Musik. In den letzten Jahren arbeitete er u.a. für Volker Schlöndorff und Armin Müller-Stahl („Hitlerkantate“).

Abb.: Peter Gotthardt am 21. November 2011 im Schloss Biesdorf (oben) und im Gespräch mit Regisseur Volker Schlöndorff.

Fotos: Dittmann, Archiv

Sein Handwerk erlernte der seit 1947 in Berlin lebende Peter Michael Gotthardt zwischen 1961 und 66 an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. „Ich belegte, was ganz ungewöhnlich war, gleich vier Hauptfächer – Komposition, Klavier, Korrepetition und Dirigieren“, erinnert sich Gotthardt. Danach arbeitete er zwei Jahre an der Komischen Oper Berlin als Ballett-Korrepetitor. In diese Zeit fällt auch seine enge Zusammenarbeit mit dem legendären Sänger und Schauspieler Ernst Busch, für den der damals junge Komponist arrangierte und komponierte und Schallplatten aufnahm. Als Leiter des „Ensemble 66“ tourte Gotthardt durch viele Länder und war Mitte der 70-er Chef für Schauspielmusik am Volkstheater Rostock. Seit 1976 ist er freiberuflich tätig.

Nach der Wende gründet der Komponist das Verlagshaus Gotthardt, produziert nun Tonträger, Schriften, Theaterstücke. Für sein Originalton-Hörspiel „Ich schlage vor, den Beifall kurz zu halten“ erhält er den Ernst-Reuter-Preis. Auch eine Oper hat er vor knapp zwei Jahren geschrieben – „Das Hexenflosz“. Eine Oper ohne Orchester, das gab es wohl bisher nicht. Dafür mit neun Chören und 13 Solisten. Das ist aufwändig aufzuführen, doch Gotthardt hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es noch einmal klappt. Erleben kann man den Komponisten seit vielen Jahren als Stummfilmpianist im Zeughauskino Unter den Linden oder anderswo. Zu seinem 70. Geburtstag gab der APHAIA Verlag Berlin ein Buch über ihn heraus „Mitunter fällt mir etwas ein“, in dem auch Gedichte von ihm zu lesen sind. Das kürzeste geht so: Mitunter fällt mir etwas ein / So wichtig wird`s dann meist nicht sein / Auch trau ich der Idee oft nicht / Doch ja – vielleicht wird`s ein Gedicht?“ Oder eine neue Komposition? Auch mit 71 kann sich Peter Gotthardt einfach nicht zurücklehnen.

Ingeborg Dittmann